Es war eine Hitzewelle, wie sie Deutschland noch nicht erlebt hat. Ende Juni kletterten die Temperaturen auf Rekordhöhen, erreichten teilweise über 41 Grad. Vielerorts waren die Notaufnahmen der Kliniken überfüllt, die Rettungsdienste zahlreicher Bundesländer meldeten hunderte hitzebedingte Einsätze: Kreislaufprobleme, Dehydrierung, Hitzschlag.
Die Folgen waren dramatisch: Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) hat die Hitzephase ab Mitte Juni 2026 rund 5100 Menschen das Leben gekostet. Die Zahl der Hitzetoten übertrifft damit schon zur Jahresmitte die Werte ganzer Vorjahre deutlich: 2023 bis 2025 waren es im Schnitt 2900 hitzebedingte Todesfälle pro Jahr.
Die Rekordhitze traf auch jene, die helfen: In den Kliniken gab es überdurchschnittliche Zahlen von Patientinnen und Patienten, überlastetes Personal und überhitzte Räume. Nur etwa ein Drittel der Notaufnahmen in Deutschland ist mit Klimaanlagen ausgestattet. Auch in Pflegeheimen fehlen sie.
Fachleute wie Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann warnen: „Deutschland ist für eine solche Hitzewelle nicht gewappnet.“ Die Lage sei dramatisch, so die Ärztin und Professorin für Umweltmedizin an der Universität Augsburg. „Diese Umstände dürfen nicht mehr bagatellisiert werden. Hitze ist ein Sicherheitsproblem!“
Wie schwer die Auswirkungen eines tagelang andauernden Hitzehochs sind, wird in den Krankenhäusern meist erst fünf bis sieben Tage nach Beginn der Hitzewelle spürbar. Vor allem die große Zahl älterer Menschen, die nach und nach in Kliniken eingeliefert werden, kann zum Problem werden. Bei solchen Wetterbedingungen drohen mehr Herzinfarkte, Lungenembolien und Schlaganfälle.
„Die Menschen waren erschöpft“
Die Erfahrungen der Juni-Hitzewelle lassen erahnen, was in den kommenden Jahren auf Deutschland zukommen könnte. Eine aktuelle Studie der World Weather Attribution besagt, dass Deutschland und Europa sich durch den Klimawandel schneller erwärmen als andere Regionen auf der Welt. Heiße Luftmassen aus der Sahara heizen sich über dem Mittelmeer auf, ziehen oft langsam von Südwesten nach Nord- und Osteuropa. Frankreich, das aufgrund seiner geografischen Lage im Schnitt deutlich mehr Hitzetage erlebt als Deutschland[1], traf die letzte Hitzewelle einige Tage früher als Deutschland.
Dr. Frédéric Armager, niedergelassener Allgemeinmediziner im 9. Pariser Arrondissement, berichtet der Apotheken Umschau: „Nach einer Woche Hitzewelle – also ab Mittwoch, Donnerstag – häuften sich die Beschwerden. Die Menschen waren erschöpft, und viele Patienten baten um Krankschreibungen, weil sie einfach nicht mehr konnten: kein Schlaf, Büros oder Arbeitsplätze ohne Klimaanlage.“

Die Folgen der Hitze hätten womöglich noch schlimmer ausfallen können. Doch Ende Juni hatte Frankreich den höchsten Krisenmodus für das Gesundheitssystem ausgerufen. Dafür existiert in Frankreich seit 2014 ein Notfallszenario. Dieser sogenannte Orsan-Plan ist unter anderem auf Hitzewellen zugeschnitten und orientiert sich dabei an den herrschenden Temperaturen. Wird der Notfallplan aktiviert, können Kliniken zusätzliches Personal mobilisieren. Außerdem wird die Abstimmung zwischen Krankenhäusern, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, mobilem Gesundheitspersonal und Pflegeeinrichtungen verstärkt. In den höchsten Alarmierungsstufen kommen außerdem zusätzliche freiwillige Gesundheitsfachkräfte zum Einsatz.
Kein bundesweiter Hitzeschutzplan
In Deutschland hingegen existiert kein bundesweit verbindlicher, gesetzlicher Hitzeschutzplan für Kliniken. Krankenhäuser sind angehalten, auf Basis des Musterhitzeschutzplans des Bundesministeriums für Gesundheit individuelle Notfallmaßnahmen umzusetzen. Die werden – je nach Bundesland – unterschiedlich geregelt.
Man tausche sich aber mit allen verantwortlichen Akteurinnen und Akteuren aus, um Hitzeschutzmaßnahmen weiterzuentwickeln, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium. Außerdem habe man zum Beispiel das Portal Hitzeservice.de gefördert, über das sich Kommunen, kommunale Einrichtungen und Landkreise vernetzen können. Mit dem Geld aus dem sogenannten Transformationsfonds kann zudem die Krankenhauslandschaft in Deutschland an neue Anforderungen angepasst werden. Das Geld aus dem Fonds ist jedoch nicht gezielt für Hitzeschutzmaßnahmen gedacht.

Währenddessen werden in Frankreich aktuell zusätzlich 130 Millionen Euro bereitgestellt, um landesweit Schulen mit Klimaanlagen auszustatten. Für die langfristige Sanierung und die Verbesserung der Energieeffizienz der oft schlecht isolierten Klinikgebäude stehen dort bis 2035 600 Millionen Euro bereit.
Frédéric Armager berichtet von einer großen Diskussion, die es in Frankreich derzeit über Klimaanlagen gebe. Bislang seien in vielen Krankenhäusern nur bestimmte Räume klimatisiert, berichtet der französische Allgemeinmediziner – das sei Pflicht, vor allem für Operationssäle. Die Patientenzimmer sind es laut Armager nicht flächendeckend, und auch die Alten- und Pflegeheime sind oft nicht klimatisiert. Seit der Hitzewelle 2003 ist es jedoch gesetzlich vorgeschrieben, dass mindestens ein Raum im Pflegeheim klimatisiert sein muss.

In Deutschland, so scheint es, beginnt die Diskussion darüber gerade erst. Medizinerin Traidl-Hoffmann sagt: „Es hilft nicht, wenn das Gesundheitsministerium Vorschläge liefert und die Kommunen dann damit alleine lässt. Es braucht Gelder für die Umsetzung und insbesondere für die präventiven Maßnahmen.“ Gleichzeitig lobt Traidl-Hoffmann die Entwicklungen in Bayern. Der Masterplan Prävention erarbeite dort einen „Maßnahmenkatalog für Hitzeprävention in vielen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere den Schulen“. Und der wichtigste Schritt: die Bedenken werden ernst genommen.
„Klimawandel ist im Krankenhausalltag angekommen“
Traidl-Hoffmann fordert, dass Hitzeschutz in Deutschland von Anfang an mitgedacht wird. Krankenhäuser und Pflegeheime müssten dringend so gebaut werden, dass sie kühl bleiben. Es brauche Maßnahmen wie Fassadenbegrünung, Baumalleen und Moore – weil sie Bevölkerungsschutz bedeuten. „Es ist in unserer Lage gar keine Option mehr, nicht nachhaltig und hitzeresilient zu bauen“, so die Umweltmedizinerin.

„Der Klimawandel ist längst im Krankenhausalltag angekommen“, sagt auch Dr. Gerald Gaß, Vorstand der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). „Während draußen Rekordtemperaturen gemessen werden, versorgen unsere Kliniken besonders viele vulnerable Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig arbeiten Beschäftigte unter immer schwierigeren Bedingungen.“ Die DKG fordert daher ein Sonderinvestitionsprogramm, um Krankenhäuser wirksam vor den Folgen des Klimawandels und insbesondere den zunehmenden Hitzewellen zu schützen.
Frankreich macht vor, welche Schritte dafür nötig sind. Für den Pariser Arzt Frédéric Armager steht fest: „Wir bekommen den Klimawandel gerade mit voller Wucht zu spüren. Europäische Städte sind nicht bereit für diese Temperaturen wie in der Sahara.“

