Zur Eröffnung Die zweiten Ausstellung des Jahres im Textilmuseum Die Scheune in Hinsbeck-Hombergen trägt den Titel „Geh aus mein Herz“. Leiterin Ulla Tillmann-Salge konnte jetzt zur Eröffnung über 121 Besucher begrüßen. Bei einer kleinen Feier war auch die Künstlerin Andrea Hess dabei, die aus ihrer Heimatstadt Freiburg mit einem mit Bildern vollbepackten Auto angereist war. Diese Bilder waren jedoch nicht mit Stiften oder Pinseln entstanden, Andrea Hess zeichnet mit der Nähmaschine. Daher auch der Untertitel der Ausstellung: Nähzeichnungen.
Die Künstlerin stammt ursprünglich aus Stuttgart. Nach einer Ausbildung zur Schnittdirectrice arbeitete sie zunächst am Staatstheater in Stuttgart, bevor sie an der Accademia di Belle Arti di Carrara, später di Ravenna, Bildhauerei mit Diplom-Abschluss studierte. Von 2000 bis 2001 beendete sie ihre künstlerische Ausbildung als Gastkünstlerin der staatlichen Majolika Manufaktur Karlsruhe. Bereits während ihrer Ausbildung beteiligte sie sich ab 1996 an verschiedenen Ausstellungen in Italien und Süd-Deutschland.
Die Nähmaschine wurde zu ihrem Werkzeug wie ein Pinsel, das Garn ist ihre Farbe. Ihre Nähte sind fließende Linien, die sie zu Landschaften, Figuren, Blumen oder Stillleben zusammenfügt oder Personen auf Postkarten durch die Fäden „bekleidet“. Alles erfolgt ohne Unterbrechung, mit einem durchgehenden Faden. So sind alle Details eines Bildes durch einen Faden miteinander verbunden. Daher kann sie ihre Arbeit auch nicht zeitlich unterbrechen. Oft näht Hess bis in die Nacht hinein. Und wenn sie näht, ist auf der Nähfläche nur ein kleiner Teil des Ganzen sichtbar. Das Gesamtbild muss im Kopf sichtbar bleiben. Und wenn die Bilder sehr groß werden, ist hierfür eine gewaltige Konzentration erforderlich.
Hess lässt poetische Bildwelten assoziativ aus einem inneren Bild entstehen. Keine lockere Skizze geht voraus; die Linienführung entwickelt sich im konkreten Tun, ist durch Spontaneität und Schnelligkeit gekennzeichnet – die Striche fließen. Ein großes Werk von etwa 2 x 1 Meter Größe stellt beispielsweise die Arie „Nessun dorma“ aus der Oper Turandot von Giacomo Puccini dar. Während der bis spät in die Nacht hinein dauernden Näharbeiten hörte Hess stetig diese Arie, die ihr damit ins Blut überging und die Darstellung so beeinflusste. Denn Hess geht nie mit einem Gesamtkonzept in eine Arbeit hinein, sondern lässt sich zu vorher ungeplanten Formen inspirieren. „Meist weiß ich nicht, was ich heute darstellen möchte. Ich lasse mich in meine Gedankenwelt hineinsinken, und bin am Ende oft selbst überrascht, was herausgekommen ist“, so Hess.
Die Ausstellung ist bis Ende Oktober zu sehen. Geöffnet ist an Sonn- und Feiertagen von 11.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Gruppenführungen sind nach Absprache möglich.