Während andere den Blick konzentriert nach unten richten, um sich nicht im Brombeergestrüpp zu verfangen, richtet sich Wolfgang Sandners Blick nach oben. Er scannt im dichten Wald die Baumkronen ab. Denn so kommt er auf einen der gefährlichsten Forstschädlinge. Der pensionierte Polizist ist so etwas wie ein Borkenkäfer-Jäger. Im Auftrag des Zusmarshauser Betriebshofs der Bayerischen Staatsforsten durchstreift er Reviere, um befallene Bäume zu entdecken.

Borkenkäfer: Warum ein Ex-Polizist gerne auf die Suche geht

Seit acht Jahren sucht Sandner nach Borkenkäfer und Co.. „Ich bin gerne im Wald unterwegs. Mir macht das Spaß“, sagt er. „Und wenn ich helfen kann, dann ist das gut.“ Seine Aufgabe vergleicht er mit der Suche nach Pilzen. Nur mit dem Unterschied, dass Borkenkäfer nicht bekömmlich sind. Im Gegenteil: Wenn sie großen Appetit entwickeln, dann können sie bei warmem Wetter innerhalb weniger Wochen exponentiell ganze Nadelbaumbestände vernichten. Die Larven zerstören direkt unter der Rinde die Lebensadern des Baumes. Betroffene Fichten müssen dann sofort gefällt und abtransportiert werden. Dafür müssen sie allerdings erst einmal entdeckt werden – an dieser Stelle kommt der Jäger ins Spiel.

Wolfgang Sandner scannt die Baumkronen ab: Braune Wipfel können ein Anzeichen dafür sein, dass die Fichte geschwächt ist.

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Wolfgang Sandner scannt die Baumkronen ab: Braune Wipfel können ein Anzeichen dafür sein, dass die Fichte geschwächt ist.
Foto: Maximilian Czysz

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Wolfgang Sandner scannt die Baumkronen ab: Braune Wipfel können ein Anzeichen dafür sein, dass die Fichte geschwächt ist.
Foto: Maximilian Czysz

Am Bergrücken zwischen dem Kloster Oberschönenfeld und dem Engelshof macht sich Sandner auf die Suche. Mehrere Hektar groß ist die Fläche. Zunächst geht es durch das dichte Brombeergestrüpp einige hundert Meter hinauf. Unter den Buchen und Lärchen sagt er: „Man sieht sofort: Hier ist Laub, hier ist die Gefahr nicht groß.“ Also weiter. Und weiter durch hohes Gras und Brombeeren, die bald Spuren auf den Unterarmen hinterlassen.

Einige hundert Meter weiter erspäht Sandner eine braune Farbnuance an einigen Fichten-Wipfel. Jetzt kommt seine Erfahrung ins Spiel, sein feines Näschen für Borkenkäfer. Braun ist ein Indiz dafür, dass es dem Baum schlecht gehen könnte. Sandner steuert die Fichten an. Treffer – auf den Blättern der Brombeeren rund um den Stamm entdeckt er Bohrmehl der Schädlinge. Jetzt ist klar: Der Baum ist befallen. Im Umkreis spürt Sandner noch weitere neun Bäume auf – zum Teil mächtige Fichten.

Geheimnisvolle Zeichen im Wald: Ein Punkt bedeutet Käferbefall

Die Bäume werden mit einem orangefarbenen Punkt markiert. Auf Bäume, an denen die Käfer keinen Geschmack gefunden haben, sprüht Sandner eine Null. Und das aktuelle Datum. So erkennt er, dass er vor zwei Jahren schon einmal an der Stelle war – damals gab es noch keinen Befall. Den aktuellen Fund gibt der Borkenkäfer-Zielfahnder in eine spezielle App ein. Die Baumart, Tag, Menge und Zustand werden so festgehalten.

Die Stelle mit dem Befall wird in einer App festgehalten. Das hilft, die Käferbäume wiederzufinden und schnell aus dem Wald zu bringen.

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Die Stelle mit dem Befall wird in einer App festgehalten. Das hilft, die Käferbäume wiederzufinden und schnell aus dem Wald zu bringen.
Foto: Maximilian Czysz

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Die Stelle mit dem Befall wird in einer App festgehalten. Das hilft, die Käferbäume wiederzufinden und schnell aus dem Wald zu bringen.
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Am Ende gibt die Software eine Nummer aus, die Sandner auf den Baum sprüht. Die Fünf hilft beispielsweise dem Fahrer des Harvester, schnell an die befallene Stelle zu kommen. Orientieren kann er sich freilich über die App, denn die Stelle wird auf einer Karte markiert. Sind die Fichten gefällt, dann erhält die Markierung eine gelbe Farbe. Sind die Bäume aus dem Wald geschafft, dann folgt Grün – das ist die Borkenkäfer-Ampel im Wald.

Wer kann Borkenkäfer-Jäger werden?

Eine spezielle Ausbildung braucht man nicht. „Ein gewisses Grundwissen über den Wald sollte man schon haben“, erklärt Rainer Droste von den Staatsforsten. „Für jemanden, der noch nie auch mal abseits der Wege im Wald war, ist dieser Job sicher nichts. Man sollte auch bei höheren Temperaturen gerne länger draußen sein und auch vor unwegsamem Gelände nicht zurückschrecken. Wie man befallene Fichten finden und erkennen kann, lässt sich mit etwas Anleitung recht rasch erlernen.“ Die Aufgabe wird über einen befristeten Arbeitsvertrag auf Stundenbasis vergütet. Beim Forstbetrieb in Zusmarshausen gibt es derzeit sechs externe Suchkräfte, die die Förster unterstützen.

Auch beim Borkenkäfer-Monitoring für Ampel wird die Gefährdungslage in Ampelfarben angezeigt. Der Bereich zwischen Ziemetshausen und Zusmarshausen ist rot eingefärbt. Das heißt: Es ist eine schnelle Ausbreitung bestehender Befallsherde ist zu erwarten. Im restlichen Landkreis Augsburg ist aktuell Warnstufe gelb: Es wird mit einer Ausbreitung des Befalls gerechnet. Die erste Generation von Borkenkäfern, also die ersten Nachkommen der Tiere, die überwintert haben, ist vor etwa ein bis zwei Wochen ausgeschlüpft und bohrt sich aktuell in Brutbäume, um eine zweite Generation anzulegen. „Da wir im vergangenen Jahr einen vergleichsweise moderaten Befall hatten, und die meisten befallenen Bäume über den Winter fällen und abtransportieren konnten, ist das Geschehen aktuell noch beherrschbar“, sagt Rainer Droste von den Staatsforsten. Die Hitzewelle und die zu geringen Niederschläge seit Februar würden allerdings die Fichten sehr schwächen. „Daher ist es jetzt sehr wichtig, möglichst viele neu befallene Bäume schnell zu finden. Wir müssen die Populationsentwicklung also weit wie möglich ausbremsen.“