Bielefeld. Peter Rohe braucht nicht lange. Ein kurzer Blick in die prall gefüllte Schallplatten-Auslage der Brockensammlung, dann ist der Fund gemacht: „Eine Joe-Cocker-LP von 1986 für vier Euro!“ Der Vinyl-Fan ist zufrieden. Sehr sogar. „Ich bin jetzt schon zum siebten oder achten Mal wegen der Platten hier. Und ich finde immer ein Schnäppchen“, sagt er.
Rohe ist damit nicht allein. Rund um die weiße Wendeltreppe, die die beiden Etagen des markanten Gebäudes an der Tonkuhle verbindet, sind viele Menschen unterwegs. Sie ziehen Schubladen auf, beugen sich über Vitrinen, prüfen Geschirr, Bücher, Kleidung, alte Technik. In der Brockensammlung – kurz „Brosa“ – wird nicht einfach eingekauft. Hier wird gesucht, verglichen – und manchmal eben auch ein kleiner Schatz gehoben. „Die meisten suchen nichts Spezielles. Sie stöbern eher herum oder genießen die besondere Atmosphäre“, sagt Abteilungsleiterin Elfi Reuter-Korzonnek. Genau diese Atmosphäre ist es, die die „Brosa“ seit ihrer Gründung im Jahr 1890 ausmacht: Sie ist Sozialbetrieb, Erinnerungsort und Kuriositätenkabinett zugleich.
Viel Betrieb: Bei Spendenaktionen – wie hier im Jahr 2022 – ist am Bau an der Tonkuhle immer viel los.
| © Sarah Jonek
Viele Besucher erleben das größte Secondhand-Kaufhaus Ostwestfalen-Lippes wie eine Zeitreise. Im Antik-Bereich kann ein alter Ohrensessel an Besuche bei der Oma erinnern. Ein Zauberwürfel oder ein C64-Computer im Basar führen direkt zurück in die 80er-Jahre. Doch die Brockensammlung ist längst nicht nur etwas für Nostalgiker, Sammler und Nerds. „Unser Eindruck ist, dass unsere Kundschaft insgesamt jünger wird“, sagt Reuter-Korzonnek. Das betreffe besonders die Kurzwaren- und Textilabteilung. Ihre Erklärung: Viele suchten nicht nur günstige Kleidung, sondern auch Individualität. Und in der „Brosa“ müssen sie keinem vorgegebenen Trend folgen. „Wir erleben es immer öfter, dass sich hier junge Leute bei uns ausprobieren und sogar ein kleines Event daraus machen.“
Damit steht die „Brosa“ ziemlich genau im Gegentrend zu einer Modewelt, die in den vergangenen Jahren immer schneller, billiger und kurzlebiger geworden ist. Shein, Temu und andere Plattformen haben Ultra-Fast-Fashion zu einem Geschäftsmodell gemacht: ständig neue Ware, extrem niedrige Preise, kurze Nutzungsdauer.
Was noch brauchbar ist, soll nicht verschwinden
In Frankreich wurde jetzt ein Gesetz beschlossen, das solche Anbieter ausbremsen soll – unter anderem mit Werbeverboten und Abgaben für besonders kurzlebige Produkte. Während die Politik also nach Wegen sucht, Wegwerfmode einzudämmen, funktioniert die Brockensammlung seit Jahrzehnten nach einem anderen Prinzip: Was noch brauchbar ist, soll nicht verschwinden.
Dieses Prinzip steckt schon im Namen. „Sammelt die übrigen Brocken, auf das nichts umkomme“ – das Bibelwort aus dem Johannesevangelium steht als Leitmotiv über der Arbeit der Brockensammlung. 1890 wurde sie gegründet, 125 Jahre lang war sie am Saronweg zu Hause. Vor zehn Jahren zog sie in den Neubau an der Tonkuhle. 4,6 Millionen Euro investierte Bethel damals in das auffällige und offen wirkende grüne Gebäude.
Historische Brockensammlung: Vor zehn Jahren zog die Brosa vom Saronweg an seinen heutigen Standort.
| © Kurt Ehmke
Schon bei der Eröffnung im Juni 2016 war die Hoffnung groß, dass das Gebrauchtkaufhaus am neuen Standort sichtbarer wird. Diese Erwartung scheint sich erfüllt zu haben: In der Regel bildet sich nach Angaben der Einrichtung werktags und samstags schon vor der Öffnung um 10 Uhr eine Schlange vor der Tür. „Darunter sind auch immer viele Stammkunden“, sagt Reuter-Korzonnek.
Lesen Sie auch: Bielefelds größter Second-Hand-Laden in Bethel wird kleiner – die Mitarbeiter sorgen sich | nw.de
Ganz frei von Sorgen war die Entwicklung zuletzt nicht. Anfang des Jahres sorgte der Umzug des Bethel-Blumengeschäfts in die Brockensammlung für Irritationen. Seit Mitte Februar belegt der Laden rund 100 Quadratmeter im Erdgeschoss – dort, wo vorher ein Teil des Basars lag. Unter Mitarbeitenden und Kunden gab es die Sorge, dies könne der Anfang vom Ende der Brockensammlung sein. Bethel widersprach deutlich: „Wir werden die ,Brosa’ ganz sicher nicht aufgeben“, sagte Sprecher Johann Vollmer damals. „Im Gegenteil, wir stärken mit dem Umzug des Blumenladens den Standort.“
Inklusives Team gehört zum Kern der Einrichtung
Die Hoffnung war, dass Tulpen, Rosen, Palmen und Dekoartikel zusätzliche Menschen ins Haus bringen. Heute gehört der Laden zum Bild, Blumen und Pflanzen gehören inzwischen genauso dazu wie Secondhand-Regale, Vitrinen und Antikstücke – ein frischer Akzent in einem Haus, das ansonsten von alten und gebrauchten Dingen lebt.
Vinyl-Fan Peter Rohe kommt öfter in die Brockensammlung an der Tonkuhle in Gadderbaum und kauft alte Langspielplatten. Für ihn gibt es fast bei jedem Besuch ein Schnäppchen.
| © Christian Weische
Diese alten und gebrauchten Dinge werden auf der Rückseite des Gebäudes als Spenden angeliefert. Kleidung, Haushaltswaren, Bücher, Schallplatten, Nachlässe, Pakete aus ganz Deutschland und Sachspenden aus Kirchengemeinden kommen hier an. Dann wird sortiert, geprüft, vorbereitet, ausgezeichnet. 45 Mitarbeiter arbeiten aktuell in der „Brosa“, sieben von ihnen auf einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz. Das Team ist inklusiv – und genau das gehört zum Kern der Einrichtung.
Lesen Sie auch: Brockensammler mit Tradition | nw.de
Mit den Spenden und Erlösen wird die diakonische Arbeit Bethels unterstützt. Als Mitglied des Dachverbands „FairWertung“ verpflichtet sich die „Brosa“ zudem zu Standards für eine faire und transparente Sammlung und Verwertung von Textilien. Auch das trägt zu der besonderen Atmosphäre des Kaufhauses bei – gleichwohl das sicher nicht der erste Gedanke der Kunden ist, wenn sie durch die Regale stöbern. Sie suchen eine Jacke, eine Vase, ein altes Spiel, vielleicht auch gar nichts Bestimmtes. Aber genau darin liegt der Reiz. Die Brockensammlung ist ein Ort, an dem Dinge eine zweite, dritte oder vierte Chance bekommen. Und manchmal reicht eine Joe-Cocker-LP für vier Euro, um zu zeigen, warum das auch nach zehn Jahren an der Tonkuhle noch funktioniert.


