Am Frühstückstisch schlossen die beiden eine Wette: Wer das erste Tier findet, bekommt einen Kasten Bier. Die Aufgabe war schwierig. In dem Gebiet flogen Tausende Wespen umher, gesucht wurde ein Insekt ohne Namen. „Das ist eine schwarze Wespe mit verrauchten Flügeln, also leicht undurchsichtigen, trüben Flügeln und einem überwiegend knatschgelben Hinterleib“, beschreibt Lohrmann das Tier.

Dann entdeckten die Forscher tatsächlich eine passende Wespe. „Im Vorbeiflug wussten wir sofort: Das ist sie!“, erinnert sich der Biologe. Zwei Exemplare dieser Art befinden sich heute im Übersee-Museum. Die Wespe trägt inzwischen den Namen „Gorytes willcoxi“.

Seit jener Expedition hat Lohrmann rund 20 unbekannte Wespenarten erforscht und benannt. Dabei könne er kaum sagen, was aufregender sei: ein Tier selbst zu finden oder erst später im Labor festzustellen, dass es eine neue Art ist.

Wie beim Ratespiel: So funktioniert die Forschung

Um das herauszufinden, untersucht Lohrmann die Tiere unter dem Mikroskop. Er arbeitet sich durch Fachliteratur und sogenannte Bestimmungsschlüssel.

„Das funktioniert wie bei dem Kinderspiel ‚Wer ist der Täter?'“, erklärt er. Nacheinander werden Merkmale geprüft: die Form der Flügel, die Farbe des Hinterleibs, Beine, Fühler und Körperbehaarung. Lässt sich ein Tier keiner bekannten Art zuordnen, beginnt die wissenschaftliche Beschreibung. Anschließend darf die neue Art benannt werden.

Michael Stiller (l.) und Volker Lohmann im Nassmagazin des Museums: Mehr als 1,2 Millionen Tiere finden sich in den geheimen Räumen.Vergrößern des BildesMichael Stiller (l.) und Volker Lohmann im Nassmagazin des Museums: Mehr als 1,2 Millionen Tiere finden sich in den geheimen Räumen. (Quelle: Focke Strangmann/dpa)

Der Name besteht in der Regel aus Gattungs- und Artnamen. Forscher dürfen kreativ werden, die Buchstabenkombination müsse jedoch als Wort aussprechbar sein, sagt Lohrmann. Er benannte Wespen nach ihrer Herkunft, nach indigenen Sprachfamilien und nach seinem verstorbenen Vater. Eine Wespe trägt sogar seinen eigenen Namen, vergeben von Forscherkollegen.

„Hukawngepyris setosus“ verweist auf das Hukawng Valley im Norden Myanmars. Dort wurde das Tier von einem Sammler aus Niedersachsen entdeckt, eingeschlossen in Bernstein. Die Wespe lebte vor rund 100 Millionen Jahren. Sie ist damit das erste bekannte Exemplar ihrer Art und vermutlich zugleich das Letzte, das jemals gefunden wird.

Wertvolles Material lagert in Büros und Schubladen

Noch immer warten unbestimmte Tiere auf ihre Untersuchung. Auch in Lohrmanns Büro liegt umfangreiches Material zur Wespengruppe, auf die er spezialisiert ist. Regelmäßig schicken ihm Sammler und Wissenschaftler tote Insekten.