Die Rock-Ballade „Flugzeuge im Bauch“ muss bei Philipp Holstein, Kulturchef der Rheinischen Post, ein inneres Beben verursacht haben. Erst da habe er eine Ahnung davon bekommen, was den Sänger, Komponisten und Texter Herbert Grönemeyer ausmache, bekannte der Journalist in der Kirche St. Marien Pesch. Dabei habe es einmal eine Zeit gegeben, in der er Grönemeyer „eigentlich“ gar nicht mochte.

Auf Einladung der Netzwerkkirche und dem Verein „Korschenbroich liest“ spürte Holstein den religiösen Bezügen in Grönemeyers Liedern und der zunächst überraschend anmutenden Vorstellung von Grönemeyer als Prediger nach. Für die vertiefende Auseinandersetzung mit dem Künstler empfahl der Gast den Besuch von dessen Livekonzerten. Für den Abend hatte er zum Zuhören eine gut sortierte Liedauswahl mitgebracht. Die ausgespielten Musikbeispiele ließen Zeit zum Einfühlen, Nachhorchen und zur Entdeckung unvermuteter Seiten am beliebten deutschen Sänger.

Grönemeyer als „Diesseits-Prediger“

Holstein nannte Grönemeyer einen „spirituellen Popstar“, einen „Diesseits-Prediger“, dessen Spiritualität im Alltag praktisch anwendbar sei. In seinen Liedern benenne der Künstler das Leid. Er singe davon, wie es dem geht, dem der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Dabei hätten die Songs auch eine trostspendende Kraft, gäben Hoffnung. Holstein beschrieb den Sänger als „Sprachjuwelier“, der Begriffe neu klingen lasse. Die traurigste und schönste Leerstelle in Grönemeyers Liedern sei „Oh“.

„Wenn ihm alles zu viel wird, flüchtet sich Grönemeyer in die Lautmalerei“, so der Referent. „Bei meinem ersten Grönemeyer Konzert habe ich tief in mir begriffen, wie er die Worte trifft, dass sich 60.000 Menschen angesprochen fühlen. Die Leute heulen, tanzen und manche lassen die frohe Botschaft mit geschlossenen Augen auf sich wirken“, sagte Holstein. Das Lied „Der Weg“ aus dem Album „Mensch“ beschrieb er als Grönemeyers Abschied an dessen verstorbene Frau Anna. Hier gehe es um Wahrheit und Schmerz, während zwischen den Zeilen ein Licht leuchte. Genau genommen sei das Lied ein Gebet, lasse an religiöse Andacht denken. Der Künstler beschreibe ein Gefühl, das alle kennen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Der Song werde wohl deswegen oft bei Beerdigungen gespielt.

Holstein sprach von einem Livekonzert, bei dem Grönemeyer „alleine am Klavier“ Matthias Claudius Abendlied von 1779 gesungen hatte. Da sei das Stadion zur „Insel der Andacht“ geworden, bei der 65.000 Menschen ein geistliches Lied mitsangen. Das „letzte Wort“ überließ Holstein Grönemeyers Lied „Mut“, einer „Weihnachtsmeditation“. Darin erkannte der Referent eine zärtliche, demütige Stimme in einer Zeit, in der Glaube für viele verbunden sei mit Dogma und Macht.