
AUDIO: Nachrichten 06:00 Uhr – 14.07.2026 (4 Min)
Stand: 14.07.2026 15:00 Uhr
Bis zu 55 Prozent des Geldes im neuen Einwegkunststofffonds stammen von der Tabakindustrie. Doch eine IT-Plattform des Bundes verzögert die Auszahlung an die Kommunen. In Schleswig-Holstein warten unter anderem Kiel, Flensburg und Norderstedt.
Ein letzter Zug, ein Schnipser – und die Zigarettenkippe liegt am Boden. Fürs Beseitigen hat in der Vergangenheit die Allgemeinheit in Schleswig-Holstein gezahlt, über Steuern und Abfallgebühren. Seit 2024 gilt allerdings ein neues Prinzip: Wer den Müll verursacht, soll für die Reinigung zahlen. Dafür müssen die Hersteller von Einwegplastik – von To-go-Bechern bis Zigarettenfiltern – Geld in den sogenannten Einwegkunststofffonds überweisen. Doch bei den Kommunen in Schleswig-Holstein ist davon bislang noch nichts angekommen.
Bis zu 55 Prozent des Fonds von Tabakindustrie
216 Millionen Euro sind nach Angaben des Umweltministeriums in Kiel deutschlandweit für das Jahr 2024 in den Fonds geflossen. Ein großer Teil stammt von der Tabakindustrie: Bis zu 55 Prozent der Einnahmen entfallen nach einer Schätzung des Umweltbundesamtes (UBA) auf Tabakprodukte mit kunststoffhaltigen Filtern. Für Zigarettenfilter gilt der höchste Abgabesatz aller Produktgruppen: 8,97 Euro pro Kilogramm.

Müllproblem Mikroplastik
Zigarettenstummel sind laut WHO das häufigste Abfallprodukt. Zwei Drittel der weltweit gerauchten Zigaretten landen in der Natur, wo sie massive Schäden für die Tier- und Pflanzenwelt anrichten. Von N. Gode.
UBA räumt Verzögerungen ein: Software des Bundes nicht fertig
Eigentlich sollten die Kommunen längst Geld sehen. Doch die digitale Plattform DIVID, über die der Fonds abgewickelt wird, wurde parallel zum laufenden Betrieb entwickelt. Einzahlungen konnten nach UBA-Angaben erst Ende 2025 bearbeitet werden, die Auszahlungen sind nun für die zweite Jahreshälfte 2026 geplant. Ursprünglich war ein anderer Zeitplan vorgesehen, wie das UBA auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein einräumt: „Technische und juristische Herausforderungen“ hätten immer wieder zu Verzögerungen geführt.

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Kiel, Flensburg und Norderstedt warten auf ihr Geld
Das Geld soll bundesweit an etwa 2.000 anspruchsberechtigte Entsorgungsträger ausgeschüttet werden, teilt der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) mit, der auch die Interessen der Stadtreinigungen vertritt. Geld beantragen die Kommunen dabei nicht direkt: Sie melden ihre Reinigungs- und Sammelleistungen, das Umweltbundesamt rechnet sie in Punkte um – und erst wenn alle Meldungen geprüft sind, steht der Euro-Wert eines Punktes fest. In Schleswig-Holstein haben sich unter anderem Kiel, Norderstedt und Flensburg registriert und ihre Leistungen gemeldet – von der Straßenreinigung bis zur Leerung der Papierkörbe. Erhalten haben alle drei bislang: nichts.
NDR Hochrechnung: Kippen-Müll kostet sechs Millionen Euro pro Jahr
Wie viel Geld am Ende nach Schleswig-Holstein fließt, wird sich kaum überprüfen lassen: Eine Aufschlüsselung nach Bundesländern ist laut UBA gesetzlich nicht vorgesehen. Zur Größenordnung: Nach einer Hochrechnung von NDR Schleswig-Holstein auf Basis von UBA-Pro-Kopf-Werten kostet das Einsammeln von Zigarettenresten die öffentliche Hand in Schleswig-Holstein knapp sechs Millionen Euro pro Jahr.
DIVID: Husum und Sylt haben sich gar nicht erst registriert
Andere Kommunen verzichten vorerst ganz auf Geld aus dem Fonds. Husum hat sich nach eigenen Angaben nicht registriert, auch nicht die Gemeinde Sylt: „Die Entwicklung dieses Fonds und der dazugehörigen Rahmenbedingungen beobachten wir selbstverständlich sehr genau“, teilt die Insel-Gemeinde auf Anfrage mit.

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Naturfreunde: „Keine Verhaltensänderung bei den Rauchern“
Der VKU nennt den Fonds einen „wichtigen und richtigen Schritt“ – doch „ob die Kommunen dadurch vollständig entschädigt werden, wird sich erst nach mehreren Auszahlungszyklen belastbar bewerten lassen“. Das Umweltministerium sieht das Problem trotz des richtigen Verursacherprinzips „noch nicht im Griff“. Und der Verein Naturfreunde Schleswig-Holstein, der seit Jahren zu Zigarettenmüll aufklärt, winkt ganz ab: Aus dem Fonds resultieren nicht weniger Kippen am Boden, daraus erwächst keine Verhaltensänderung bei den Rauchern“.

510 Tonnen Kippenabfall gibt es nach einer NDR Hochrechnung jedes Jahr. Schleswig-Holsteins Kommunen gehen sehr unterschiedlich dagegen vor.

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