Den Weg zur Schauspielerei fand er zufällig. Nach dem Abi absolvierte Stiller seinen Zivildienst bei der Kirche. In einer von ihm betreuten Jugendfreizeit lernte er Paco González kennen, den einzigen staatlich ausgebildeten Clown Deutschlands. Der gab dort Workshops, an denen auch Stiller teilnahm. González riet: „Hey, du musst unbedingt auf eine Schauspielschule.“ Es habe gleich bei der ersten Aufnahmeprüfung geklappt: 1982 in Bochum. Der junge Mann war vorher noch so gut wie nie im Theater gewesen. Er habe sich in der Schauspielschule in der ersten Zeit wie ein Fremdkörper gefühlt. „Da waren Leute unterwegs, die strotzten nur so vor Selbstbewusstsein: Dietmar Bär, Peter Lohmeyer, Martin Wuttke. Der Josef Ostendorf sagte nach einem halben Jahr mal zu mir: ‚Ach, du bist hier auf der Schule? Ich dachte immer, du wartest auf jemanden.'“
Nach der Ausbildung geht es aber ratzfatz mit der Theaterkarriere. Kein Hangeln von Job zu Job, kein Stranden in Vorabendserien, keine nervige Nebenbeschäftigung, „keine Leidenszeit“, wie Stiller es nennt. Ein erstes Gastengagement für „Macbeth“ 1985 führt ihn ans Theater Dortmund, wo er auf Friedrich Schirmer trifft. Der war dort Chefdramaturg und ab der folgenden Spielzeit Intendant an der Württembergischen Landesbühne Esslingen. Schirmer engagiert Stiller sofort fest für sein zukünftiges Ensemble.
Tragödien zwischen Weihnachtsbäumen
Landesbühnen haben traditionell die Hälfte ihrer Vorstellungen dort zu spielen, wo es keine Theater gibt. So geht es für den Berufseinsteiger erst einmal nicht nur auf die Esslinger Bühne, sondern in kleine Städte wie Metzingen, Blaustein oder Künzelsau, in Bürgerhäuser, Gaststätten oder Stadthallen. Einmal mussten sie Shakespeares „Richard III“ in einer Turnhalle spielen, die schon für Weihnachten dekoriert war. Das habe geschult: diese Tragödie zwischen zwei riesigen Weihnachtsbäumen aufzuführen. „Man musste sich wahnsinnig konzentrieren, um das wirklich ernst rüberzubringen.“
Intendant Schirmer schrieb in Esslingen Theatergeschichte, der Begriff „Esslinger Dramaturgie“ machte die Runde. Er setzte auf regional interessante Stoffe, auf politisches Volkstheater, darunter „Der Schweinepriester“ von Hermann Essig. „Da musste ich mit einem echten Schwein spielen“, erinnert sich Stiller: „Die sind schlau und wahnsinnig sensibel. Das Schwein kannte nach ein paar Proben schon das Stichwort für seinen Auftritt. Das hat seine Rolle immer gleich gespielt. Wahnsinn!“
1989 wechselte Stiller mit Schirmer ans Theater Freiburg. Auch da gab’s so ein schlaues Tier: eine riesige schwarze Dogge, „eine imposante Erscheinung namens Lord“. Die kam in Euripides‘ „Orestie“ zum Einsatz. „Der Hund sollte über die ersten Zuschauerreihen drüberspringen, während das Herrchen, ein Metzger, hinterm Publikum gestanden und mit einer Wurst gewunken hat. Ein irrsinniger Moment. Und es hat immer geklappt.“
Freiburg war eine ungeheuer inspirierende Zeit für den jungen Schauspieler. Schirmer hatte die beiden „Kettenhunde“ des damaligen Theaters an Land gezogen: die Regisseure Jürgen Kruse und Günter Gerstner. „Die hatten Wut im Bauch“, so Stiller, „sehr martialisch, die Inszenierungen.“ Gerstner habe sich mal auf dem Titelblatt von „Theater heute“ abbilden lassen mit einem Stahlhelm auf dem Kopf, auf dem mit Blut „Regie“ geschrieben stand: „Wir fühlten uns als Speerspitze des zukünftigen Theaters. Wir entdeckten bereits die Postmoderne, zäumten das Pferd von hinten auf und schauten, ob es trotzdem funktioniert.“
Arbeitsdruck hemmt das Miteinander
1993 ging es dann mit Schirmer nach Stuttgart. Stiller schwärmt vom familiären Miteinander damals, von den „irrsinnigen“ Premierenfeiern. Das sei heute anders, auch weil der Arbeitsdruck höher geworden sei. Das Ensemble sei um zehn bis 15 Leute kleiner als damals – bei gleicher Premierenanzahl.