„Wir können jetzt zwar über die App frühzeitig sehen, wann das Wasser kommt, aber es kommt trotzdem. Wir hätten dann die Möglichkeit, Sachen wegzuräumen, aber sicher sind wir dadurch nicht.“ Wolfgang Wandel, Anwohner des Wuppertaler Ortsteils Kohlfurth an der Grenze zu Solingen, ist enttäuscht. Fünf Jahre nach der Hochwasserkatastrophe, die Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz heimsuchte, haben sich Bewohner der Kohlfurth getroffen. Sie sprachen mit unserer Zeitung über das Ereignis – und was sich seitdem getan hat – und vor allem, was noch dringend notwendig ist, um eine solche Katastrophe kein zweites Mal erleben zu müssen.
Hans-Jürgen Gröll erinnert sich noch genau an die ersten Minuten des 14. Juli 2021. „Als ich gesehen habe, wie das Wasser aus dem Gully schoss, dachte ich nur: Oh, oh, oh! Da war mir klar, was passieren würde. Das ging ruckzuck. Und wir hatten ja keine Handhabe, weil uns vorher niemand gewarnt hat. Ich habe mich erst einmal in die Küche gesetzt, mir stand das Wasser bis zu den Knien.“
Wenn er von der Schicksalsnacht berichtet, reißen seine Augen furchtsam auf, als wäre es gestern gewesen. Es ist alles immer noch sehr präsent. „Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, Wände, Heizung, alles war hinüber. Ich hatte nur noch das Schlafzimmer im Obergeschoss. Aber ich habe dann bei meiner Tochter gewohnt, die wohnt am Berg.“ Ein halbes Jahr habe es gedauert, bis das Haus wieder bewohnbar war. „Aber es hat bis heute gedauert, bis alles fertig ist. Also inklusive Außenanlagen“, sagt Gröll und macht deutlich: „Hätte ich die Kinder nicht gehabt, hätte ich das nicht geschafft.“ Seit 73 Jahren wohnt Hans-Jürgen Gröll in der Kohlfurth. „Die Wupper ist nie über die Ufer getreten.“
Das hatte auch Sabine Geisler gehofft, die ein paar Meter weiter mit ihrer Frau in ein Fachwerkhaus gezogen war. „Wir fanden das sehr idyllisch.“ Das Haus sei gerade erst vom Dach bis zum Keller kernsaniert worden. „Wir hatten zu dem Zeitpunkt drei Wochen darin gewohnt.“
Als die Flut kam, seien die Gedanken nur so umhergeschwirrt: „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Raphaela, fahr das Auto auf den Berg! Sie meinte: Warum? Ich sag: Tu’s einfach! Dann habe ich alle Sicherungen rausgemacht. Wir haben Kleinmöbel nach oben getragen. Zwei Tage saßen wir in der ersten Etage ohne Strom. Die Notdurft haben wir auf dem Balkon verrichtet, später den Keller ausgepumpt.“
Eine große Hilfe sei die evangelische Kirchengemeinde gewesen, betont Wolfgang Wandel. „Über die Gemeinde und Pfarrer Hoppe lief eine Hilfsaktion an mit einer Liste von Freiwilligen.“ Und wo anfangen? Hauptsache loslegen. Der Garten des Strandcafés war nur noch Schlamm. Die Autowerkstatt stand unter Wasser. Ein Gastank von der Tankstelle hatte sich gelöst und floss den Kaltenbach herunter. Die Feuerwehr war hinterher.
Dass viele Anwohner und Helfer nur noch funktionierten, war unvermeidlich. „Nur in der Ecke sitzen und heulen, geht ja nicht“, sagt Sabine Geisler und verweist auf ihren Schaden. „Wir waren zwar versichert, aber wir mussten zehn Prozent Eigenbeteiligung leisten. Wir hatten für die Kernsanierung des Hauses schon 100 000 Euro investiert, jetzt kamen noch mal 30 000 Euro dazu.“
Und seitdem? „Sinnvoll sind Rückschlagventile für die Toilette“, sagt Hans-Jürgen Gröll. „Da gibt es eine Klappe, die sich nur nach außen öffnet, also das Abwasser durchlässt, aber nichts aus der Kanalisation hineinfließt.“ Oder Flutfenster, die extremem Wasserdruck standhalten. „Die Anwohner am Kaltenbachweg haben sich so etwas einbauen lassen“, weiß Sabine Geisler. Aber bei unserem Fachwerk ergibt das keinen Sinn, da kommt das Wasser durch die Wände.
Aber das sind nur – so hohl die Phrase sein mag – Tropfen auf den heißen Stein. Verantwortlich ist der Wupperverband, der Maßnahmen erarbeitet und Konsequenzen getroffen hat. Doch der Hochwasserschutz ist eine langfristige Aufgabe. Die Kurve des Flusses soll aufgeweitet werden, heißt es. Vor dem Klärwerk in der Kohlfurth macht sie einen scharfen Bogen. „Dann würde sie schneller abfließen“, zitiert Geisler die Argumente. „Aber getan hat sich noch nichts.“
Auf Nachfrage der WZ beim Wupperverband erklärt Sprecherin Susanne Fischer: „Es handelt sich um den Wupperknick, der parallel zur Straße Unterkohlfurth nördlich der Brücke der L74 verläuft. Die Stelle wirkte bei höheren Abflüssen teils wie ein Flaschenhals. Hier fließt die Wupper fast in einem 90-Grad-Winkel um die Kurve.“
Der Engpass werde beseitigt, der Bereich künftig doppelt so breit sein. „Zurzeit läuft die Ausschreibung; wenn ein passender Dienstleister gefunden wird, kann die Maßnahme noch diesen Sommer umgesetzt werden.“
Zudem soll der Wasserspiegel in den Talsperren zu bestimmten Jahreszeiten gesenkt werden, um ein Überlaufen bei Starkregen zu vermeiden. „Die Talsperren waren damals bis zur Kante gefüllt, sonst wäre das nicht so heftig geworden“, mutmaßt Hans-Jürgen Gröll immer noch.
Susanne Fischer vom Wupperverband: „Im Winterhalbjahr wurde schon immer Freiraum etwa in der Wupper-Talsperre als Hochwasserschutzraum freigehalten. Nach dem Hochwasser halten wir auch im Sommerhalbjahr Raum als Puffer für große Regenmengen frei, um die Sicherheit für solche Ereignisse zu verbessern.“ Wenn die Talsperren, so wie aktuell in der Trockenphase, einen niedrigeren Stauinhalt haben, so Fischer weiter, „steht ein noch größeres Rückhaltevolumen zur Verfügung“. Ende Juni waren nach Angaben des Wupperverbands „allein in der Wupper-Talsperre rund 13 Millionen Kubikmeter Stauraum frei.“
An diesem Tag fließt die Wupper ganz ruhig. Es ist ein fast wolkenloser Himmel, der Pegel an der Kohlfurther Brücke ist unkritisch. Die Wupper konnte ja nichts dafür“, sagt Sabine Geisler. „Es verbleibt immer ein Risiko, an einem Fluss zu wohnen. Aber wir leben weiterhin gerne hier.“