Ab diesem Samstag müssen sich Reisende im Fernverkehr der Bahn auf Einschränkungen einstellen. Wie ein Bahn-Sprecher unserer Redaktion bestätigte, entfallen einzelne ICE-Halte in Düsseldorf, Duisburg, Essen, Bochum und Hamm: „NRW verfügt über ein sehr dichtes Bahnnetz, das besonders stark ausgelastet ist. Gleichzeitig gibt es in NRW einen großen Sanierungsstau in der Infrastruktur, der zu vielen, auch kurzfristigen Baustellen führt“, so der Sprecher. Hinzu kämen zahlreiche Baumaßnahmen im gesamten Bundesgebiet, die sich ebenfalls auf den Betrieb in NRW auswirkten. Die Maßnahmen dienten dazu, den Betrieb zu stabilisieren. „Insgesamt sind davon nur vier Prozent der Halte in NRW betroffen.“

Der Fahrgastverband Pro Bahn NRW reagierte mit Verständnis: Die Änderungen im Fernverkehrsfahrplan der Deutschen Bahn seien als „Notmaßnahme“ vertretbar, „soweit es sich um reine Ausfälle von Zwischenhalten und nicht um Streichung von ganzen Fahrten oder Fahrtabschnitten handelt“ und „die Fahrgäste deutlich auf die Alternativen hingewiesen werden“, sagte Sprecher Lothar Ebbers. Auf der betroffenen Strecke stünden zahlreiche alternative Verbindungen zur Verfügung. Voraussetzung sei aber ein pünktlich fahrbarer Notfahrplan, sollte die DB Fernverkehr die Fahrpläne aufgrund von Baustellen nicht mehr einhalten können. „Ansonsten werden durch die Verspätung der Fernzüge auch zahlreiche Regionalzüge, vor allem die langlaufenden RE-Linien, zusätzlich verspätet, was immer wieder zu vorzeitigen Wenden dieser Züge und zu Anschlussverlusten für die Fahrgäste führt.“

FDP fordert rasche Netz-Offensive

Angesichts der Einschränkungen bilanzierte der FDP-Verkehrsexperte Christof Rasche: „NRW hat das schlechteste Schienennetz aller 16 Bundesländer. Den Preis dafür zahlen Pendler, Unternehmen und Reisende täglich.“ Man brauche jetzt schleunigst Druck auf dem Kessel: eingleisige Strecken grundsätzlich zweigleisig ausbauen, gebündelte Sanierungen, Nacht- und Wochenendarbeit als Regelfall und Bonus-Malus-Regeln, damit schneller gebaut werde. Entsprechende Vorschläge hat die FDP-Landtagsfraktion in einem Ideenpapier zusammengetragen, das unserer Redaktion vorliegt. Darin schlägt die FDP vor, dass jeder Haushalt in NRW innerhalb von 15 Kilometern Zugang zu einem modernen Mobilitätsknoten bekomme. „Außerdem müssen digitale Stellwerke, 5G am Gleis und KI-gestützte Echtzeitinformationen endlich Standard werden. Die Zukunft umarmen wir nur, wenn Mobilität für alle funktioniert“, so Rasche. Zudem enthält es die Forderung danach, Entschädigungen an die Kunden bereits ab 15 Minuten Verspätung zu zahlen.

Die Branche reagiert mit Skepsis. Die Entschädigungsforderung sei zwar als politische Maßnahme nachvollziehbar, teilte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mit. Sie führe aber „aus unserer Sicht am Problem vorbei“, so Verbandssprecher Lars Wagner. „Die Fahrgäste wollen nicht einen Teil ihres Fahrpreises zurückerstattet wissen, sondern möglichst pünktlich und zuverlässig ans Ziel kommen.“ Mit Blick auf die von der FDP vorgeschlagenen Mobilitätshubs verwies Wagner auf das in NRW bereits existierende Konzept „Mobilstation“, Verkehrsknotenpunkte, an denen etwa vom Zug aufs Rad oder Carsharing-Fahrzeug umgestiegen werden kann. Dieses Konzept werde vom Land, den Kommunen und den Aufgabenträgern des Schienenpersonennahverkehrs bereits verfolgt.

Pro Bahn fordert neue Bauplanung

Der Fahrgastverband Pro Bahn NRW hält die vorgeschlagene Entschädigung nach 15 Minuten für „recht unrealistisch, vor allem aufgrund des Zustands des Netzes“. Eine Neukonzeption der Bauplanung der DB Infrago sei aus Sicht von Pro Bahn hingegen notwendig, so Sprecher Ebbers. Es brauche eine gesamtwirtschaftliche Bewertung der Auswirkungen von Bahnbaustellen: „Hier darf nicht mehr die betriebswirtschaftliche Kalkulation von Infrago darüber entscheiden, wie schnell und mit welchen Einschränkungen für den Bahnverkehr gebaut wird, sondern es sind auch die Effekte auf Eisenbahnverkehrsunternehmen, Fahrgäste, Verlader und auch die Umwelt zu berücksichtigen“, betonte Ebbers und verwies auf die Niederlande: In dem Nachbarland würden große Bahnbaustellen häufig innerhalb kurzer Sperrpausen von wenigen Tagen abgewickelt. Das sei in Deutschland beispielsweise mit Blick auf den sich seit Jahren hinziehenden Ausbau der Betuwe-Strecke nicht der Fall. „Für das Verständnis der Kunden ist es sehr wichtig, wenn sie schon bald nach den Sperrungen auch von den Verbesserungen profitieren können“, so Ebbers.

Eine Sprecherin des NRW-Verkehrsministeriums erklärte: „Wir leben in einem Sanierungsjahrzehnt und auch die Deutsche Bahn muss ihrer Verantwortung nachkommen.“ Es werde so viel investiert wie seit Jahrzehnten nicht. „Deshalb gibt es überall, wo wir hinsehen, Baustellen. Zwischenzeitliche Einschränkungen auf der Schiene sind die Folge dieser umfassenden Sanierung eines hochbelasteten Netzes. Fromme Wünsche der FDP helfen uns jetzt nicht weiter. Das Ziel bleibt: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit statt höherer Entschädigungen. Die beste Entschädigung ist immer noch ein Zug, der pünktlich einfährt.“

Ministerium zweifelt an Wirkung

Ob die angekündigten Haltausfälle und damit einhergehend eine Ausdünnung des Fernverkehrs geeignet seien, dieses Ziel zu erreichen, sei fraglich. „Haltausfälle können nur wirken, wenn sie mit der Baustellenplanung und dem Nahverkehr abgestimmt sind“, so die Ministeriumssprecherin.

Davon losgelöst verfolge man als NRW-Verkehrsministerium das Ziel, den Zugang zum ÖPNV durch ergänzende Mobilitätsangebote zu verbessern. „Wir entwickeln die multimodale Vernetzung an Haltepunkten und Bahnhöfen weiter dort, wo Angebote wie On-Demand-Verkehre oder Mobilstationen die Erreichbarkeit am wirksamsten verbessern können.“