Die Geschichte von Mariama Sow ist eine Geschichte von Mut und Selbstbewusstsein. Davon, sich zu trauen und Ideen nicht nur zu denken, sondern auch zu leben. Seit drei Monaten ist sie in Wuppertal als Schwebebahnfahrerin im Einsatz. „Als erste schwarze Frau“, betont sie stolz.

Die 43-Jährige stammt aus Guinea in Westafrika. Auf ihrem Smartphone zeigt sie Videos von hohen Wasserfällen und nebelverhangenen Landschaften ihrer Heimat. Wuppertal mag keine Wasserfälle haben, bietet aber ebenfalls einen einzigartigen Ausblick – aus der Schwebebahn. Diesen Ausblick erlebt Mariama Sow nun fast jeden Tag aus der Fahrerkabine. Wobei sie betont: „Man braucht Konzentration und Disziplin.“ Die Fahrten selbst als Sightseeing zu betrachten, komme gar nicht infrage. „Ich konzentriere mich auf die Instrumente“ – und die Passagiere. Zwar sitzt sie in einer geschlossenen Kabine; das bedeutet aber keineswegs, dass sie nichts mitbekommt. „An jeder Haltestelle registriere ich die Fahrgäste.“ Besonders an der Station Döppersberg, wo die meisten Fahrgäste warten und viel los ist, müsse man sehr aufmerksam sein – „und darauf achten, dass die weißen Linien nicht übertreten werden, wenn die Bahn einfährt“. Oder wenn Rollstuhlfahrer mitfahren und sie die Rampe im vorderen Zugteil ausklappt.

2002 kam Mariama Sow nach Deutschland. Viele Jahre lebte sie in Winterberg im Sauerland und zog 2018 nach Oberbarmen. Das brachte den Anstoß. Während sie in der Gastronomie arbeitete, sah sie jeden Tag die Busse der Wuppertaler Stadtwerke und die Schwebebahn, die von Oberbarmen aus ihre Reise antritt. „Mich hat allein der Anblick glücklich gemacht“, erinnert sie sich – und so entstand der tiefe Wunsch, diese Schwebebahn selbst zu steuern. Die Ausbildung zur Busfahrerin war das Sprungbrett. Aber nicht das Ziel.

Andreas Haus, Leiter der Schwebebahn-Fahrschule, vermittelt den neuen Kolleginnen und Kollegen die Technik, besonders aber die Handhabung. „Ich könnte jemandem an einem Tag beibringen, wie man eine Schwebebahn bewegt“, sagt er. „Aber erheblich aufwendiger sind Störungsmanagement oder auch Maßnahmen zur Evakuierung.“ So nahm die Weiterbildung für die Schwebebahn vier Wochen in Anspruch. Mitte Februar absolvierte Mariama Sow die Prüfung – in Theorie und Praxis. „Ein bisschen Angst hatte ich schon, aber ich habe mein Bestes gegeben“, unterstreicht die 43-Jährige. „Meine Kinder wissen, wen sie haben – eine Kämpfer-Mama!“ Als sie die Prüfung bestand, habe sie gleich ihre Tochter angerufen. „Und sie meinte: Mama, ich hab dir doch gesagt, dass du das schaffst.“

Auch Andreas Haus bemerkte das Engagement schnell: „Ihre Motivation ist sehr überzeugend.“ Das macht die Wuppertalerin dankbar – und sie weiß: „Ich frage viel, ich bin neugierig.“ Allerdings bekräftigt die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern auch: „Das ist Teamarbeit.“ Ihre Dienste wechseln in drei Schichten; zurzeit sehe sie ihre neue Tätigkeit nicht als Stress: „Wenn ich meine Arbeit liebe, ist sie keine Belastung für mich. Ich bin sehr positiv eingestellt.“ Und zielstrebig obendrein: „Ich würde auch gern den Kaiserwagen fahren“, sagt sie geradeheraus. Ihr Chef Andreas Haus lächelt und ergänzt: „Wir schauen mal, was wir machen können.“ Denn dafür gibt es eine Sonderausbildung.

Mariama Sow liebt die Schwebebahn. Doch nach der Arbeit schaltet sie ab. „Ich genieße die private Zeit. Dann bin ich bei meiner Familie.“ Die Kämpfer-Mama, wie sie sich selbst genannt hat. Sie klingt entschlossen, mit einer ehrlichen Lebenshaltung. Beharrlich, ohne stur zu sein. Sie beweist, dass der Blick nach oben inspirieren kann. Wenn eine Schwebebahn vorüberzieht. Und wenn sie weiß, dass sie nicht allein ist. Sondern Kollegen vertrauen kann. Und den Zusammenhalt spürt. Um ein Verkehrsmittel zu steuern, das genauso beharrlich ist. Schließlich hat es bereits 125 Jahre überdauert.