Der rote Vorhang öffnet sich. Im Großen Haus funkeln Sterne. Die Bühne ist gefüllt mit dem gesamten Ensemble, einige stehen, andere sitzen. Keiner bewegt sich. Ein Bild wie ein Gemälde – und ein magischer Moment gleich zu Beginn des allerletzten Abends der Ära Schulz. „Always Under Construction“ ist das musikalische Abschiedsgeschenk des Theaters nach zehn erfolgreichen Jahren an das Publikum. Die meisten der Schauspieler und Schauspielerinnen wird man hier nicht mehr sehen, sie ziehen weiter. Deshalb schwingt Wehmut mit bei diesem Anblick.

Der Applaus ist derart stürmisch, dass Rosa Enskat sich lange gedulden muss, bis zu ihrem Einsatz. Dann singt sie „Everything Must Change“ von Quincy Jones und berührt damit die Herzen. Schon dabei werden viele Kehlen eng. Am Ende, nach dem mitreißenden „Love the One You’re With“ des ganzen Ensembles, fließen dann auch Tränen, auf der Bühne wie im Zuschauersaal.

Gut zweieinhalb Stunden dauert das fabelhaft konzipierte Programm von André Kaczmarczyk und dem Pianisten und Komponisten Matts Johan Leenders. Ein hochemotionaler Rückblick auf Rollen und Geschichten aus zehn Jahren.

Und voller Staunen: Wie großartig die alle singen können! Das hat man in dieser Fülle noch nie erlebt. Manche aus dem Ensemble treten solo auf, andere zu zweit oder zu dritt. Bewegend, wenn Rainer Philippi „Weißt du, wie es war“ von Hermann van Veen singt, Manuela Alphons danach „Wilfried“ ruft, zu einem Abschiedsländler ansetzt, und Claudia Hübbecker mit „Ein Schmetterling werd ich einst sein“ die Szene beendet.

Man erinnert sich mit Hanna Werth und „Alone“ an „The Queen’s Men“, mit Tabea Bettins „Arie der Lucy“ an die „Dreigroschenoper“, mit Kaczmarczyks „Ein Mensch zu sein“ an den Liederabend „Heart of Gold“. Man schwelgt mit Rosa Enskat und Thomas Wittmann bei „Heirat“ aus „Cabaret“ und beklatscht den fulminanten Auftritt von Lou Strenger mit Songs aus demselben Musical. Christian Friedels Medley aus „Der Sandmann“, „Hamlet“ und „Dorian“ ist einer der Höhepunkte, Burghart Klaußner mit „Rock Around the Clock“ eine Überraschung.

Zwischen die Songs sind Wortbeiträge eingestreut. Minna Wündrich rezitiert „Eine Theatervorstellung“ von Martin Walser, Florian Lange den Prolog aus „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf. Christian Erdmann bringt alle zum Lachen bei „Ich und der große Text…“, toll geschrieben von Chefdramaturg Robert Koall.

Urkomisch gibt Markus Danzeisen den sprachakrobatischen Nonsens-Monolog „Ursonate“ von Kurt Schwitters. Und wie lustig hört es sich an, wenn Helge Schneiders „Heute hab ich gute Laune“ von fünf Könnern dargeboten wird, die mit dem hinreißenden WhatsApp-Chor von Milena Michalek aus „Amphitryon“ noch eins draufsetzen. Alle Beteiligten sind hier leider nicht zu nennen. Ein Geschenk, wie wahr. Niemand, der diesen Abend miterlebte, wird ihn vergessen.

Reden von Ina Brandes und Miriam Koch

Begonnen hatte er im Foyer mit Reden zur Intendanz von Wilfried Schulz. „Wir hätten ihn gern noch behalten“, sagte NRW-Kulturstaatsministerin Ina Brandes. Sie beleuchtete den erschwerten Start 2016 und unterteilte die Dekade in drei Phasen: „Die erste ohne Haus, die zweite mit Corona, die dritte als Ernte harter Arbeit.“

Schulz habe es zur Kunstform erkoren, aus der Not eine Tugend zu machen, er habe das Theater in die Stadt und die Menschen ins Theater gebracht. Das Besondere an ihm? „Die Mischung aus hoher Seriosität mit einem Funken Wahnsinn, der großes Theater ermöglichte.“

Düsseldorfs Kulturdezernentin Miriam Koch sprach von Vertrauen, Verbundenheit, vielleicht sogar einem Stück Heimat, das Schulz geschaffen habe. Ihm sei es immer darum gegangen, Menschen einzuladen. „Wegen dieser Haltung wird diese Intendanz immer in Erinnerung bleiben.“

„Düsseldorf braucht es“

Das Schlusswort hatte der Intendant. Er bedankte sich beim Ensemble, den Regisseuren und Regisseurinnen, den freien Künstlern, den Partnern aus der Politik, den Bürgern der Stadt. „Dieses Haus gehört niemandem, dieses Haus gehört allen. Düsseldorf braucht es.“ Sein Abschiedswunsch: „Ein Bewusstsein für die Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit des Theaters.“

Was er jetzt mache, werde er oft gefragt. Seine Antwort: „Keine Ahnung. Ich freue mich auf das weite Feld vor mir.“ Es rauschte der Beifall, es regnete goldenen Flitter. Ein Abschied. Und doch auch ein Neubeginn. Das Theater bleibt in Bewegung, eine ewige Baustelle.