
AUDIO: „Das ist purer Theaterstoff“: Timmy der Wal als moderne Passionsgeschichte (6 Min)
Stand: 11.07.2026 06:00 Uhr
Gestern hat das Ernst Deutsch Theater in Hamburg „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“ gezeigt, ein Stück über den gestrandeten Buckelwal. Regisseur Alexander Klessinger inszeniert auf der Bühne eine Art Messe für das Tier – aber nicht nur das.
Herr Klessinger, können Sie verstehen, wenn jemand sagt: Timmy im Theater – muss das sein?
Alexander Klessinger: Auf jeden Fall muss das sein. An Timmy haben sich so viele Dynamiken entfacht, gesellschaftspolitische Themen wurden hier sichtbar. Das war wie so eine Art Spiegelfigur für so viele Themen rundherum. Das ist purer Theaterstoff, und Theater ist geeignet, um all diese Kontroversen und Perspektiven zu verdichten und auf die Bühne zu bringen. Das ist noch mal eine neue Wendung gegenüber der ganzen Berichterstattung, die schon da war.

Was als Sorge um ein geschwächtes Tier beginnt, entwickelt sich zu einem emotionalen Medien-Ausnahmezustand und immer neuen Rettungsideen.
Wann ist Ihnen die Idee gekommen, die Geschichte auf die Bühne zu bringen?
Klessinger: Da gab es schon Schlüsselmomente. Spätestens als es dort kleine Demonstrationen gab, wo „Wir sind das Volk, Freiheit für Hope“ gerufen wurde,, da hatte ich das Gefühl: Jetzt muss das auf die Bühne; das nimmt Dimensionen an, das hat mit dem Wal nur noch bedingt zu tun.
Was war Ihnen wichtig: besonders schnell oder besonders gut mit dem Stück zu sein?

Regisseur Alexander Klessinger setzt bewusst auf Überspitzung.
Klessinger: Tatsächlich schnell. Natürlich muss es auch gut sein, und hoffentlich ist es gut, aber wir wussten, dass das direkt im Anschluss passieren muss. Theater ist oft sehr langsam und reagiert erst ein Jahr später – das hat mit den Abläufen dort zu tun. Deswegen sind wir sehr froh, dass das Ernst Deutsch Theater uns ermöglicht hat, sehr schnell darauf zu reagieren.
Sie kündigen die ganze Geschichte an mit den Worten: „Hier erwartet uns eine moderne Passionsgeschichte“. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?
Klessinger: Ja, das ist dick aufgetragen, aber was an Timmy war nicht dick aufgetragen? Natürlich kann Theater überspitzen. Das hat ein bisschen damit zu tun, dass um Timmy herum auch ganz viel aus der esoterischen Perspektive aufgeladen wurde. Timmy wurde ja fast heilig gesprochen, und oft stand die Frage im Raum: Was will Timmy uns sagen? Warum ist er zu uns gekommen? Was ist seine Botschaft? Da war die Verknüpfung mit Liturgie, Messekontext und religiöser Aufladung für mich gar nicht so weit entfernt. Das bot sich für uns an als eine dramaturgische Setzung im Theater, die natürlich überspitzt ist. Aber Überspitzung, Übertreibung und Dinge größer ziehen – das kann das Theater, und das hat Timmy sowieso gezeigt. Da haben sich wenige zurückgehalten, etwas dick aufzutragen – da nehmen wir uns nicht raus.

Walflüsterer, Politiker und Tierärzte streiten sich um den richtigen Umgang. Um das Tier geht es längst nicht mehr.
Was genau wird auf der Theaterbühne im Ernst Deutsch in Hamburg passieren?
Klessinger: Mir ist es ganz wichtig, dass man den Abend als Gesamtes betrachtet. Das ist eine Theater-Performance für etwa 50 Minuten, und die hat die Struktur einer Messe. Wir nehmen viele Dinge: Original-Zitate, Original-Töne, den KI-Pop-Song und so weiter. Wir greifen sehr viel auf von dem, was da in den letzten Wochen präsent war, überspitzen das zum Teil und stellen Dinge aneinander und gegenüber.
Ganz wichtig ist mir aber, dass das in Verbindung gesehen wird mit dem Podium, das wir danach haben. Wir haben tolle Gäste da, unter anderem Frau Tönnies, die dort auch eine prominente Figur war. Auch Anna Schubert und Henrik Hassel, die in den Medien sehr präsent sind wegen eines Falls, wo sie in einem Schlachthof recherchiert haben. Und Franca Parianen, eine Neurowissenschaftlerin, die das für uns von dieser Seite einordnet. Am Ende spielt noch die Band Tulpe, die den sehr kontroversen Song „Spreng den Wal“ veröffentlicht hat. Das ist ein Gesamtkonzept. Es sind drei Teile, und das Ganze funktioniert zusammen als ein Reflexionsraum zu diesem Thema, angestoßen von Timmy.
Wie, glauben Sie, wird das Publikum reagieren? Die einen werden jubeln, die anderen werden den Kopf schütteln, und ein drittes kleines Grüppchen haut sich gegenseitig auf die Nase?
Klessinger: Auf die Nase hauen sich hoffentlich keine Leute, aber Kopfschütteln wird auf jeden Fall da sein. Was mich tatsächlich freut, ist, dass unser Publikum sehr gemischt sein wird. Wahrscheinlich hatte ich noch nie so ein gemischtes Publikum, weil Leute aus den unterschiedlichsten Gründen kommen werden – und nur ein Teil davon ist wahrscheinlich klassisches Theaterpublikum. Ich bin mir sicher, dass Leute auch gehen werden, aber damit können wir umgehen, das gehört auch dazu. Die Leute können sich auch positionieren, wir hoffen aber, dass sie das in gesitteter Weise tun – gesitteter als in den Kommentarspalten.
Bislang ist die eine Aufführung am 11. Juli im Ernst Deutsch Theater geplant.
Das Gespräch führte Keno Bergholz.

Das Ernst Deutsch Theater ist ein Forum für gesellschaftliche Auseinandersetzungen und Nachwuchskünstlerinnen und -künstler.