Auf einem Schild steht "Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Jugend und Familie".

Stand: 07.07.2026 18:53 Uhr

Frühere Risikoanalysen, Notfallknöpfe und mehr Zusammenarbeit mit der Polizei: Nach der Gewalttat von Stade mit sechs Todesopfern baut die Landeshauptstadt Hannover den Schutz für Mitarbeitende im Jugendamt aus.

von Atiena Abednia

Die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen sollen teilweise bereits in den kommenden Tagen greifen. Jugend-, Familien- und Sportdezernentin Susanne Blasberg-Bense stellte das verschärfte Sicherheitskonzept am Montag gemeinsam mit dem Fachbereichsleiter Jugend und Familie, Gunnar Czimczik, sowie dem Leiter des Kommunalen Sozialdienstes (KSD), René Seiser, vor.

Nach Angaben der Stadt waren viele Bausteine des Schutzkonzepts bereits in Planung. Nach der Gewalttat von Stade würden sie nun beschleunigt umgesetzt. Ziel sei es, Beschäftigte besser zu schützen, ohne dass das Jugendamt seinen niedrigschwelligen und vertrauensvollen Charakter verliere.

Marcus Christ von der Polizei-Seelsorge im Interview.

Sechs Menschen starben nach Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung. Wie werden diejenigen betreut, die vor Ort waren?

Gespräche werden künftig früher bewertet

Künftig sollen Beschäftigte bereits vor Hilfeplangesprächen oder Gesprächen in Sorgerechtsstreitigkeiten mögliche Risiken einschätzen. Grundlage dafür ist das sogenannte Aachener Modell. Das wissenschaftlich ausgewertete Verfahren bewertet Bedrohungslagen anhand festgelegter Kriterien und ordnet sie verschiedenen Risikostufen zu. Je nach Einstufung greifen automatisch Schutzmaßnahmen.

Das Ziel: Mitarbeitende besser zu schützen

Bei erhöhtem Risiko sollen Gespräche nur noch an besonders gesicherten Orten stattfinden. Außerdem kann ein Sicherheitsdienst hinzugezogen und die Polizei frühzeitig eingebunden werden. Neu ist auch, dass Polizei und Stadt künftig gemeinsam sämtliche Dienststellen überprüfen, in denen Beratungsgespräche stattfinden. Dabei soll unter anderem geklärt werden, ob bauliche Veränderungen notwendig sind, um Mitarbeitende besser zu schützen.

Eingang des Regionshauses Hannover.

Das Team der Getöteten ist zur Trauerbewältigung vorerst freigestellt. Die Region kritisiert zunehmende Gewaltbereitschaft.

Notfallknöpfe und mehr Schulungen geplant

Langfristig setzt die Stadt auf weitere Schutzmaßnahmen. Beschäftigte sollen mobile Notfallknöpfe erhalten, die sie auch bei Hausbesuchen mitführen können. Darüber hinaus sind zusätzliche Deeskalationstrainings, regelmäßige Fortbildungen sowie eine dauerhafte Arbeitsgruppe zum Thema Sicherheit geplant. Zudem soll eine neue Stelle geschaffen werden, die Mitarbeitende nach belastenden Einsätzen psychologisch unterstützt.

Laut Fachbereichsleiter Czimczik haben verbale Bedrohungen in den vergangenen Jahren zugenommen. Körperliche Übergriffe seien dagegen weiterhin selten. Die große Mehrheit der Gespräche mit Familien verlaufe nach wie vor ohne Zwischenfälle.

Vertrauen soll trotz mehr Sicherheit erhalten bleiben

Nach Angaben der Stadt sollen die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen den Charakter der Jugendhilfe nicht verändern. Das Vertrauen der Familien sei eine zentrale Voraussetzung für den gesetzlichen Auftrag des Jugendamtes. Deshalb setze Hannover neben technischen und organisatorischen Maßnahmen vor allem auf Prävention und Qualifizierung der Beschäftigten.

Hannover fordert Unterstützung von Bund und Land

Nach Einschätzung der Landeshauptstadt können kleinere Kommunen und freie Träger vergleichbare Schutzmaßnahmen häufig nicht aus eigener Kraft umsetzen. Deshalb fordert Hannover Unterstützung von Bund und Land beim Aufbau eines flächendeckenden Krisenpräventions- und Interventionssystems. Ziel sei eine engere Zusammenarbeit der Behörden und einheitliche Sicherheitsstandards für die Jugendhilfe.

Video:
Tödliche Schüsse in Stade: Neues Konzept im Jugendamt Hannover (1 Min)

Spurensicherung in Stade. Hier sind tödliche Schüsse in einer Jugendeinrichtung gefallen. Sechs Menschen starben.

Ein Mann soll sechs Menschen in einer Mutter-Kind-Einrichtung getötet haben. Der Fall ist komplex – hier finden Sie eine Einordnung.

Zum Gedenken wurden in der Stader St. Wilhaldi-Kirche Kerzen angezündet.

Am Freitag war ein Abend mit Musik und Unterhaltung geplant. Stattdessen sollte er Raum für Gedenken und Austausch bieten.

Fluchtauto von Stade mit zerschossenem Reifen.

Die mutmaßliche Fahrerin des Fluchtwagens ist die Schwiegermutter von Deniz Kurku. Der SPD-Politiker ist Migrationsbeauftragter des Landes Niedersachsen.

Schlagwörter zu diesem Artikel

Hannover