Drei Gruppen, ein überraschendes Ergebnis
Für die Studie der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand wurden 90 gesunde ältere Erwachsene zufällig in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhielt keine Behandlung. Eine zweite nahm ein Placebo ein, das als wirksames Nahrungsergänzungsmittel beschrieben wurde. Die dritte Gruppe bekam dieselben Tabletten – wurde aber ausdrücklich darüber informiert, dass sie keinen Wirkstoff enthalten. Man spricht in diesem Fall von Open-Label-Placebo. Gleichzeitig erklärten die Forschenden, dass Placebos dennoch messbare Reaktionen des Körpers auslösen können.
Weniger Stress und ein besseres Gedächtnis
Nach drei Wochen schnitt ausgerechnet die Open-Label-Gruppe am besten ab. Die Teilnehmenden berichteten über geringeren Stress als die beiden anderen Gruppen und erzielten beim Kurzzeitgedächtnis bessere Ergebnisse als die Kontrollgruppe. Insgesamt verbesserten sich beide Placebogruppen sowohl bei kognitiven als auch bei körperlichen Tests, wobei die stärksten Effekte meist bei den offenen Placebos beobachtet wurden.
Auch die körperliche Leistungsfähigkeit nahm zu
Die körperliche Leistungsfähigkeit stieg in der Gruppe mit verdecktem Placebo um rund sieben Prozent, in der Open-Label-Gruppe sogar um 9,2 Prozent. Je nach Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstest verbesserten sich die kognitiven Leistungen zwischen knapp sieben und über 21 Prozent. Nach Angaben der Forschenden liegen diese Effekte in einer Größenordnung, wie sie teilweise auch in Studien zu Bewegungsprogrammen oder kognitivem Training beobachtet wurde.
Warum kann ein Placebo ohne Wirkstoff wirken?
Die Forschenden vermuten, dass dabei mehrere psychologische Mechanismen zusammenwirken. Die offene Erklärung der Behandlung könnte positive Erwartungen wecken, das Vertrauen in die Maßnahme stärken und das Gefühl fördern, selbst aktiv etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Dadurch könnten Prozesse der Selbstregulation angestoßen werden, die sich wiederum auf Stress, Gedächtnis und körperliche Leistungsfähigkeit auswirken. Gleichzeitig weisen die Autoren aber darauf hin, dass ihre Daten diese Mechanismen nahelegen, aber nicht eindeutig belegen, weil sie nicht direkt gemessen wurden.
Potenzial für gesundes Altern
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Open-Label-Placebos eine ethisch vertretbare Möglichkeit sein könnten, Maßnahmen für gesundes Altern zu ergänzen – ganz ohne Täuschung der Patientinnen und Patienten. Die Forschenden betonen, dass größere Studien notwendig sind, um die Ergebnisse zu bestätigen und die zugrunde liegenden Wirkmechanismen besser zu verstehen.
Was ist ein Open-Label-Placebo?
Ein Placebo ist eine Behandlung ohne pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoff. Lange ging die Forschung davon aus, dass ein Placebo nur dann wirkt, wenn Patientinnen und Patienten glauben, ein echtes Medikament zu erhalten. Bei einem Open-Label-Placebo ist das anders: Die Teilnehmenden wissen von Anfang an, dass sie lediglich eine wirkstofffreie Tablette einnehmen. Trotzdem zeigen Studien zunehmend, dass solche Placebos positive Effekte auf Körper und Psyche haben können.
Quelle: DOI 10.1016/j.ijchp.2026.100673