
AUDIO: Wie Russland Kinder und Jugendliche zu „Terroristen“ erklärt (4 Min)
Repression
Stand: 06.07.2026 18:34 Uhr
Russland deklariert Familien- und Kinderschutz als höchste Priorität und rechtfertigt damit häufig seine restriktive Innenpolitik. Doch aktuelle Analysen unabhängiger Menschenrechtsorganisationen zeigen: Immer häufiger werden Jugendliche auf Grundlage fadenscheiniger Terrorismusvorwürfe zu langen Haftstrafen verurteilt. Der MDR hat mit den Autoren der Analysen gesprochen und erzählt Geschichten einiger Betroffener.
Arsenij Turbin war 15 Jahre alt, als FSB-Mitarbeiter gegen sechs Uhr morgens bei ihm und seiner Familie eine Hausdurchsuchung durchführten. Die Taten, die ihm zur Last gelegt wurden, soll er im Alter von 14 Jahren begangen haben. Der Junge hatte Flugblätter mit Kritik am russischen Machthaber Wladimir Putin verteilt und sie in die Briefkästen der Nachbarhäuser eingeworfen.

Arsenij Turbin wurde im Alter von 15 Jahren festgenommen und sitzt aus fadenscheinigen Gründen im Gefängnis.
Diese völlig legalen Handlungen des Jungen seien von den Ermittlungsbehörden künstlich kriminalisiert worden, heißt es in einem Bericht der Organisation für historische Aufklärung und Menschenrechte „Memorial“, die in Russland verboten ist und aus dem Exil operiert. Arsenij Turbin wurde vorgeworfen, als Mitglied einer terroristischen Organisation gehandelt zu haben. Zunächst wurde er unter Hausarrest gestellt. 2024 verurteilte ihn ein Militärgericht zu fünf Jahren Haft in einer Jugendstrafkolonie. Noch im Gerichtssaal wurde der Jugendliche in Gewahrsam genommen.
Die Verfolgung Minderjähriger nimmt rasant zu
Arsenijs Schicksal reiht sich in zahlreiche ähnliche Fälle ein. Insgesamt sind „Memorial“ Verfahren gegen mindestens 427 Jugendliche bekannt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit politisch motiviert sind. In 299 Fällen kam es zu einem Freiheitsentzug – durch Untersuchungshaft, Hausarrest oder die Verurteilung zu einer Haftstrafe. „Leider verzeichnen wir in den letzten Jahren buchstäblich einen explosionsartigen Anstieg der Verfolgung von Minderjährigen aus politischen Gründen“, sagt Tatjana Iwanowa, Mitautorin des „Memorial“-Berichts.
Vor Russlands Großoffensive gegen die Ukraine waren solche Fälle selten: 2020 und 2021 registrierte „Memorial“ jeweils fünf. Doch bereits 2022 stieg ihre Zahl auf 14. Für das Jahr 2025 dokumentierten die Menschenrechtler mindestens 203 neu eingeleitete Verfahren. Im laufenden Jahr gibt es inzwischen 50. „Von diesen 50 Fällen aus dem Jahr 2026, die uns bekannt sind, kennen wir die Namen von nur fünf Kindern“, so Iwanowa.

Arsenij Turbin am Grab des ermordeten Oppositionellen Alexej Nawalny
Das liege daran, dass der Repressionsapparat in Russland immer undurchsichtiger werde: Zahlreiche Gerichtsverfahren finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Informationen über Festnahmen und Verhaftungen gelangen kaum oder unvollständig an die Medien. Zudem werden die Verfolgten, ihre Angehörigen und ihre Anwälte von den Ermittlungsbehörden bedroht und meiden aus Angst jede öffentliche Aufmerksamkeit. Daher ist die Datenbank von „Memorial“ das Ergebnis mühsamer Recherchen und wird fortlaufend ergänzt.
Ob ein Fall als „mit hoher Wahrscheinlichkeit politisch motiviert“ eingestuft und in die Statistik aufgenommen wird, beurteilt „Memorial“ anhand von Indizien – etwa überzogene Strafen für Lappalien oder politische Äußerungen der Betroffenen – sowie wiederkehrenden Mustern im Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden.
Kinder und Jugendliche als neues Ziel der Repression
Auch die Menschenrechtsorganisation OVD-Info, die am 4. Juni vom russischen Regime als „extremistische Organisation“ eingestuft wurde und aus dem Exil arbeitet, beobachtet einen deutlichen Anstieg der politisch motivierten Verfahren gegen Minderjährige. „Vor etwa zwei Jahren stellten wir fest, dass die Behörden Kinder und Jugendliche zu einem eigenständigen Ziel der Repressionen gemacht haben“, sagt deren Pressesprecher Dmitrij Anisimow.
Um die mangelnde Transparenz der Gerichtsverfahren zu kompensieren, analysierten die Menschenrechtler von OVD-Info das öffentliche Verzeichnis der Terroristen und Extremisten. Dieses wird von der staatlichen Finanzaufsicht geführt und auch zur Verfolgung von Kritikern des Regimes genutzt. Das Ergebnis: Im Jahr 2021 waren 74 Minderjährige in dem Verzeichnis erfasst. Derzeit sind es 792. „Da manche Personen mit der Zeit aus der Liste gestrichen werden, fällt der tatsächliche Anstieg noch höher aus: Die Zahl der aufgenommenen Minderjährigen hat sich im Vergleich zum Vorkriegsjahr 2021 verzwölffacht“, sagt Anisimow.
Warum der russische Staat verstärkt gegen Jugendliche vorgeht, können die NGOs nicht mit Sicherheit sagen, offizielle Stellungnahmen der Behörden gibt es dazu nicht. Die Menschenrechtler weisen auf die zunehmende Verfolgung aller Andersdenkenden in Russland hin. Zudem vermuten sie, dass Jugendliche dem alternden Regime als schwer kontrollierbar erscheinen können. Die Verfolgung soll demnach der Abschreckung dienen.
Video:
Verbot der russischen Menschenrechtsorganisation und Friedensnobelpreisträger „Memorial“ (1 Min)
Wenn ein Jugenddelikt zu Terrorismus wird
Neben Arsenij Turbin, der heute 17 Jahre alt ist, steht auch die ebenfalls 17-jährige Anna Schurawlowa auf der Terroristenliste. Mit 14 zündete sie auf einem Brachgelände einen gewöhnlichen Feuerwerkskörper, filmte es und veröffentlichte das Video in einem Telegram-Kanal, in dem Jugendliche über Waffen diskutierten. Dort soll sie auch behauptet haben, ihre Schule in vier Jahren überfallen zu wollen. Daraufhin wurde die Schülerin verhaftet, unter anderem wegen Terrorismus. In den Augen von „Memorial“-Expertin Iwanowa ist das völlig überzogen: „Oft diskutieren Kinder miteinander über mögliche Brandstiftungen, prahlen voreinander damit oder werfen selbstgebaute Brandsätze auf verlassene Gebäude. Das sind letztlich Handlungen von Kindern – ziemlich unvernünftig und gefährlich, aber sie werden als Terrorismus eingestuft“.
Da Jugendliche nicht wegen aller Delikte strafrechtlich verfolgt werden könnten, griffen die Ermittlungsbehörden zunehmend auf schwerere Tatvorwürfe zurück, die eine Strafverfolgung bereits ab 14 Jahren ermöglichen, vermutet OVD-Info-Sprecher Anisimow. So gerieten schutzbedürftige Menschen in ein System, das für schlechte Haftbedingungen und Menschenrechtsverletzungen bekannt ist.
In der Untersuchungshaft soll Anna von anderen Insassinnen misshandelt worden sein, ohne dass die Anstaltsleitung dagegen einschritt. Daraufhin wurde das Mädchen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen – und nach der Behandlung in dieselbe Zelle zurückgebracht. „Erst nachdem der Fall breites öffentliches Aufsehen erregt hatte, wurde Anna aus der Untersuchungshaft in den Hausarrest verlegt und darf wieder bei ihrer Mutter leben“, erzählt Anisimow. Ihr Verfahren dauere jedoch weiterhin an.

Kindeswohlbefinden in Deutschland
NGOs fordern Schutz des Kindeswohls
Der Schutz von Kindern, Familien und traditionellen Werten ist ein zentraler Bestandteil der staatlichen Propaganda in Russland. Darauf berufen sich Vertreter des Machtapparats immer wieder, um politische Entscheidungen zu rechtfertigen. Doch hinter dieser Fassade verberge sich eine andere Realität, sagt Anisimow: „Tatsächlich machen die russischen Behörden keinen Unterschied zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Sie behandeln Kinder und Jugendliche wie Erwachsene und bestrafen sie mit derselben Härte.“
„Memorial“ fordert, dass Russland seine eigenen Gesetze zum Umgang mit Minderjährigen einhält und die Rechtspraxis an internationale Standards anpasst. „Die Strafverfolgungsbehörden und das Justizsystem stellen nicht den Schutz von Kindern in den Mittelpunkt. Es geht nicht um ihre Rehabilitation. Stattdessen ist das System klar auf Anklage und Bestrafung ausgerichtet. Kinder werden häufig zu langen Haftstrafen verurteilt“, so Iwanowa.
Anfang dieses Jahres ist gegen Arsenij Turbin ein neues Strafverfahren eröffnet worden. Ihm wird vorgeworfen, an einer Meuterei in der Jugendstrafkolonie teilgenommen zu haben. Menschenrechtler sind überzeugt: Das eigentliche Ziel sei, Turbins Freilassung zu verhindern. Eine Zeit lang war er der jüngste politische Gefangene Russlands. Im August wird er volljährig. Seinen 18. Geburtstag verbringt Arsenij vermutlich hinter Gittern.
MDR (tvm)

Festnahmen bei Grenzkontrollen



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