Die Ziellinie ist überquert, der Jubel bricht los. Vier junge Sprinterinnen fallen sich in die Arme, lachen, schreien ihre Freude heraus und können kaum glauben, was gerade passiert ist. Auf der Anzeigetafel im Lohrheidestadion in Wattenscheid leuchtet die Zeit auf: 47,16 Sekunden. Bronze bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Und das als jüngste Staffel des gesamten Wettbewerbs.

Ein paar Meter daneben steht Silvio Zein. Er beobachtet, wie seine Schützlinge den Erfolg gemeinsam feiern. Sein Blick wandert noch einmal zur Anzeigetafel. Für viele Zuschauer sind es 47,16 Sekunden. Für den Cheftrainer des ART Düsseldorf stecken in dieser Zeit Jahre voller Arbeit, Geduld und Vertrauen. „Das ist ein Riesensprung und ein hervorragendes Ergebnis“, sagt der 57-Jährige. Und tatsächlich: Vor einem Jahr war dieselbe Staffel deutscher U16-Meister über 4×100 Meter geworden. Damals blieb die Uhr bei 47,95 Sekunden stehen. Nur zwölf Monate später steigern sich die vier jungen Frauen um fast acht Zehntelsekunden – und behaupten sich als jüngerer Jahrgang gegen ältere Konkurrenz. Solche Entwicklung lässt sich nicht planen. Aber sie lässt sich vorbereiten.

Silvio Zein treiben Medaillen allein nicht an. Er freut sich über Siege, Podestplätze und Rekorde. Doch wenn er über seine Arbeit spricht, geht es fast immer zuerst um Menschen. „Du lebst als Trainer vom Erfolg deiner Schützlinge, von ihrem Feedback und ihrer Kommunikation. Das ist alles, was du als Trainer bekommst. Erfolge der Athleten sind das Schönste überhaupt.“ Das verrät viel über den Mann, der seit Jahrzehnten den Leistungssport beim ART prägt. Dabei könnte Zein problemlos über seine eigene Karriere sprechen. Zwischen 1982 und 1995 gehörte er selbst der Nationalmannschaft an. Er studierte an der renommierten Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig, später auch in Köln, und sammelte Erfahrungen, die heute in jede Trainingseinheit einfließen. Doch wenn das Gespräch auf Erfolge kommt, lenkt er es immer wieder auf seine Athletinnen.

Als „energiegeladen, kämpferisch und zielorientiert“ beschreibt er seine U18-Mannschaft. Diese drei Worte fassen zusammen, was die Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid eindrucksvoll gezeigt haben. Die Bronzemedaille der Staffel war nur einer von vielen Höhepunkten. Matilda Leowald sprang mit starken 5,97 Metern zu Silber im Weitsprung. Drei Zentimeter fehlten ihr zur Norm für die U18-Europameisterschaften. Nur wenige Minuten später verpasste auch Clara Apfel die internationale Qualifikation denkbar knapp. Mit 5,94 Metern belegte sie Rang vier – sechs Zentimeter fehlten zur EM-Norm. Carlotta Meurer erreichte mit 3,65 Metern Platz acht im Stabhochsprung. Matilda Leowald sammelte zusätzlich einen achten Platz im Hochsprung, Marie Enting wurde dort Dreizehnte. Über 100 Meter gehörten Charlotte Apfel und Milena Sandkrüger als Sechste beziehungsweise Achte ihres jüngeren Jahrgangs ebenfalls zu den besten Nachwuchssprinterinnen Deutschlands.

Was diese Ergebnisse so bemerkenswert macht, ist nicht nur ihre Qualität. Es ist ihre Breite. Während viele Vereine einzelne Spitzentalente hervorbringen, präsentiert der ART eine komplette Trainingsgruppe, die in zahlreichen Disziplinen zur deutschen Spitze gehört. Sechs aktuelle Bundes- und Landeskaderathletinnen trainieren gemeinsam – eine Konstellation, die deutschlandweit nur selten zu finden ist. Für Zein ist das kein Zufall. „Das ist ein ungewöhnlich starker Jahrgang. Möglich macht das unser Unterbau.“ Beim ART wächst der Leistungssport von unten nach oben. Bereits in der U10 werden Kinder spielerisch an die Leichtathletik herangeführt. Jahr für Jahr entwickeln Trainerinnen und Trainer Technik, Koordination und Bewegungsgefühl weiter. Manche Kinder bleiben ein paar Jahre. Andere entdecken ihren Ehrgeiz – und bleiben ein Jahrzehnt. „Die Jungen und Mädchen kommen, um Spaß zu haben. Aber der Spaß stellt sich oft besonders dann ein, wenn der Erfolg da ist. Für den einen ist das die Landesmeisterschaft, der andere träumt von Olympia. Wenn Kinder den Traum von Olympia haben, dann finde ich das sehr schön.“ Für Zein beginnt Leistung genau dort: bei der Begeisterung.

Deshalb misst er Erfolg nicht ausschließlich an Medaillen. Er misst ihn daran, ob junge Menschen bereit sind, regelmäßig zu trainieren, Rückschläge auszuhalten und an sich zu glauben. Die aktuelle U18-Mannschaft ist für ihn das beste Beispiel dafür. Die Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid bestätigten diesen Weg eindrucksvoll. Der ART war der erfolgreichste Verein der Region. Sechs Athletinnen qualifizierten sich für Einzelwettbewerbe – mehr als jeder andere Verein aus Düsseldorf und Umgebung. Dazu kam die eigene Sprintstaffel. Während andere Vereine Startgemeinschaften bilden mussten, lief der ART mit einem Quartett an, das vollständig im eigenen Verein ausgebildet worden war. Die Bronzemedaille war deshalb weit mehr als ein Erfolg über 4×100 Meter. Sie war die Bestätigung einer Philosophie, die seit vielen Jahren gelebt wird.

Silvio Zein ist überzeugt, dass ein Trainingsplan allein keine Medaille gewinnt. Technik, Schnelligkeit und Kraft lassen sich trainieren. Vertrauen nicht. „Die Mannschaft verbringt viel Zeit miteinander“, erzählt er. „Wir waren zwei Wochen zur Vorbereitung in Spanien. Dort sind wir nicht nur gemeinsam auf dem Trainingsplatz, sondern auch außerhalb des Sports unterwegs. Die Athletinnen haben einen guten Draht, sie kommunizieren viel miteinander und unterstützen sich gegenseitig.“

Wer die Gruppe erlebt, spürt schnell, dass sie anders funktioniert als viele Trainingsgemeinschaften. Obwohl jede Athletin in ihrer eigenen Disziplin antritt, fiebern alle mit, wenn eine Teamkollegin startet. Bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid war das besonders eindrucksvoll zu beobachten. Als Carlotta Meurer ihren Stab in die Hand nahm, standen Matilda Leowald, Clara Apfel, Charlotte Apfel, Milena Sandkrüger und Marie Enting längst an der Anlage. Jeder gelungene Sprung wurde bejubelt, jeder Fehlversuch gemeinsam verarbeitet.

„Da ist etwas entstanden – ein starkes Gemeinschaftsgefühl“, sagt Zein. Gerade in einer Individualsportart ist das alles andere als selbstverständlich. Natürlich gibt es Konkurrenz. Sie gehört zum Leistungssport. Sie ist sogar notwendig. „Ja, klar. Das wäre ungewöhnlich, wenn es die nicht gäbe. Natürlich möchte jede zum Beispiel die Erste sein, die die 100 Meter unter zwölf Sekunden läuft.“ In Wattenscheid zeigte sich, dass die Athletinnen das Vertrauen des Trainers längst zurückzahlen.

Die besondere Stärke dieser Mannschaft zeigt sich aber gar nicht im Wettkampf, sondern danach. Während andere unmittelbar ihre Ergebnisse analysieren oder bereits an den nächsten Start denken, freut sich diese Gruppe zunächst über den Erfolg der anderen. Die Silbermedaille von Matilda Leowald wird genauso gefeiert wie Carlotta Meurers Finaleinzug oder die starken Sprintleistungen von Charlotte Apfel und Milena Sandkrüger. Niemand steht allein.

Genau deshalb spricht Zein über seine Athletinnen selten zuerst als Sportlerinnen. Er beschreibt ihre Persönlichkeiten. Milena Sandkrüger sei „die Stimmungskanone“, erzählt er. Als Startläuferin der Staffel strahle sie eine bemerkenswerte Ruhe aus. „Was rechts und links passiert, ist mir egal. Ich mache mein Ding.“ Clara Apfel nennt er diejenige, „die den Geist der Mannschaft zusammenhält“. Sie organisiert, vermittelt und sorgt dafür, dass aus vielen starken Einzelkämpferinnen ein echtes Team wird. Charlotte Apfel sei „die Intellektuelle“, die nach Wettkämpfen gemeinsam mit ihm Videos analysiere und jedes Detail verstehen wolle. Und Matilda Leowald? Zein muss nicht lange überlegen.„Sie ist die energiegeladene Kämpferin. Sie braucht rechts und links Gegnerinnen, gegen die sie kämpfen kann.“

Fragt man Silvio Zein nach dem Erfolgsgeheimnis des ART Düsseldorf, spricht er nicht über sich. Für ihn ist Leistungssport Teamarbeit – nicht nur auf der Bahn, sondern auch daneben. Während er den Sprintbereich sowie die horizontalen Sprünge verantwortet, betreut sein langjähriger Co-Trainer Olaf Meurer den Stabhochsprung. Sein Sohn, selbst einst Deutscher Meister, gibt seine Erfahrungen inzwischen als Wurftrainer an die nächste Generation weiter. Jeder bringt seine Expertise ein, jeder profitiert vom Wissen des anderen. Diese Kultur des Miteinanders zieht sich durch den gesamten Verein. Sie beginnt nicht erst bei den Jugendlichen, sondern bereits bei den Jüngsten. Der ART versteht sich als Ausbildungsverein. Von der U10 an werden Kinder Schritt für Schritt an den Leistungssport herangeführt. Koordination, Technik und Freude an der Bewegung stehen zunächst im Vordergrund. Erst später kommen Leistungsziele hinzu.

„Von dieser Trainingsgruppe ist noch viel zu erwarten. Sie startet im kommenden Jahr noch einmal in der U18 und danach zwei Jahre in der U20“, sagt Zein. In diesem Satz schwingt keine Euphorie mit, sondern Erfahrung. Zein hat in seiner langen Trainerlaufbahn viele Talente begleitet. Manche erfüllten alle Erwartungen, andere schlugen ganz andere Wege ein. Gerade deshalb vermeidet er große Versprechen. Er spricht lieber von Möglichkeiten. Was ihn optimistisch stimmt, ist weniger das Talent als die Haltung seiner Athletinnen. Sie trainieren konsequent, sie arbeiten füreinander und sie gehen respektvoll miteinander um. Eigenschaften, die sich nicht in Bestenlisten messen lassen, die aber oft darüber entscheiden, wie weit ein sportlicher Weg tatsächlich führt.