Stand: 15.07.2026 12:33 Uhr
Anfang Juni war eine Polizeibeamtin in Kiel Mettenhof durch einen Steinwurf vom Balkon eines Hochhauses verletzt worden. Am Dienstag sicherte die Polizei zahlreiche DNA-Proben im „Weißen Riesen“.
Rund 100 Einsatzkräfte der Polizei haben am frühen Dienstagmorgen ein Hochhaus im Kieler Stadtteil Mettenhof umstellt. Anschließend sicherten die Beamtinnen und Beamten die einzelnen Stockwerke von oben nach unten. Dabei sind sie von Tür zu Tür gegangen, um DNA-Proben der Bewohner abzugleichen. Insgesamt 242 Wohnungen gibt es in dem Mehrfamilienhaus am Kurt-Schumacher-Platz.
Staatsanwaltschaft wertet Steinwurf als versuchtes Tötungsdelikt

Von jeder im Gebäude anwesenden Person wird die Identität festgestellt.
Hintergrund des Großeinsatzes ist ein Vorfall vom 2. Juni. Ein Unbekannter hatte vom Balkon des 25-stöckigen Hauses einen Pflasterstein auf einen Polizeiwagen geworfen. Der Stein durchschlug die Frontscheibe und verletzte eine Beamtin an der Hand und am Fuß. Die Polizistin war lange Zeit dienstunfähig. An dem Stein konnte mittlerweile DNA festgestellt werden. Die Staatsanwaltschaft stuft den Steinwurf als versuchtes Tötungsdelikt ein.
DNA-Reihenuntersuchung: Abgabe der Speichelprobe ist freiwillig

Die verletzte Beamtin ist nach dem Vorfall dienstunfähig.
„Wir haben einen richterlichen Beschluss zur DNA-Reihenuntersuchung“, erklärt Stephanie Lage von der Polizei Kiel. „Dennoch ist die Abgabe dieser DNA-Speichelprobe freiwillig. Nichtsdestotrotz werden wir von allen Bewohnern, die sich hier aktuell im Objekt aufhalten, die Identität feststellen.“ Die freiwillige Probe wird demnach nur für diesen Fall genutzt und anschließend vernichtet.
Dolmetscher begleiten den Großeinsatz in Kiel
Um den Bewohnern den Vorgang auf Augenhöhe erklären zu können, begleiten Dolmetscher für Kurdisch, Arabisch und Polnisch den Einsatz. Auch wenn nicht immer alle Bewohner hundertprozentig verstehen, worum es genau geht, war die Stimmung laut Meinung unserer NDR Reporter vor Ort friedlich. Die meisten Bewohner zeigen sich demnach sehr kooperativ und stimmen der DNA-Probe zu:
Wenn ich dabei helfen kann, dass die richtige Person gefunden wird, dann mache ich das gerne
Hassan Al Darwisch, Bewohner „Weißer Riese“, Kiel-Mettenhof
Eine DNA-Untersuchung dieser Größe hat es laut Staatsanwaltschaft in Schleswig-Holstein schon lange nicht mehr gegeben.
Es ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Wir haben auf der anderen Seite einen versuchten Mord stehen. Das ist eines der schwersten Delikte, die unser Gesetz kennt.
Hanna Borgwardt, Staatsanwaltschaft Kiel

Eine Polizistin wurde verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdelikts.
Rund 80 Prozent der Bewohner gaben Speichelprobe ab
Mit dem Großeinsatz könne man auch viele Anwohner aus der Ermittlung ausschließen, hieß es aus Polizeikreisen. Auch das bringe sie bei den Ermittlungen weiter, sagte Borgwardt von der Staatsanwaltschaft. Der Einsatz war laut Polizei am Mittag beendet. Rund 80 Prozent der angetroffenen Personen stimmten dem Test demnach zu und gaben freiwillig eine anonymisierte Speichelprobe ab. Bis wann das Ergebnis der DNA-Proben vorliegt, sei noch unklar und hänge stark von der Beteiligung der Bewohner ab, hieß es.
Hintergrund: Massen-Gentests in Schleswig-Holstein
Der Blick ins Pressearchiv zeigt: In den vergangenen 25 Jahren wurden in Schleswig-Holstein etwa zehn Massen-Gentests durchgeführt, die zur Ermittlung von Straftätern führen sollten. Meist ging es dabei um Vergewaltigungen und Gewaltverbrechen mit Todesfolge.
Erfolgreich waren allerdings nur drei DNA-Reihentests: 2002 wurde so der Mörder des Ehepaars Casper in Schwarzenbek (Kreis Herzogtum Lauenburg) überführt. 600 Personen waren damals um eine Speichelprobe gebeten worden – es war die erste Maßnahme dieser Art in Schleswig-Holstein.
Größte DNA-Reihenuntersuchung nach Tod einer 82-Jährigen
Im Februar 2011 wurde ein älteres Ehepaar in Kiel in dessen Wohnung überfallen – die 82-jährige Rentnerin starb in Folge des Verbrechens. Wenig später startete die Polizei die bislang größte DNA-Reihenuntersuchung in Schleswig-Holstein: mehr als 3.000 Menschen bekamen Post von der Kripo. Zwei Brüder konnten schließlich überführt werden.
Der letzte Erfolg einer solchen Maßnahme liegt etwa zehn Jahre zurück. 2016 konnten Ermittler den Mordfall Erna Ganz von 1982 aufklären. Die 73-Jährige war in ihrer Wohnung erstickt und vergewaltigt worden. Der damals 17 Jahre alte Mörder hatte die Speichelprobe verweigert und die Flucht ergriffen.
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