Die Friedrichstraße verliert weitere prominente Einzelhändler, während neue Bauprojekte längst andere Nutzungskonzepte verfolgen. Braucht die Straße künftig mehr Kultur, Gastronomie, Entertainment und Wohnen statt klassischem Retail?
Die Außenansicht des „Quartier 206“ in der Friedrichstraße in Berlin zeigt die markante Fassade des Wohn- und Geschäftshauses im Stadtbild. Auch hier stehen große Flächen leer und warten auf neue Nutzungsideen. / © Foto: Wikimedia Commons, Jörg Zägel, CC BY-SA 3.0
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Die Friedrichstraße in Berlin-Mitte verliert weitere prominente Einzelhändler. Nach zahlreichen Schließungen der vergangenen Jahre wollen nun auch Zara und Hugo Boss ihre Standorte an der einstigen Berliner Einkaufsmeile aufgeben. Die Entwicklung wirft erneut die Frage auf, welche wirtschaftliche und städtebauliche Rolle die Straße künftig überhaupt noch spielen kann.
Denn möglicherweise liegt das Problem längst nicht mehr allein in fehlenden Verkehrskonzepten, Baustellen oder einer unklaren politischen Strategie. Vielleicht ist auch das jahrzehntelang verfolgte Leitbild einer exklusiven Einkaufsstraße an diesem Standort überholt. Vergleichbare Probleme gibt es in vielen anderen Städten weltweit.
Friedrichstraße in Berlin: Immer mehr Einzelhändler ziehen sich aus der ehemaligen Einkaufsmeile zurück
Mit Galeries Lafayette verlor die Friedrichstraße bereits 2024 einen ihrer wichtigsten Ankerpunkte. Weitere Leerstände und Geschäftsaufgaben folgten. Nun setzen Zara und Hugo Boss diese Entwicklung fort.
Gleichzeitig tut sich entlang der Straße durchaus einiges. Zahlreiche Immobilien werden saniert, umgebaut oder neu entwickelt. Das ehemalige Galeries Lafayette wird zum Mixed-Use-Projekt „Lumina“, in das unter anderem das Musikunternehmen BMG einziehen will. Im nördlichen Bereich entstehen neue Wohnungen, während rund um das Tacheles bereits ein hochpreisiger Mix aus Wohnen, Gewerbe und Kultur geschaffen wurde.
Neue Bauprojekte zeigen: Die Friedrichstraße entwickelt sich längst vom klassischen Einzelhandel weg
Auffällig ist dabei: Die neue Dynamik entsteht gerade nicht durch zusätzliche Handelsflächen. Vielmehr ziehen Büros, Wohnungen, Kulturangebote und neue gastronomische Konzepte in den Fokus. Die Friedrichstraße verändert ihr Profil also längst, bislang allerdings ohne übergeordnete Strategie.
Vielleicht müsste Berlin genau an diesem Punkt ansetzen. Statt immer wieder über die Wiederbelebung der „Einkaufsmeile Friedrichstraße“ zu diskutieren, könnte die Straße als innerstädtischer Erlebnis- und Kulturraum neu gedacht werden.
Gastronomie, Kultur und Entertainment: Braucht die Friedrichstraße ein völlig neues Nutzungskonzept?
Andere europäische Metropolen zeigen, dass zentrale Innenstadtlagen zunehmend über Nutzungsmischung funktionieren. Handel bleibt dort ein Bestandteil, wird aber stärker mit Gastronomie, Kultur, Veranstaltungen, Hotels, hochwertigen Arbeitswelten und Wohnen verbunden.
Selbst klassische Einkaufsstraßen und ehemalige Warenhäuser werden vielerorts zu gemischt genutzten Stadträumen umgebaut.
Der Friedrichstraße fehlt noch immer eine verbindende Idee: Berliner Senat ist gefordert
Für die Friedrichstraße könnte darin eine Chance liegen. Zwischen Checkpoint Charlie, Gendarmenmarkt, Bahnhof Friedrichstraße und dem Tacheles existiert bereits eine ungewöhnlich hohe Dichte touristischer, kultureller und historischer Orte. Was fehlt, ist eine verbindende Idee.
Denkbar wären mehr Restaurants und Cafés mit großzügigen Außenflächen, kleine Bühnen, Musikclubs, Galerien, immersive Ausstellungen oder neue Entertainment-Konzepte. Auch hochwertiges innerstädtisches Wohnen könnte eine größere Rolle spielen und dafür sorgen, dass die Straße nach Büroschluss nicht regelmäßig an Frequenz verliert.
Ist der klassische Retail an der Friedrichstraße einfach nicht mehr zeitgemäß?
Natürlich wird der Einzelhandel nicht vollständig aus der Friedrichstraße verschwinden. Doch möglicherweise braucht es weniger austauschbare Filialkonzepte und stattdessen stärker kuratierte, besondere Angebote: Showrooms, Flagship-Stores, Manufakturen oder hybride Konzepte, bei denen Verkauf nur noch ein Teil des Erlebnisses ist.
Die Friedrichstraße befindet sich längst im Wandel. Die entscheidende Frage ist daher vielleicht nicht mehr, wie der alte Status als Einkaufsmeile zurückgewonnen werden kann. Sondern ob Berlin den Mut hat, der Straße eine vollkommen neue Rolle zu geben.
Quellen: onii, Berliner Morgenpost, Deal Magazin, Tishman Speyer, ehret+klein, Nöfer Architekten, Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, CKSA | Christoph Kohl Stadtplaner Architekten, seckler schick architekten BDA, Nöfer Architekten, Astigmatic
