Bielefeld. Es ist ein Ort von bedrückender historischer Dimension – und ein Ort, dessen Zukunft derzeit neu verhandelt wird. Das frühere Stalag 326 (VI K) in Stukenbrock-Senne gehörte zwischen 1941 und 1945 zu den zentralen Kriegsgefangenenlagern des nationalsozialistischen Deutschlands. Mehr als 300.000 Menschen waren keine halbe Autostunde von Bielefeld entfernt inhaftiert, viele von ihnen sowjetische Kriegsgefangene. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Gedenkstätte, die in den kommenden Jahren zu einem überregionalen und internationalen Erinnerungsort weiterentwickelt werden soll.

Wie das gelingen kann, ist Thema einer Diskussion am Freitag, 3. Juli, in Bielefeld. Unter der Überschrift „Stalag 326 als ,Mitmach‘-Gedenkstätte. Partizipation – Kooperation – Innovation“ sprechen Jugendliche, Forschende der Universität Bielefeld, Geschichtslehrer und Christoph Herkströter vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte darüber, wie die künftige Gedenkstätte ein Ort werden kann, an dem nicht nur erinnert, sondern auch mitgedacht, mitgefragt und mitgestaltet wird.

Dass die Diskussion in Bielefeld stattfindet, zeigt den regionalen Anspruch des Projekts. Zwar liegt das frühere Lagergelände im Kreis Gütersloh. Doch die Geschichte des Stalag reicht weit über den eigentlichen Lagerzaun hinaus. In der Region wird bereits darüber gesprochen, welche Orte, Wege und Erinnerungszeichen künftig mit der Gedenkstätte verbunden werden könnten. Denn Transporte, Fußmärsche, Außenorte und Friedhöfe gehören ebenso zur Geschichte wie das Lager selbst.

Enger Zeitplan: Stalag-Gedenkstätte in OWL soll 2029 fertig sein

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Ein Besuch soll mehr sein als ein historischer Pflichttermin

Gleichzeitig geht es um mehr als um Tafeln, Wege oder Ausstellungen. Im Kern steht die Frage, wie Erinnerung heute funktionieren kann: Wie wird aus einem historischen Tatort ein lebendiger Lernort? Wie können Schulklassen, Angehörige, Forschende, Ehrenamtliche und Menschen aus der Region einbezogen werden? Und wie lässt sich verhindern, dass der Besuch einer solchen Gedenkstätte vor allem von jungen Menschen nur als historischer Pflichttermin wahrgenommen wird?


Die Gedenkstätte Stalag 326 liegt im Kreis Gütersloh, rund 30 Kilometer von Bielefeld entfernt. Hier ist der "Stahlkoloss" zu sehen, ein 1994 aufgestelltes Mahnmal vom Künstler Alf Lechner. Die Zahl 65.000 steht für die Opfer, die im Stalag ums Leben gekommen sind. - © Sigurd Gringel

Die Gedenkstätte Stalag 326 liegt im Kreis Gütersloh, rund 30 Kilometer von Bielefeld entfernt. Hier ist der „Stahlkoloss“ zu sehen, ein 1994 aufgestelltes Mahnmal vom Künstler Alf Lechner. Die Zahl 65.000 steht für die Opfer, die im Stalag ums Leben gekommen sind.
| © Sigurd Gringel

Dass bürgerschaftliches Engagement beim Stalag 326 eine lange Tradition hat, zeigt der Förderverein der Gedenkstätte. Im Juni 1996 eröffnete er auf dem ehemaligen Lagergelände eine Dokumentationsstätte, aus der später die Gedenkstätte hervorging. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden dort Schicksale von Kriegsgefangenen dokumentiert, Angehörige begleitet und Quellen zusammengetragen. Noch immer erreichen die Gedenkstätte Anfragen von Familien, die wissen wollen, was mit Vätern, Großvätern oder Urgroßvätern geschehen ist. Noch im vergangenen Jahr waren es rund 250.

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Und doch ist die geplante Weiterentwicklung der Gedenkstätte kein Selbstläufer. Im Gegenteil: Politisch war das Projekt zuletzt ein veritabler Zankapfel – und zeitweise stand es sogar komplett auf der Kippe. Besonders im Kreis Gütersloh wurde heftig über Kosten, Zuständigkeiten und den richtigen Zeitpunkt für verbindliche Beschlüsse gestritten. Kern der Auseinandersetzung sind nicht nur die geplanten Baukosten von bis zu 50 Millionen Euro, sondern vor allem die dauerhaften Betriebskosten. Sie werden nach bisherigen Berechnungen auf rund 4,2 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Kritiker warnen vor Belastungen für klamme kommunale Haushalte

Der Bund hat zwar einen Zuschuss in Aussicht gestellt, verlangt dafür aber eine gesicherte dauerhafte Finanzierung. Genau daran entzündete sich die politische Debatte: Befürworter sehen im Ausbau einen dringend nötigen Ort der Demokratiebildung von nationaler Bedeutung. Kritiker warnen vor langfristigen Belastungen für ohnehin klamme kommunale Haushalte.


Christoph Herkströter ist beim LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte beschäftigt und gehört zur Projektstelle "Stalag 326 (VI K) Senne". - © Jens Reddeker

Christoph Herkströter ist beim LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte beschäftigt und gehört zur Projektstelle „Stalag 326 (VI K) Senne“.
| © Jens Reddeker

Die Podiumsdiskussion in Bielefeld dürfte diese Fragen nicht abschließend beantworten. Interessant wird sie gerade deshalb: Wer verstehen will, warum die Zukunft des Stalag 326 nicht nur Schloß Holte-Stukenbrock betrifft, sondern die ganze Region, bekommt dort einen Einblick in ein Projekt, das gerade erst Gestalt annimmt.

Die Veranstaltung beginnt um 16.15 Uhr im Murnau-Saal der Volkshochschule Bielefeld im Ravensberger Park, der Eintritt ist frei.