Ein Mann im Rollstuhl und ein Mann mit Blindenstock schauen die Ausstellung "Bewundert, gesammelt, ausgestellt" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Neuen Grünen Gewölbe im Residenzschloss an. Die Schau widmet sich dem Thema Behinderung in Kunst und Künstlerschaft vom Barock bis in die Gegenwart.

AUDIO: Wohnort entscheidet, wie schnell Behinderung anerkannt wird (4 Min)

Anerkennung von Behinderung

Stand: 12.07.2026 12:49 Uhr

Wer eine Schwerbehinderung anerkennen lassen will, braucht oft Geduld. Wie lange die Bearbeitung des Antrags dauert, hängt stark vom Wohnort ab. Eine MDR-Recherche zeigt erhebliche Unterschiede zwischen Ländern und Kommunen – und erklärt, warum manche Behörden deutlich schneller arbeiten als andere.

von Anja Neubert, MDR AKTUELL

Dorte Dunkel kennt die Probleme behinderter Menschen aus erster Hand. Die kommissarische Pressesprecherin des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland (ABIT) und dessen Landesverbandes in Sachsen-Anhalt leidet an einer Muskelerkrankung, die sie immer schwächer werden lässt; sitzt selbst im Rollstuhl. Auch sie hat sich bereits durch langwierige Antragsverfahren gequält – mit dem Ziel ein selbstbestimmteres Leben führen zu können.

Dorte Dunkel in der Glaskuppel vom Bundestag. Im Hintergrund die Deutschlandfahne.

Einer dieser Anträge, den Menschen wie Dunkel stellen müssen, ist der Antrag auf Anerkennung des Grades einer Schwerbehinderung. Dafür ist in Sachsen-Anhalt die durchschnittliche Wartezeit in der Zeit von 2020 bis Ende 2025 auf mehr als neun Monate gestiegen, wie Daten des Landesamtes für Soziales, Jugend und Gesundheit Sachsen-Anhalt zeigen. Seit Januar 2026 sinkt die Bearbeitungszeit zwar deutlich, bleibt aber weiterhin bei mehr als sechs Monaten pro Antrag.

Lange Wartezeiten haben unmittelbare Folgen für die Betroffenen

Nun sagt der Durchschnitt nichts über den Einzelfall. Der kann deutlich länger ausfallen. Und wenn eine Ablehnung kommt, geht es: „vom Regen in die Traufe, es kommt dann der Widerspruch“ – auch der brauche häufig Monate, ebenso wie das Klageverfahren, was bei Ablehnung angestrengt werden kann.

Die Betroffenen spüren die Folgen unmittelbar: Ohne Grad der Behinderung können sie keine Nachteilsausgleiche nutzen – wie eine größere Wohnung, weil etwa der Rollstuhl mehr Platz braucht; oder Parkerleichterungen oder die Wertmarken für Bus und Bahn, oder beispielsweise Assistenten, und ein „Rattenschwanz an Problemen“ sagt Dunkel.

Behindertenverband: „Unfair, von der Postleitzahl abhängig zu sein“

Recherchen des MDR zeigen: Die Dauer der Bearbeitung hängt davon ab, wo man wohnt. In Sachsen-Anhalt dauerte sie noch bis Anfang des Jahres im gesamten Land neun Monate und mehr, in Sachsen und Thüringen gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Landkreisen. Der Wohnort entscheidet hier also, wie schnell Behinderte ihre Rechte wahrnehmen können.

„Von der Postleitzahl abhängig zu sein ist unfair“, sagt Dunkel und verweist auf weitere Bereiche, in denen das ebenso sei: „Bei Assistenzleistungen und der Umsetzung von Teilhabe-Anträgen und so weiter. Auch das wird sehr unterschiedlich gehandhabt in den einzelnen Bundesländern. Da sind wir im gleichen Bereich, also bei Ungerechtigkeiten, das ist eins zu eins quasi übertragbar.“

Drei Länder, drei Geschwindigkeiten

Dabei ist Sachsen-Anhalt kein Einzelfall: Auch in Sachsen müssen Menschen mit Einschränkungen länger warten, hier stieg die durchschnittliche Bearbeitungszeit in fünf Jahren um rund 2,5 Monate. Nur Thüringen fällt aus dem Muster – dort stiegen die Zeiten in vier Jahren nur um etwa 0,6 Monate. Die Behörden nennen dafür unterschiedliche Ursachen: steigende Antragszahlen, fehlendes Personal, lange Rücklaufzeiten bei ärztlichen Befunden, zu wenige Gutachter und einen unterschiedlichen Stand der Digitalisierung.

Gutachteroffensive in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt hat das Problem erkannt, das Land versucht gegenzusteuern. Das Landesamt für Soziales ist entstanden, 17 neue Gutachter und Mediziner in dem Bereich konnten der Behörde zufolge gewonnen werden. Inzwischen würden monatlich 1.500 Fälle mehr erledigt, daher sei der Stau bei den Begutachtungsaufträge vollständig abgebaut und die Wartezeit für die Anträge auf 6,5 Monate gesunken.

Warten auf digitale Schnittstelle in Sachsen

Digitalisierung haben auch die Sachsen als Stellschraube erkannt. Dort gibt es zwar eine E-Akte für die Unterlagen samt Antrag, aber diese Daten fließen nicht automatisch in die Software-Programme der Bearbeiter. Die Angaben müssen noch händisch in eine weitere Software getippt werden. Eine entsprechende Schnittstelle sei zwar geplant, liege derzeit aber wegen anderer Prioritäten auf Eis, teilte der Kommunale Sozialverband Sachsen mit. Der Verband verweist auf unbesetzte Stellen in den Kommunen, Ärzte, die nicht fristgerecht zuarbeiteten, schließende Praxen und nicht zuletzt auf höhere Antragszahlen als noch vor fünf Jahren.

Schaper: „Problem liegt nicht darin, dass mehr Menschen ihre Rechte wahrnehmen.“

Steigende Antragszahlen allein erklären die Bearbeitungszeiten offenbar nicht. „Das Problem liegt nicht darin, dass mehr Menschen ihre Rechte wahrnehmen“, sagt Susanne Schaper, Vorsitzende der Partei Die Linke in Sachsen MDR AKTUELL. Sondern: Bund und Länder stellten einfach nicht die nötigen Ressourcen bereit. Was sie aus Schapers Sicht aber müssten, denn: „Wer soziale Rechte stärkt, muss natürlich auch Verwaltungen stärken. Sonst werden die berechtigten Ansprüche, die ich großspurig ausrufe, infolge der langer Wartezeiten eben auch nicht eingelöst.“

Jena zeigt, wie es schneller geht

Dass dieselbe gesetzliche Aufgabe auch deutlich schneller erledigt werden kann, zeigt Thüringen, konkret Jena: „Was wir haben, eben ist seit über zehn Jahren ausschließlich die elektronische Aktenführung“, berichtet die Leiterin des Sozialamtes Barbara Wolf. In einem Verfahren wie der Schwerbehindertenfeststellung sei das wahrscheinlich der Punkt, der richtig zur Beschleunigung führe.

Barbara Wolf, Fachdienstleiterin Soziales der Stadt Jena.

Jena schafft die Anträge in gut zwei Monaten, für die andere im Schnitt ein Dreivierteljahr brauchen. Die Stadt hat Wolf zufolge inzwischen vollständig digitale Akten, stellt diese in eine geschützte Cloud, wo sie von den Gutachtern bearbeitet werden könnten. Das beschleunigt viele Prozesse – und sorgt zudem für Zufriedenheit bei Mitarbeitern und Gutachtern, die eben auch an der Ostsee sitzen und arbeiten könnten, davon ist sie überzeugt.

Doch selbst in Thüringen liegen zwischen den Regionen Welten: Das Weimarer Land verzeichnet die längsten durchschnittlichen Bearbeitungszeiten. Und wie weit ein Verfahren ausufern kann, zeigt der Landkreis Greiz – dort strebt die Verwaltung zwar eine Bearbeitungszeit von einem Monat an, dokumentiert aber auch Fälle, in denen es 18 Monate dauerte.