Otto Gugger lehnt sich in seinem Holzstuhl zurück, wippt ein wenig auf dessen hinteren Beinen und deutet über die Eckbank seines kleinen Wintergartens hinaus in den Garten. „Da hinten war ein riesiger Kastanienbaum. Da konnte man richtig gut in die Blätter hineinschaukeln.“ Otto Gugger hat hier im Garten Freundschaften geschlossen, die bis heute halten.

In ein paar Tagen wird er 90 Jahre alt. Das Haus ist noch etwas älter, seine Eltern haben es 1934 gebaut. Gugger, gelernter Architekt, hat den allergrößten Teil seines Lebens hier verbracht. Für das Haus gab er seine Pläne auf, in die USA auszuwandern. Er verpasste ihm seine architektonische Handschrift. Und jetzt verschenkt er das Haus.

Die Mieten in München stiegen um mehr als 50 Prozent

Das Grundstück misst über 3000 Quadratmeter, fast ein halbes Fußballfeld. Verkehrswert: etwa zehn Millionen Euro. Otto Gugger möchte das Geld nicht. Er verzichtet auf die Millionen, damit Menschen auch in Zukunft günstig hier leben können. „Ich habe das alles noch nie als meinen Besitz empfunden“, sagt der Rentner. Schon als Bub habe es sich angefühlt, als hätte er das Haus und den aus Kindersicht unendlich großen Garten eher geliehen. Er weiß, was das alles für ein Segen ist. Gerade in München.

Der Immobilienmarkt ist der teuerste Deutschlands. Einer neuen Analyse des Deutschen Gewerkschaftsbunds zufolge haben sich die Mieten innerhalb von zehn Jahren um 51,6 Prozent auf durchschnittlich 23,26 Euro erhöht. Kaufen? Für viele unmöglich.

Otto Gugger hat dem Haus seine architektonische Handschrift verpasst. Und überall stehen Erinnerungen.

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Otto Gugger hat dem Haus seine architektonische Handschrift verpasst. Und überall stehen Erinnerungen.
Foto: Sarah Ritschel

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Otto Gugger hat dem Haus seine architektonische Handschrift verpasst. Und überall stehen Erinnerungen.
Foto: Sarah Ritschel

Über einen Bekannten erfuhr Otto Gugger von der Stiftung „Daheim im Viertel“. Sie ist zu einer verlässlichen Anlaufstelle für Menschen geworden, die ihre Immobilie in fürsorglichen Händen wissen wollen, wenn sie einmal nicht mehr sind.

Häuser und Wohnungen, die man der Stiftung überlässt, bleiben dauerhaft im Eigenbestand und werden zu fairen Konditionen vermietet. Denn wegen ihrer Gemeinnützigkeit ist sie von der Schenkungs- und Erbschaftssteuer befreit, arbeitet mit Wohnungsgenossenschaften und sozial orientierten Unternehmen zusammen. Dutzende Immobilienbesitzer überzeugte das schon. Auch Otto Gugger hat der Stiftung sein Haus übertragen.

Der Rentner engagierte sich lange in der Kirche. Das alte Zifferblatt des Turms hängt in seinem Dachboden.

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Der Rentner engagierte sich lange in der Kirche. Das alte Zifferblatt des Turms hängt in seinem Dachboden.
Foto: Sarah Ritschel

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Der Rentner engagierte sich lange in der Kirche. Das alte Zifferblatt des Turms hängt in seinem Dachboden.
Foto: Sarah Ritschel

Er lebt mit seiner älteren Schwester in Großhadern, beide sind kinderlos. Weil seine Schwester pflegebedürftig ist, besitzt Gugger eine Vollmacht und darf auch für sie sprechen. Mit der Stiftung hat er vereinbart, dass beide bis zu ihrem Lebensende hier wohnen können. Bis 2028 sollen auf dem Grundstück auch 25 Wohnungen zu fairen Preisen entstehen, bestenfalls ums alte Haus herum. Vor der Schenkung hat Gugger Dach und Fassade erneuern lassen. „Im Vertrag steht zwar, dass das Haus abgerissen werden kann, wenn sich die Sanierung nicht rentiert. Aber ich will das Meine tun, damit man es erhält.“

Otto Gugger verschenkt sein Haus in München samt Pfadfinder-Garten

Im kleinen Wintergarten ist es warm geworden. Gugger will der Vormittagssonne entfliehen und führt in den Garten. Er pflückt ein paar Kirschen vom Baum, weiter hinten ist seine Lagerfeuerstelle. „Ich hänge halt an meiner Pfadfinderzeit“, meint er lachend. Deswegen hat er drinnen auch den Dachstuhl ausgebaut, sein Schlafbereich mit dem offenen Giebel erinnert ihn an ein Zelt.

Mit seiner Schwester habe er oft darüber gesprochen, „dass das Haus einem sinnvollen Zweck zukommen soll“. Da denken sie wie ihre Eltern. Der Vater war der erste Arzt hier in Hadern. Lange, bevor 1974 das bekannte Klinikum eröffnete, hatte er im Haus eine Praxis. Bei den Guggers kamen immer wieder Familien unter, die es gerade schwer hatten. Für ein paar Tage, manchmal Wochen.

Otto Gugger freut sich auf die nächsten Monate. Im August werden drei Architekturbüros ihre Entwürfe vorstellen. Der 89-Jährige hat natürlich auch eigene Pläne, nicht umsonst hängt neben der Haustür immer noch das Metallschild: „Dipl.-Ing. Otto Gugger – Architekt.“ Er wünscht sich, dass sich das Grundstück zur Straße hin öffnet. Aus seiner Zeit in den USA, damals in den 60ern, kennt er das Konzept der Condominiums: Wohnanlagen, in denen man vieles teilt, vom Pool bis zum Gemeinschaftsraum.

Aus den Staaten kehrte Gugger nach zwei Jahren zurück, weil seine mittlerweile verwitwete Mutter Haus und Garten allein nicht in Schuss halten konnte. Er wünscht sich, dass der Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen jetzt bei ihm in München Wirklichkeit wird.

„Daheim im Viertel“ soll die Nachbarschaft pflegen

Familien mit Kindern sollten einziehen, findet Gugger, auch mit Inklusionsbedarf. „Ich vertraue voll darauf, dass die Leute von der Stiftung ein Gefühl dafür entwickeln, wer hier gut her passt.“ Was er beim Gedanken an die Zukunft vor sich sieht? „Eine kleine Oase. Einen Ort für Geburtstage und Vorträge, wo auch die Menschen aus der Nachbarschaft gerne dazukommen.“ Er hoffe, dass hier im Garten „tolle Leute“ sitzen. „Und dass dann sie ihre Geschichten erzählen.“