Übergriffiges Verhalten und Gewalt gegen Rettungskräfte oder Staatsdiener nimmt zu – das bestätigte jüngst nicht nur die Bundespolizei. Auch in Krankenhäusern und Notaufnahmen würden die Mitarbeiter immer wieder verbale und körperliche Angriffe erleben, berichtet Claudia Plohmann, Krankenschwester am BG Klinikum in Duisburg. Sie selbst hat vor Jahren einen heftigen verbalen Ausraster eines Angehörigen inklusive Beschimpfungen erlebt, fühlte sich überfordert und war kurz davor, ihren Job aufzugeben, sagt sie.
Doch es kam anders: Gemeinsam mit ihrer Kollegin Ina Schwarze, die als Ergotherapeutin und Traumafachberaterin tätig ist, hat sie sich zur Deeskalationstrainerin weiterbilden lassen. Rund 300 Mitarbeiter habe man seit 2019 bereits in internen Schulungen sensibilisiert, sagt Plohmann. Dort vermitteln die beiden Frauen etwa Kommunikationstechniken, die deeskalierend wirken – wie das Verbalisieren. „Ich wiederhole das, was mein Gegenüber mir gesagt hat, und halte ihm so den Spiegel vor“, erklärt Plohmann. „Ich mache ihn zum Beispiel darauf aufmerksam, dass er schreit.“
Denn die meisten Leute wollen einfach gesehen werden, erklärt sie. Neben Wartezeiten würden Angst, Verunsicherung und Überforderung, auch Missverständnisse zwischen Arzt und Patient eine Rolle spielen, sagt Plohmann: „Die Menschen sind im Krankenhaus aus ihrem Alltag gerissen. Sie erleben eine emotionale Ausnahmesituation. Wir leisten da ganz viel emotionale Übersetzungsarbeit.“
Ein weiterer Bestandteil des Trainings sind Techniken, um körperliche Über- und Angriffe abzuwehren. Die „Stopp-Technik“ etwa, die Trainerin Schwarze zeigt: Sie macht einen Schritt zurück, streckt die Hand Richtung Augen des Angreifers aus und ruft laut „Stopp!“, „Hey!“ oder „Hömma!“. Diese Technik zeige selbst bei groß gewachsenen Männern eine deeskalierende Wirkung, sagt Schwarze.
Bas wirbt für DGUV-Kampagne
Techniken wie diese lässt sich am Montagvormittag auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas zeigen. Im Rahmen des Krankenhausbesuchs macht die SPD-Vorsitzende zudem Werbung für die Kampagne #GewaltAngehen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Sie sei wichtiger denn je, findet Bas. Es gebe zunehmend Angriffe auf Rettungspersonal, Menschen in Uniform oder Pflegekräfte. „Das treibt mich schon um“, sagt die Ministerin. Die Menschen seien wütender und aggressiver geworden.
Bas betont auch, warum sie die Kampagne als Schirmherrin unterstützt: „Man kann nicht jede Einrichtung, auch kein Krankenhaus, als einen Hochsicherheitstrakt mit Mauern umziehen und alles abschotten.“ Deshalb seien vorbeugende Maßnahmen, wie es sie etwa am BG Klinikum in Duisburg gibt, besonders sinnvoll, sagt die Arbeitsministerin. Nach der Sommerpause möchte sie sich zudem für eine bessere Strafverfolgung einsetzen.
Die Idee, die Klinikmitarbeiter mit Bodycams auszustatten, stößt bei Plohmann auf Kritik: „Manche Leute werden erst recht übergriffig, wenn sie merken, dass sie gefilmt werden. Denn die Konflikt- und Gewaltbereitschaft ist heute größer“, beobachtet Plohmann. Vor diesem Hintergrund arbeite man daran, die Schulungen im BG Klinikum bald für alle Mitarbeiter verpflichtend zu machen, sagt sie.
Notaufnahme baulich angepasst
Auch auf baulicher Ebene habe das Klinikum bereits Maßnahmen ergriffen, um Mitarbeiter zu schützen. In der Notaufnahme wurde Panzerglas eingebaut, Kameras filmen den Eingangsbereich, es gibt dort eine Schleuse für Patienten und Besucher. Zusätzlich haben alle Telefone der Mitarbeiter Notrufknöpfe, und die Räume weisen je zwei Türen auf, damit im Notfall immer ein Ausweg frei ist. „Deeskalation ist für uns weit mehr als eine Methode. Sie ist eine Haltung“, sagt Geschäftsführerin Brigitte Götz-Paul. Seit 2018 arbeite man systematisch daran, das Haus baulich wie organisatorisch so zu verändern, dass Mitarbeitende besser geschützt sind.
So schlimm wie in anderen Kliniken, die zum Beispiel mit Sicherheitsdiensten arbeiten müssen, sei die Situation in Duisburg-Buchholz zwar nicht. „Doch wenn Gewalt passiert, ist das ganze Team betroffen“, sagt Stefan Boltz von der DGUV. Und das führe schnell zu – teils sehr langen – Arbeitsausfällen. Daher sei die Kampagne für die Versicherung auch kein Kostenfaktor, sondern eine sinnvolle Investition in den Arbeitsschutz.