
Die neue Strategie der NATO setzt auf unbemannte Fahrzeuge wie dieses unbemannte Bodenfahrzeug „Hunter Wolf“.
Spc. Mariam Diallo/US Army
Neue Dokumente zeigen, dass die Nato ein umfassendes KI-Netzwerk aufbaut, um russische Aggression abzuschrecken.
Es ist Teil eines größeren Strategiewechsels, bei dem unbemannte Systeme als erste Reaktion auf einen Angriff vorgesehen sind.
Die Strategie „ersetzt keine Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge oder Soldaten“, sagte ein Vertreter.
Entlang der östlichen Nato-Flanke setzt das Militärbündnis nicht mehr nur auf Panzer, Kampfjets und Truppen. Stattdessen baut die Allianz ein riesiges digitales Gefechtsnetzwerk auf – bestehend aus Tausenden Sensoren, Drohnen, Satelliten und Künstlicher Intelligenz.
Das Ziel: Einen Angriff auf verbündete Staaten so früh wie möglich zu erkennen und den Angreifer aufzuhalten, bevor er tiefer in Nato-Gebiet eindringen kann.
Das Konzept trägt den Namen Eastern Flank Deterrence Initiative, kurz EFDI. In Dokumenten, die „Bild“ vorliegen – „Bild“ gehört wie BUSINESS INSIDER (BI) zum Axel Springer Global Reporters Network –, wird ein möglicher Gegner ausdrücklich genannt: Russland.
Die Initiative soll nicht nur Russlands Vorteile bei Masse und Schwungkraft ausgleichen – also große Truppenzahlen und schnelle Vorstöße. Sie soll Moskau auch davon abhalten, überhaupt einen Angriff zu starten.
Die Nato bezeichnet dieses Prinzip als „deterrence by denial“, also Abschreckung durch Verweigerung. Dabei dürfte sie auf Systeme von Palantir und anderen führenden westlichen Rüstungsunternehmen zurückgreifen.
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KI soll Ziele erkennen und Angriffe ermöglichen
Die neue Strategie schafft ein großes, KI-gestütztes Netzwerk, um Ziele zu erkennen und zu bekämpfen. Es ähnelt dem leistungsfähigen Netzwerk, das Russland im Krieg gegen die Ukraine aufgebaut hat. Doch das ist nur der Anfang eines deutlich größeren Wandels: Unbemannte Systeme wie Angriffsdrohnen und ferngesteuerte Maschinengewehrstellungen sollen zur ersten Verteidigungslinie der Nato werden.
Nach dem Nato-Beitritt Finnlands im Jahr 2023 hat sich die gemeinsame Grenze des Bündnisses mit Russland deutlich verlängert. Heute reicht die östliche Nato-Grenze von Finnland über Estland, Lettland, Litauen und Polen bis nach Rumänien am Schwarzen Meer.
Dazu gehört auch die Grenze zu Belarus, Russlands engem Verbündeten. Entlang dieser gesamten Linie soll die EFDI die Verteidigung der Allianz stärken – durch ein System aus Sensoren, Drohnen, Führungsnetzwerken und konventionellen Streitkräften.

Rund 2600 Kilometer direkte Landgrenze zwischen NATO-Staaten sowie Russland und Belarus.
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Jahrzehntelang beruhte die Nato auf dem Prinzip der „deterrence by punishment“ – also Abschreckung durch Vergeltung. Die Idee dahinter: Sollte Russland Nato-Gebiet angreifen, würden Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge und Bodentruppen den Angriff abwehren und verlorenes Gebiet später zurückerobern.
Diese konventionellen Fähigkeiten bleiben das Rückgrat der Nato-Verteidigung. Leopard-2-Panzer, M1-Abrams-Panzer, HIMARS-Raketenwerfer, Artillerie und F-35-Kampfjets werden weiterhin eine zentrale Rolle spielen.
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Zusätzliche Verteidigungsebene soll Zeit gewinnen
Neu ist jedoch eine zusätzliche Verteidigungsebene. Sie soll einen Gegner erkennen, verzögern und bekämpfen, bevor er mit den konventionellen Bodentruppen der Nato in Kontakt kommt.
So sollen diese Kräfte ihre Kampfkraft bewahren und erst im entscheidenden Moment eingesetzt werden.
„EFDI ersetzt keine Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge oder Soldaten“, sagte Major Matt Blubaugh, ein Sprecher der US Army Europe and Africa. „Die Initiative soll helfen, ihre Kampfkraft zu bewahren und Kommandeuren mehr Zeit sowie einen Entscheidungsvorteil zu verschaffen.“

Abschreckung durch Vergeltung: Panzer, Kampfjets und Soldaten reagieren, wenn Russland die NATO angreift.
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Die neue Strategie

Die neue Nato-Strategie sieht vor, dass unbemannte Systeme die erste Reaktion auf eine Invasion oder einen Angriff bilden sollen.
Staff Sgt. Reece Heck/US Army National Guard
Wenn Menschen an Grenzverteidigung denken, stellen sie sich oft Mauern, Panzergräben oder Soldaten vor, die Zäune bewachen. Die EFDI ist jedoch weder ein Wall noch eine neue Frontlinie.
Stattdessen handelt es sich um eine verteilte Verteidigungsarchitektur, die die gesamte östliche Nato-Flanke von Finnland bis Rumänien unterstützen soll. In den Nato-Dokumenten ist häufig von einem „Kill Web“ die Rede. Der Begriff beschreibt ein eng verbundenes digitales Netzwerk.
Fällt ein einzelner Knotenpunkt aus, übernehmen andere sofort dessen Funktionen.

Abschreckung durch Verweigerung: Ein Netzwerk aus Sensoren, Drohnen, Robotern und Feuerkraft schafft einen digitalen Verteidigungsschild.
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Satelliten, Drohnen und Sensoren sammeln Daten
Zu diesen Knotenpunkten gehören Satelliten im Orbit, Aufklärungsdrohnen, Radarsysteme, Bodensensoren, Kameras und Mittel zur elektronischen Überwachung. Gemeinsam sammeln sie fortlaufend Informationen über Aktivitäten entlang der östlichen Nato-Flanke.
In der jüngeren Vergangenheit dauerte es oft beträchtliche Zeit, ein neu entdecktes Ziel zu bekämpfen. Eine Drohne meldete ein Ziel zum Beispiel zunächst an ein Hauptquartier. Dort wurden die Informationen analysiert, bevor ein Feuerbefehl über taktische Kommandeure an eine militärische Einheit wie ein Geschwader weitergegeben wurde. Dieser Prozess kostete wertvolle Zeit.
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KI soll Daten in Echtzeit auswerten
Zeitnah sollen Informationen, die von allen Nato-Mitgliedern gesammelt werden, in ein gemeinsames digitales Netzwerk fließen und sofort verteilt werden. Künstliche Intelligenz soll die Daten in Echtzeit analysieren und Kommandeuren dabei helfen, so schnell wie möglich ein gemeinsames Lagebild zu erstellen.
Die neue Strategie dürfte Technologien zahlreicher Rüstungsunternehmen einbinden, ermöglicht durch den Open-Architecture-Ansatz der Nato. Im Zentrum steht Palantirs Maven Smart System, kurz MSS. Es dient als KI-„Gehirn“ der EFDI, indem es Daten von Sensoren aus allen Einsatzbereichen verarbeitet und schnellere Entscheidungen ermöglicht.
Die Initiative integriert außerdem Systeme wie den KI-Drohnenabwehrjäger Merops von Perennial Autonomy sowie Fähigkeiten von Unternehmen wie RTX, Rheinmetall, Saab, Lockheed Martin und Boeing. Sie alle sollen über das EFDI-Data-Backbone zu einem einheitlichen Sensor-to-Shooter-Netzwerk verbunden werden.
Vom Sensor direkt zur Waffe
In der Praxis bedeutet das: Wenn eine Drohne eine russische Panzerformation entdeckt, werden die Informationen sofort mit Satellitenbildern, Radardaten und Informationen von Bodensensoren abgeglichen.
Kommandeure können anschließend auswählen, welche Waffen das Ziel bekämpfen sollen – etwa Drohnen, Artillerie, Raketenwerfer oder andere Waffensysteme. Die Auswahl kann nach Reichweite, Trefferwahrscheinlichkeit bei beweglichen oder statischen Zielen sowie nach der Bedeutung des jeweiligen Ziels erfolgen.
Die Nato fasst das Prinzip in drei einfachen Schritten zusammen: „Zuerst sehen. Zuerst entscheiden. Zuerst zuschlagen.“
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Maschinen kämpfen zuerst
Auch die Frontlinie selbst dürfte sich deutlich verändern. Nach den Nato-Plänen sollen unbemannte Systeme als Erste einer angreifenden Streitmacht entgegentreten.
Vorgesehen ist eine vorgelagerte Zone, in der Drohnen, Bodenroboter, Sensoren und andere autonome Systeme den Gegner bekämpfen, bevor konventionelle Truppen eingreifen.
Die Idee dahinter ist einfach: Maschinen – nicht Soldaten – sollen den ersten Angriff abfangen. Das spart Zeit und bewahrt die Kampfkraft der Nato-Frontverbände. „EFDI verschafft uns Zeit und Klarheit. Aber am Ende des Tages werden Soldaten, Panzer und Flugzeuge weiterhin gebraucht, um Gelände zu sichern und zu halten“, sagte Blubaugh.

So funktioniert das digitale Verteidigungsnetzwerk: Von der Früherkennung bis zur Bekämpfung des Ziels.
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Lehren aus dem Ukraine-Krieg
Der Krieg in der Ukraine hat das neue Konzept geprägt. Die Nato übernimmt dabei Erkenntnisse, die das ukrainische Militär direkt auf dem Schlachtfeld gesammelt hat.
Konkret sollen Tausende kostengünstige Drohnen, Robotersysteme und Sensoren konventionelle Waffen ergänzen. Sie sollen Russlands Vorteile bei Masse und Tempo ausgleichen – also die Fähigkeit, große Truppenzahlen einzusetzen und schnell vorzurücken.
Luca-Marie Hoffmann ist BILD-Journalistin in Berlin und berichtet über Militärthemen und Krisen.
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