Erst im März hatte die bulgarische Interimsregierung unter Premier Andrej Gjurow eine zehnjährige Verteidigungskooperation mit der Ukraine unterzeichnet. Die Regierung Radew will daran nicht rütteln. Zwar hatte der heutige Regierungschef die Vereinbarung kritisiert, doch sieht er offenbar auch die Vorteile, die sich aus der Modernisierung der bulgarischen Armee durch die Kampferfahrungen und die moderne Technologie der Ukraine ergeben.
Radew zu Sanktionen gegen Kyrill I.: „Zeit der Kreuzzüge ist vorbei“
Dass Bulgarien das neue EU-Sanktionspaket gegen Russland blockiert, hat andere Gründe. Einerseits will Rumen Radew, dass Patriarch Kyrill I., Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche und glühender Verfechter des Angriffskriegs gegen die Ukraine, von Sanktionslisten ausgeschlossen wird.
Die Orthodoxie ist wohl die engste Verbindung zwischen Bulgarien und Russland. Zwar ist die bulgarisch-orthodoxe Kirche vom russischen Ableger getrennt, doch gehören beide zur Ostkirche und teilen denselben Glauben sowie dieselbe Dogmatik. Bereits 2022 wollte die EU Kyrill I. auf Sanktionslisten nehmen – scheiterte aber am Veto des damaligen ungarischen Premiers Viktor Orbán.
Dass es nun einen neuen Versuch zur Sanktionierung des Patriarchen geben soll, bezeichnet Radew als „Einflussnahme in religiöse Beziehungen“. Der bulgarische Regierungschef rief dazu auf, Politik und Religion nicht zu vermischen: „Die Zeit der Kreuzzüge ist vorbei“, so Radew. Wie „Politico“ am Freitag berichtete, könnte sich auch Italien dem Widerstand gegen die Sanktionierung Kyrills I. anschließen.
Andererseits argumentiert Radew mit möglichen wirtschaftlichen Konsequenzen der geplanten EU-Strafmaßnahmen für sein Land. Zwar bezieht Bulgarien weder Erdgas noch Öl aus Russland. Der russische Ölkonzern Lukoil betreibt jedoch die einzige Raffinerie in Bulgarien, die mit Öl aus Kasachstan betrieben wird. Die EU will Lukoil im Rahmen von Sanktionen gegen die russische Schattenflotte mit Strafmaßnahmen belegen, wie aus dem Juni-Beschluss hervorgeht.
Sofia will Wogen glätten
Bisher ist die bulgarische EU-Blockade nur eine Ankündigung. Wie heftig der Widerstand in der Realität ausfällt, muss sich noch zeigen. Noch im Mai versuchten Mitstreiter Radews den Eindruck zu beschwichtigen, dass in Bulgarien ein „neuer Orbán“ an die Macht komme, der Unfrieden in der EU stiften wolle. „Es wird keine radikale, extreme Wende in der Außenpolitik geben. Nichts dergleichen“, erklärte etwa der Chef von Radews Regierungsfraktion, Petar Vitanow. „Seit neun Jahren vertritt Rumen Radew ganz klare Positionen, und fast alle europäischen Staats- und Regierungschefs haben sich diesen Positionen angenähert.“
