
AUDIO: Nashorn im Raum: Kunstinstallation zieht von Magdeburg nach Halle (4 Min)
Kunstinstallation
Stand: 07.07.2026 04:00 Uhr
In Halle wird am Dienstag die Kunstinstallation „The Rhinoceros in the Room oder: Ein Märchen von Banalität und Bösem“ eröffnet. Geschaffen hat das riesige luftgefüllte Nashorn der in Berlin lebende deutsch-israelische Künstler Itamar Gov. Es wurde zuvor im Kunstmuseum Magdeburg ausgestellt und geht nun auf Tour durch Sachsen-Anhalt. Nächste Stationen sind Salzwedel und Dessau. Was hinter der Idee steckt.
In Magdeburg hat es schon Furore gemacht: Das überdimensionierte Nashorn, das ein ganzes Kirchenschiff einnimmt. Das ist spektakulär als außergewöhnliches Fotomotiv, aber auch durch den politischen Hintersinn. Aufgeblasen wie ein Heißluftballon, füllt das neun Meter hohe, sieben Meter breite und 16 Meter lange Tier fast den gesamten Raum – wirkt dabei niedlich und angsteinflößend gleichermaßen.
Zusammen mit der dazugehörigen Klanginstallation sei das eine ambivalente Gemengelage, sagt Annegret Laabs. Die Leiterin des Kunstmuseums Magdeburg schickt die Installation von Itamar Gov nun auf eine Reise durch Sachsen-Anhalt – als erstes in die Moritzkirche in Halle.
Nashorn mit politischer Botschaft
„Wir bewegen uns durch den Raum, lauschen der Musik und sind verunsichert“, erklärt Laabs die Installation. Denn Nashörner seien Riesentiere, die plötzlich losrennen und Menschen vernichten könnten, indem sie sie über den Haufen rennen. Eigentlich seien sie friedfertig – aber „wehe, man reizt sie, dann sind sie ohne Ende aggressiv“. Der Dickhäuter ist allerdings mit Luft gefüllt und weiß wie die Unschuld.
Das Nashorn ist eigentlich friedfertig – aber wehe, man reizt es, dann ist es ohne Ende aggressiv.
Annegret Laabs, Direktorin Kunstmuseum Magdeburg
Inspirationen aus Kunst und Literatur
Auf diesen Widersprüchen beruht die Installation von Itamar Gov, der sich zu seinem Werk auch von der Kunst- und Literaturgeschichte inspirieren ließ. Zum Beispiel vom gezeichneten „Panzernashorn“ von Albrecht Dürer, das zum Sinnbild imperialer Macht wurde. Oder vom Theaterstück „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco, in dem die Verwandlung der Menschen in Nashörner als Metapher für gesellschaftliche Konformität und Widerstand steht.

Der berühmte Holzschnitt „Rhinocerus“ von Albrecht Dürer. Der Künstler hatte das Tier nie gesehen, die Abbildung entstand aufgrund von Beschreibungen anderer.
Ein „Nashorn im Raum“ statt eines Elefanten
Der deutsch-israelische Künstler Gov sagte MDR KULTUR dazu, es habe sich daraus im Hebräischen die Formulierung „sich rhinocerisieren“ entwickelt. Sich „rhinocerisieren“ wäre, wenn Menschen oder Gesellschaften in die Richtung von autoritären Ideen und nationalistischen Kräften gingen.
Für Gov funktioniere dieses Bild gut mit der vergleichbaren Metapher des „Elefanten im Raum“: als etwas, das sehr groß sei und das man eigentlich nicht wirklich ignorieren kann – aber trotzdem wolle man darüber nicht wirklich sprechen.
Ausstellungsklänge vereinen düstere Ballade und Wiegenlied
Auch eine Klanginstallation gehört zum Kunstwerk in Halle. Die Musik bringe dabei Goethes „Erlkönig“ zusammen mit einem Wiegenlied auf Hebräisch.
In der düsteren Goethe-Ballade versucht ein Kind, seinen Vater davon zu überzeugen, dass es sterben wird – der Vater versucht wiederum, das Kind zu überzeugen, dass es keine Gefahr gebe. Am Ende ist das Kind tot. Das hebräische Wiegenlied wiederum sei „sehr, sehr süß und sehr beruhigend, ein bisschen melancholisch“, so Gov.

Aufbau der Installation im Kunstmuseum Magdeburg (Archivbild). Das Nashorn geht nun auf Tour durch Sachsen-Anhalt.
Es sind diese Widersprüche, mit denen der 1989 in Tel Aviv geborene Künstler die fragilen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Erinnerung und Vorstellung hinterfragt. Die Musik sei süß – aber auch beängstigend, sagt Gov. Und auch das Nashorn sei ein riesiges Monster – aber am Ende ist es aus Luft und überhaupt nicht gefährlich.
Ausstellung spielt auf Hannah Arendt an
Der Untertitel der Ausstellung „Ein Märchen von Banalität und Bösem“ ist zudem eine Anspielung auf Hannah Arendt. Die Philosophin beschrieb in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, wie ein Bürokrat, der in seiner Amtsstube sitzt und eigentlich gar nichts Böses meint, trotzdem zum Mitläufer wird.

Hannah Arendt beobachtete den Gerichtsprozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann, der 1961 für den millionenfachen Mord an Juden zur Verantwortung gezogen wurde, und schrieb darüber ein Buch.
Ein Nashorn, was durch die Gegend trampelt wie ein Trump – ich glaube mehr muss man als Bild nicht erzeugen, um zu zeigen, worum es in dieser Installation geht.
Annegret Laabs, Direktorin Kunstmuseum Magdeburg
Das sei so auch in der Installation von Itamar Gov gemeint, sagt Museumschefin Laabs: „Da ist etwas, wir können es nicht fassen, aber es ist da, es ist das Böse“. Und sie ergänzt: Wir seien alle nicht ganz frei davon, diesem Bösen hinterherzulaufen oder sogar zum Bösen zu werden. „Ein Nashorn, was durch die Gegend trampelt wie ein Trump – ich glaube mehr muss man als Bild nicht erzeugen, um zu zeigen worum es in dieser Installation geht.“

Im Kunstmuseum Magdeburg bot das Kunstobjekt von verschiedenen Positionen aus überraschende und eindrucksvolle Ansichten.
Nicht ohne Grund geht das Nashorn auf Tour durch Sachsen-Anhalt, erklärt Laabs. „Rhinocerisieren heißt im hebräischen Gedankengut, sich totalitärem Gedankengut zu nähern, Meinungen unhinterfragt aufzunehmen und weiterzuverbreiten.“ Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen solle das Nashorn deshalb dazu einladen, sich zu über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auszutauschen. In Magdeburg habe das sehr gut funktioniert, so die Museumsleiterin.
Nur eine Woche hat man die Chance, das Nashorn in Halle zu sehen und natürlich auch abzulichten. Das sollte man nutzen.
„The Rhinoceros in the Room oder: Ein Märchen von Banalität und Bösem“
Kunstinstallation von Itamar Gov
Adresse:
St. Moritzkirche in Halle (Saale)
An der Moritzkirche 9 | 06108 Halle (Saale)
7. Juli, 19 Uhr: feierliche Eröffnung
8. bis 14. Juli: 11-17 Uhr für Publikum geöffnet
Weitere Stationen:
17. bis 27. Juli: Mönchskirche in Salzwedel
31. Juli bis 10. August: Alte Brauerei Dessau
Quelle: MDR KULTUR (Sandra Meyer), Kunstmuseum Magdeburg
Redaktionelle Bearbeitung: op, gw, vp