Der Lost Place an der Gehrenseestraße in Alt-Hohenschönhausen wird abgerissen. Geplant sind mehr als 1.000 Wohnungen, eine Schule, Kitas und Gewerbe.

Ein Bagger steht vor den leer stehenden DDR-Plattenbauten der ehemaligen Vertragsarbeitersiedlung an der Gehrenseestraße. Die ersten Abrissarbeiten am bekannten Lost Place in Neu-Hohenschönhausen haben begonnen.

Die ersten Bagger sind auf dem Gelände der ehemaligen Vertragsarbeitersiedlung an der Gehrenseestraße im Einsatz. Mit dem Teilabriss beginnt die Entwicklung eines neuen Quartiers mit mehr als 1.000 Wohnungen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

 

Die ehemalige DDR-Vertragsarbeitersiedlung an der Gehrenseestraße gehört zu den bekanntesten Lost Places im Berliner Nordosten. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Leerstand haben erste Abrissarbeiten begonnen. Auf dem Gelände in Alt-Hohenschönhausen soll ein neues Stadtquartier mit mehr als 1.000 Wohnungen entstehen.

  • Bezirk: Lichtenberg 
  • Adresse: Gehrenseestraße/Wollenberger Straße, 13053 Berlin
  • Anzahl Wohnungen: mehr als 1.000 im gesamten Quartier, davon 274 HOWOGE-Wohnungen
  • Geplante Fertigstellung: September 2032 für den HOWOGE-Bauabschnitt

Hinter dem Bauzaun stehen die entkernten Plattenbauten noch immer dicht nebeneinander. Fenster und Türen fehlen. Durch die leeren Öffnungen fällt der Blick in dunkle Räume und offene Treppenhäuser. Graffiti bedecken Fassaden und Innenwände. Vor den Gebäuden wachsen Büsche, junge Bäume und hohes Gras. Einzelne Häuser verschwinden fast vollständig hinter der Vegetation.

Der sichtbare Verfall täuscht jedoch über die laufenden Arbeiten hinweg. Am östlichen Rand des Geländes werden erste Gebäudeteile abgerissen. Die Fläche wird für eine neue Schule benötigt. Vorgesehen ist eine sogenannte 2-in-1-Schule mit einer Sporthalle auf dem Dach. Nach den bisher veröffentlichten Planungen soll sie 2028 fertig werden und zum Schuljahr 2028/29 öffnen. 

Der Blick durch einen Metallzaun zeigt offene Balkone, leere Räume und Graffiti an einem Plattenbau des Lost Places an der Gehrenseestraße.

Fenster, Türen und Einbauten fehlen seit Jahren. Der erste Teilabriss schafft Platz für den geplanten Schulneubau. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Lost Place an der Gehrenseestraße erinnert an DDR-Vertragsarbeiter

Der Wohnheimkomplex entstand zwischen 1977 und 1980 zunächst für Bauarbeiter, die an den großen Neubaugebieten im Berliner Osten arbeiteten. Ab 1982 lebten dort Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik, Angola und Kuba. Die Gehrenseestraße entwickelte sich zu einem der größten Wohnstandorte der vietnamesischen Gemeinschaft in der DDR. In neun sechsgeschossigen Blöcken befanden sich rund 1.000 kleine Wohneinheiten. 

Viele Bewohner lebten in Mehrbettzimmern und nutzten Küchen sowie Sanitärräume gemeinsam. Nach 1990 dienten die Gebäude unter anderem als Unterkunft für Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien, für Spätaussiedler und für Asylsuchende. Bis 2003 wurden die letzten Mietverhältnisse beendet. Danach standen die Häuser leer, wurden entkernt und verfielen. Mehrere Eigentümerwechsel und gescheiterte Planungen verzögerten die Entwicklung des Areals über Jahre.

Ein Bauzaun trennt die überwucherte Freifläche von einem langen leer stehenden Plattenbau des Lost Places an der Gehrenseestraße in Berlin-Lichtenberg.

Hinter dem Bauzaun stehen noch mehrere entkernte Wohnblöcke. Auf dem Gelände sind mehr als 1.000 neue Wohnungen geplant. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Mehr als 1.000 Wohnungen zwischen Gehrenseestraße und Wollenberger Straße

Auf dem mehr als 6,3 Hektar großen Gelände planen die landeseigene HOWOGE und ein privater Projektpartner nun ein Hof- und Hochhausquartier mit mehr als 1.000 Wohnungen. Die HOWOGE will 274 Wohnungen übernehmen und vermieten. Die Hälfte dieses Bestands soll öffentlich gefördert werden. Geplant sind Ein- bis Fünfzimmerwohnungen mit barrierefreien Zugängen. Hinzu kommen rund 4.900 Quadratmeter Gewerbefläche

Das städtebauliche Konzept stammt von MLA+ Architecture und Atelier Loidl. Es orientiert sich an Berliner Wohnhöfen und sieht geschützte Innenbereiche sowie mehrere höhere Gebäude vor. Neben Wohnungen sollen zwei Kitas, Spielplätze, Dienstleistungen, Läden und Angebote für Studierende, ältere Menschen sowie Pflegebedürftige entstehen. Auch Einrichtungen für soziale, kulturelle und medizinische Nutzungen sind vorgesehen. 

Dichte Bäume und Sträucher verdecken einen mit Graffiti bedeckten Plattenbau der ehemaligen Vertragsarbeitersiedlung an der Gehrenseestraße.

Die Natur hat große Teile des seit Jahrzehnten verlassenen Areals an der Gehrenseestraße zurückerobert. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Lost Place in der Gehrenseestraße: Warum der Wohnungsbau erst 2028 beginnen soll

Der nun begonnene Teilabriss bedeutet noch nicht, dass der Bau der Wohnungen unmittelbar startet. Für den südlichen Bereich läuft weiterhin das Bebauungsplanverfahren 11-165. Nach Angaben des Berliner Senats stehen unter anderem eine erneute Beteiligung der Behörden, städtebauliche Verträge, die öffentliche Auslegung und der politische Beschluss über den Bebauungsplan aus. Erst danach können die konkrete Gebäudeplanung und das Genehmigungsverfahren folgen. 

Die HOWOGE nennt Oktober 2028 als geplanten Baubeginn und September 2032 als Fertigstellungstermin. Bis dahin soll auch die Infrastruktur vorbereitet werden. Dazu gehören der Umbau von Teilen der Wollenberger Straße und der Gehrenseestraße, Stellplätze sowie weitere Mobilitätsangebote. 

Mit dem laufenden Abriss beginnt nun die schrittweise Neuordnung eines Geländes, das mehr als 20 Jahre ungenutzt blieb.

Die leer stehende Vertragsarbeitersiedlung an der Gehrenseestraße zeigt offene Fenster, beschädigte Fassaden und dichte Vegetation an einem bekannten Lost Place in Hohenschönhausen.

Seit 2003 stehen die entkernten Wohnblöcke an der Gehrenseestraße leer. Nun beginnt der schrittweise Abriss des bekannten Lost Places. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Gehrenseestraße/Wollenberger Straße

 

Quellen: HOWOGE, BE Group, taz, Berliner Morgenpost