Ein Meer aus Nelken. Fast 10.000 Stück. Es erstreckt sich bis zum Bühnenhintergrund, der hier nicht von einer schwarzen Brandmauer gesäumt wird, sondern von einem Wald aus Pinien. Auf der Bühne wirken die Nelken wie Fremdkörper, deplatziert, aber wunderschön. Hier, in dieser von Trockenheit geprägten Mittelmeerkulisse ebenso entrückt. Das Meer und die Lichter von Toulon sieht man noch durch die Zweige der Pinien im Bühnenhintergrund hindurchblitzen. Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch gastiert in Südfrankreich. Die Aufführung von „Nelken“, einem Tanztheaterklassiker von 1982, bildet den Höhepunkt des Festivals von Châteauvallon-Liberté.
Die Zikaden haben pünktlich um 22 Uhr ihren Gesang eingestellt. Jetzt herrscht Stille in den Bergen oberhalb von Toulon. Nur ein paar Frösche quaken, als gäben sie ihren Kommentar ab zu jenen merkwürdigen Damen und Herren in Abendgarderobe, die hier durch ein Meer aus Nelken rennen, staksen, in Reihe mal stehend, mal sitzend, mal liegend tanzen. Seltsam aus der Zeit gefallen wirken sie hier in Châteauvallon, einem Amphitheater aus Sandstein. Trotz 1200 Plätzen, natürlich ausverkauft, wirkt die Aufführung fast intim, so nah sitzt man am Geschehen.
Pina Bauschs Stück von 1982 hat sich eine junge Generation von Tänzerinnen und Tänzern erobert, kein Wunder, ist es doch heiter und bedrohlich, verspielt, überreich an szenischen Ideen, dabei bildgewaltig und ein tolles Ensemblestück mit Bauschs berühmten Reihentänzen. Etwa die „Nelkenline“, eine gestische Darstellung der vier Jahreszeiten, die von Laien auf der ganzen Welt getanzt wird. Es ist eines der wenigen Stücke von Pina Bausch, die sich für eine Open-Air-Aufführung eignen, denn nichts kommt von oben, kein Wasser, keine Blütenblätter. Ein Exportschlager des Tanztheater Wuppertal, immer noch.
Am Ende des eindrücklichen Abends liegen die Nelken zertrampelt auf dem Boden. Und es regnet doch noch: pinke Sitzkissen. Das ist eine Besonderheit in Châteauvallon: Wem es gefallen hat, wirft sein Kissen auf die Bühne als Zeichen der Anerkennung.
99 Prozent Auslastung konnte das Tanztheater Wuppertal für die vergangene Spielzeit vermelden. Die Nachfrage nach Stücken ist ungebrochen. Hier, in Südfrankreich, bekommt man einen Eindruck, warum. Gespielt wird eine französische Fassung, alle Texte werden auf Französisch gesprochen – und das ist in „Nelken“ nicht gerade wenig. Ein Tänzer fordert die anderen auf, ihren „passeporte“ zu zeigen. Ein Mann soll einen Hund nachahmen und auf vier Beinen laufen, solche Szenen sind universell verständlich, zeitlos.
In Frankreich gastiert das Tanztheater regelmäßig, das war schon zu Pina Bauschs Zeiten – die Tänzerin und Choreografin starb 2009 – so. Von den 83 Vorstellungen, die für die nächste Spielzeit angekündigt sind, finden 51 in aller Welt statt.
Das Interesse an Pina Bauschs Werken scheint ungebrochen. Dazu passt auch die jüngste Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins. Danach steht Pina Bausch als Choreografin in der Besucherstatistik in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Platz 4, hinter John Neumeier, Hans van Manen und William Forsythe – noch vor Sharon Eyal. Nächste Saison zeigt das Tanztheater elf Werke aus vier Jahrzehnten von Pina Bausch. Erstmals seit 2015 sind wieder „Danzon“ und „Der Fensterputzer“ zu sehen – Highlights. Gastieren wird das Ensemble in London, New York, Madrid, Brest, Athen, Ludwigshafen und Wien.
Und vermutlich werden auch dann die Zuschauer am Ende jubeln, wie hier in Châteauvallon.