Bielefeld. Mit einem üblen Verdacht hatte alles angefangen. Selcuk Solmaz (SPD) von der Heeper Bezirksvertretung sagte, die illegalen Autorennen auf der Eckendorfer Straße und dem Bielefelder Ostring stünden im Zusammenhang mit der sogenannten Tuning-Szene in der Nähe des Porsche-Zentrums. Das wollten Kevin Spallek und Dennis Schmidt nicht auf sich sitzen lassen.

Die Gründer der Tuning-Community „Black-Line OWL“ luden zu ihrem dritten „Car Meet“ im Mai nicht nur den Politiker auf den Parkplatz an der Potsdamer Straße ein, sondern auch die Presse, die über den Verdacht berichtet hatte.

„Um die Leute von der Straße zu holen“, veranstalteten sie das Autotreffen, sagt der 34-jährige Dennis. Das klingt ein bisschen nach einem „Boxcoach“, der im Problemkiez Jugendliche für den Sport gewinnen will. Dennis sitzt mit Kevin Spallek in einem abgesperrten Bereich neben einem Pavillon auf Camping-Stühlen. Neben ihnen eine Palette des Energiedrinks „Gönrgy“. Aus einer Bluetooth-Box trällert Tropical House. „Es gibt Poser, die ’nen Lauten machen und es gibt das schnelle Fahren und so was. Die wollen wir hier auf den Parkplatz holen und das teilen, was wir jetzt machen.“

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Die Organisatoren der Tuning-Community „Black-Line OWL" schaffen mit Bannern und klaren Regeln einen Treffpunkt für Auto-Fans. - © Mike-Dennis Müller

Die Organisatoren der Tuning-Community „Black-Line OWL“ schaffen mit Bannern und klaren Regeln einen Treffpunkt für Auto-Fans.
| © Mike-Dennis Müller

Bei ihrem „Car Meet“, erklären die beiden, geht es darum, gemeinsam zu chillen, sich die getunten und besonderen Autos anzuschauen. No-Gos: Rennen auf dem Parkplatz, Posen, also möglichst laut den Motor aufheulen lassen. Wer sich daran nicht halte, fliege. Auf Wunsch der Organisatoren steht ein Streifenwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Für Szenefremde wirkt das absurd. Sich treffen, um gemeinsam seine auf Sound und Leistung getunten Autos abzustellen? Und dann nicht mehr zu bewegen? Aber der Zulauf ist rege: Bestimmt 120 Autos und mindestens doppelt so viele Autonarren tummeln sich auf dem Parkplatz.

🚓Die Vorgeschichte: Klagen über nächtliche Raserei auf dem Bielefelder Ostring

Überraschend viele Kinder

Es riecht süßlich, E-Zigaretten mit Fruchtaroma und Energydrinks. Kaum Abgase, hier und da Zigarettenrauch. Überraschend viele bringen ihre Kinder mit. Einige Parktaschen entfernt zeigt Jeanette Vogelsang einem aufgeregten Jungen mit Brille ihr Schmuckstück: einen Ford Crown Police Interceptor P71, einen US-amerikanischen Streifenwagen im Originalzustand.

Mit Blaulicht! Mit einer Rückbank aus Hartplastik! Die hat Aussparungen, für die gefesselten Arme hinter dem Rücken. Die Fenster im Fond sind vergittert, die Front hat einen Bullenfänger und „auf der Dashcam sind noch Originalaufnahmen von den Streifenfahrten“, erklärt die 44-Jährige aus Bad Oeynhausen stolz.

Sie habe lange nach einem solchen Exemplar gesucht, möglichst nur schwarz-weiß und mit unauffälligen Logos. Etwa 20.000 Euro habe sie der Wagen gekostet. Gekauft habe sie den in Frankfurt am Main. Trotz ihrer Passion für die Autokultur der USA: Bisher sei sie noch nicht dort gewesen. Vogelsang trägt ein schwarzes Basecap und eine schwarze Jacke mit der Aufschrift „Police“, dazu schwarze enge Hosen und schwarze Stiefel.

Tuning ist „der einzige Nagel im Kopf“


Auf Hochglanz: Ein schwarzer Ford Mustang aus dem Jahr 1967, eines der meist bestaunten Autos beim Treffen vom „Black-Line OWL". Der Besitzer hat zirka 70.000 Euro in den Wagen gesteckt. - © Mike-Dennis Müller

Auf Hochglanz: Ein schwarzer Ford Mustang aus dem Jahr 1967, eines der meist bestaunten Autos beim Treffen vom „Black-Line OWL“. Der Besitzer hat zirka 70.000 Euro in den Wagen gesteckt.
| © Mike-Dennis Müller

„Das ist der einzige Nagel im Kopf“, sagt sie mit Blick auf ihre ungewöhnliche Leidenschaft. Der Rest ist grundsolide: Haus, zwei Kinder, Mann (ebenfalls Tuner), der ist Disponent bei einem Chemieunternehmen.

Viele scheinen sich zu kennen, winken, nicken einander wissend zu. Vogelsang und ihr Mann und Freunde aus dem Kreis Minden, alle fahren auffällige, schwere, amerikanische Autos und verbringen viele Wochenenden gemeinsam. Mit PS-Protzen, Rasern und Posern sind sie kaum in Einklang zu bringen – eine ganz andere Gruppe.

Die Polizei meldet zwei sichergestellte Pkw

Ob das Konzept von „Black-Line OWL“ wirklich taugt, um Raser und Poser vom Rasen und Posen abzuhalten? „Das wissen wir nicht“, gibt Dennis zu. „Wir geben halt die Möglichkeit. Was die Leute draußen machen, da haben wir keinen Einfluss drauf.“

Die Polizei hat die Veranstaltung im Auge. Sie meldet für den Abend 22 Verkehrskontrollen rund um den Treffpunkt, bei denen die Fahrer der sogenannten „kraftfahrzeugaffinen Szene der Tuner, Poser, Raser und Dater“ zuzurechnen seien. So beschreibt Pressesprecherin Sonja Rehmert die Szene auf Anfrage von nw.de.

Zweimal stellte die Polizei ein Fahrzeug sicher: deutlich zu laut. Fünf kleinere Verstöße, etwa kein Fahrzeugschein dabei oder nicht angeschnallt, sechs Ordnungswidrigkeiten wie technische Mängel oder Handyverstoß. Trotzdem, Rehmert betont: „Die Organisatoren hinter ,Black-Line OWL’ sind kooperativ und legen Wert auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium Bielefeld.“

Geld verdienen sie keines am Event

Geld nehmen Schmidt und Spallek für ihr Event keines. Nicht einmal um Spenden bitten sie. Die Kosten seien überschaubar, das zahlten sie privat. „Also klar, einer hat uns mal 20 Euro in die Hand gedrückt“, sagt Dennis, und Kevin ergänzt: „Aber davon haben wir dann solche Solarleuchten geholt.“ Letztes Mal habe es Gemecker von den Gästen gegeben, zu wenig Licht am späten Abend.

Der Ehrengast, Stadtratsmitglied Selcuk Solmaz, ist angetan. „Eine superschöne Veranstaltung“, sagt er. „Lieber treffen sich die Leute hier friedlich, um ihrer Liebe zu Autos nachzugehen, als auf den Straßen andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.“ Nicht einmal zum Aufräumen mussten Spallek und Schmidt am nächsten Vormittag auf den Parkplatz zurück. „Diesmal lief alles vorbildlich ab, und alle haben die Mülleimer genutzt“, schreiben sie.

Sonst landeten Zigarettenkippen auf dem Boden. Ein großes Problem sei das aber auch nicht: „Wir haben Laubbläser, damit geht das eigentlich ganz schnell“, sagt Dennis Schmidt. Auch das Aufräumen – natürlich motorisiert.

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