Die Warteschlange reichte vom Kölner Dom bis zum rund einen Kilometer entfernten Neumarkt, zeitweise brach der Verkehr in der Innenstadt zusammen: Als Anna Lapwood vor einem Jahr bei den Orgelfeierstunden im Dom gastierte, reisten mehr als 12.000 Menschen an – zu einem Orgelkonzert, bei dem manchmal andernorts nur 20 Zuhörer lauschen. Die Britin spielte kurzerhand zwei verkürzte Konzerte hintereinander, und doch blieben Tausende vor den Portalen. Drinnen saßen und lagen Zuhörer auf dem Boden, um den Klang der Domorgel auf sich wirken zu lassen, draußen ordnete die Polizei den Andrang – und ließ sich hinterher begeistert mit der Künstlerin fotografieren. Wer es hineingeschafft hatte, schwärmte hinterher, selbst drei Stunden Anstehen hätten sich gelohnt.
Szenen wie diese erklären, warum die 30-Jährige gern „Taylor Swift der Klassik“ genannt wird. 1,7 Millionen Menschen folgen ihr allein auf Instagram, ihre „Midnight Sessions“ – nächtliche Übevideos von den Orgeln der Londoner Royal Albert Hall oder eben des Kölner Doms – werden millionenfach geklickt. Berühmt wurde 2022 ein Clip, in dem sie in der Royal Albert Hall spontan den Elektromusiker Bonobo begleitete; inzwischen musiziert sie auch mit der Trompeterin Alison Balsom oder dem Schauspieler Benedict Cumberbatch. Als Influencerin sieht sie sich dennoch nicht: „Ich sehe mich als Organistin, die in den sozialen Medien postet“, sagte sie dem Kölner „Domradio“. Bei Sony Classical erschien zuletzt ihr Album „LUNA“.
Erste Frau nach 560 Jahren
Dahinter steht eine makellose klassische Laufbahn. Als erste Frau in der 560-jährigen Geschichte des Magdalen College Oxford erhielt Lapwood dort ein Orgelstipendium, mit 21 wurde sie Musikdirektorin am Pembroke College in Cambridge – jünger war auf diesem Posten niemand zuvor. 2024 wurde sie für ihre Verdienste um die Musik zum Member of the Order of the British Empire (MBE) ernannt, 2025 gab sie den Cambridge-Posten auf, um sich ganz dem Konzertieren zu widmen; heute ist sie Organistin der Royal Albert Hall. Dass Mädchen an der Orgel noch immer die Ausnahme sind, treibt sie um: Mit Projekten wie der Cambridge Organ Experience for Girls wirbt sie beharrlich für den weiblichen Orgelnachwuchs.
Am Sonntag, 26. Juli, sitzt sie um 20.30 Uhr auf der Bank der Steinmeyer-Orgel in der Evangelischen Stadtkirche am Marktplatz – das zweite Konzert des Internationalen Orgelsommers Karlsruhe, seit Monaten ausverkauft. Zwei Tage später feiert sie ihren 31. Geburtstag. Wer noch hinein will, muss bieten: Die Citykirche versteigert Restkarten auf Ebay, am Dienstag lag das Höchstgebot für zwei Karten bei 131 Euro. Bis Donnerstagabend laufen weitere Auktionen, Startpreis 1 Euro. Der Erlös kommt der Sanierung der Steinmeyer-Orgel zugute. Auf dem Programm stehen Hans Zimmers „Chevaliers de Sangreal“ aus dem „Da Vinci Code“, Rachel Portmans „Flight“, Ludovico Einaudis „Experience“ und als virtuoser Kontrapunkt Eugène Gigouts funkelnde Toccata. Höhepunkt ist Howard Shores Musik zu „The Lord of the Rings“, die Lapwood selbst zu einer dreisätzigen Orgelsinfonie verdichtet hat – eine Reise durch Mittelerde, vom Auenland über die Schlacht auf den Pelennor-Feldern bis zur Rückkehr des Königs.
Improvisationskunst aus Notre-Dame
Lohnend ist der 30. Orgelsommer, für den die Stadtkirche mit ihren zwei Orgeln nahezu alle Stilbereiche abdecken kann, aber weit über den Lapwood-Abend hinaus. Den Auftakt macht am 19. Juli Paolo Oreni aus Mailand, der Bach, Mozart, Liszt und Widor mit Improvisationen über gegebene Themen verbindet. Es folgen die Kanadierin Isabelle Demers (2. August) mit einem Bogen von Bach über Clara und Robert Schumann bis zu Brahms sowie der junge Schwede Johannes Skoog (9. August), Hoforganist des schwedischen Königshauses. Ein besonderer Tipp ist Vincent Dubois (16. August): Der Titularorganist von Notre-Dame de Paris beschließt sein französisches Programm mit einer freien Improvisation – jener Königsdisziplin, in der er zu den besten seines Fachs zählt. Das Finale gestaltet Hausherr und Festivalleiter Christian-Markus Raiser am 23. August, unter anderem mit Bartóks Rumänischen Tänzen und Widors sechster Orgelsinfonie. Vor jedem Konzert lädt um 19.30 Uhr die Talkrunde „Das Blaue Sofa“ zum Gespräch mit den Künstlern des Abends.
Termin
Anna Lapwood spielt am Sonntag, 26. Juli, um 20.30 Uhr beim Internationalen Orgelzyklus in der Evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe.