Rauch steigt aus einem Gebäude auf, im Hintergrund das Meer.

AUDIO: Krim: wenn die Heimat nicht mehr erreichbar ist (7 Min)

Erfahrungsbericht Denis Trubetskoy

Stand: 17.07.2026 00:07 Uhr

In Kiew werden die Fenster des Journalisten Denis Trubetskoy durch russischen Beschuss zerstört, auf der Krim sind seine Eltern mit Treibstoffmangel, Stromausfällen und ukrainischen Angriffen konfrontiert. Treffen können sie sich nicht. Unser Autor hat die Krim nach der Annexion durch Russland 2014 verlassen und lebt in Kiew. Ein persönlicher Bericht darüber, wie Denis Trubetskoy trotz Krieg, Propaganda und 1000 Kilometern Entfernung den Kontakt zu seiner Familie auf der Krim hält.

von Denis Trubetskoy

Ich lebe in einer komplizierten Doppelrealität: Ich stamme von der Krim, die 2014 von Russland annektiert wurde. Seit 2015 lebe ich in Kiew, meine Eltern wohnen aber weiterhin in der Hafenstadt Sewastopol.

Denis Trubetskoy - Porträt Junger Mann

Unser Autor Denis Trubetskoy in Kiew

Auf der einen Seite erlebt Kiew gerade eine der heftigsten russischen Angriffswellen in diesem Krieg überhaupt. Allein bei zwei Angriffen Anfang Juli sind insgesamt 50 Zivilisten ums Leben gekommen. Am 24. Mai war ich von einem russischen Beschuss persönlich betroffen: Eine ballistische Rakete war direkt gegenüber meiner Wohnung eingeschlagen. Dabei gingen meine Fenster zu Bruch. Vergangene Woche wurde meine Balkontür bei einem Angriff beschädigt – zum Glück nur leicht.

Auf der anderen Seite spitzt sich auf der annektierten Krim die Lage in den letzten Monaten immer mehr zu. Die Ukraine versucht, die logistische Schwäche der Halbinsel mit wenigen Verbindungen zum Festland auszunutzen, und greift erfolgreich Ziele auf der Krim an. Damit will Kiew Moskau zu ernsthaften Verhandlungen über einen Waffenstillstand zwingen und die Versorgung der russischen Besatzungstruppen im Süden der Ukraine erschweren. Russland hat keine strategische Lösung für dieses Problem. Gleichzeitig sieht die Alltagsrealität auf der besetzten Schwarzmeerinsel düster aus.

Ukrainische Angriffe auf die Krim: Genugtuung und Sorge zugleich

So kommt man als Privatperson in letzter Zeit fast gar nicht mehr an Treibstoff. Die Autowerkstatt, die mein Vater in Sewastopol betreibt, betrifft das direkt. Er hat zwar noch Kunden, muss sich aber mit der Reparatur nicht beeilen, solange sich die Versorgungslage mit Benzin nicht normalisiert. Wann das sein wird, weiß kein Mensch. Auch Strom- und Wasserausfälle gibt es immer öfter.

Ebenso fällt das Internet manchmal aus, selbst wenn es zu Hause gerade Strom gibt. Das liegt daran, dass Internet-Provider von den russischen Behörden nicht als kritische Infrastruktur eingestuft und so auch nicht vorrangig mit Treibstoff für Generatoren versorgt werden. Auch Lebensmittel werden wegen der für Russland komplizierten und gefährlichen Versorgungswege teurer; von einer Nahrungsmittelkrise ist man allerdings noch weit entfernt.

Das Wichtigste aber: Auf der Krim schlagen immer öfter ukrainische Drohnen und Raketen ein. Zu sagen, dass es mich nicht freut, wenn die ukrainische Armee Militärobjekte auf der Krim trifft, wäre gelogen. Der Grund ist auch ein ganz persönlicher: Als ethnischer Russe bin ich in einer Stadt wie Sewastopol, dem Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte und wichtigem Teil des Moskauer Militärmythos aufgewachsen. Im März 2014, als Russland die Krim annektierte, war ich 21 Jahre alt. Ich wusste damals zwar noch nicht genau, ob ich mich eher der Ukraine oder Russland zugehörig fühlte, zumal ich an der Uni auch mit Kindern hochrangiger Offiziere der russischen Schwarzmeerflotte zu tun hatte. Allerdings hat mich das tiefe Gefühl absoluter Ungerechtigkeit während der Krim-Annexion 2014 dazu bewogen, nach meinem Studienabschluss nach Kiew zu gehen.

Ein Zapfhahn an einer russischen Tankstelle ist defekt.

Schwierige Kommunikation zwischen Kiew und Sewastopol

Gleichzeitig liegt es in der Natur des Luftkriegs, dass abgefangene Drohnen- und Raketenteile im Prinzip überall niedergehen können. So entsteht eine merkwürdige Situation zwischen meinen Eltern und mir. Während sie um meine Sicherheit in Kiew bangen, mache ich mir Sorgen um ihr Wohlergehen. Gleichzeitig verläuft unsere Kommunikation auf gleich mehreren Ebenen kompliziert.

Das letzte Mal haben wir uns noch vor der Corona-Krise gesehen und unter den aktuellen Umständen ist offen, ob wir uns überhaupt noch einmal wiedersehen werden. Dennoch haben meine Eltern Respekt vor meiner Entscheidung, in Kiew zu leben. Damit hatte ich wirklich Glück, denn seit 2014 habe ich in meinem Umfeld mehrere Familien erlebt, die wegen unterschiedlicher politischer Ansichten unwiederbringlich zerbrochen sind.

Dennoch haben meine Eltern nur eine grobe Vorstellung von den Realitäten meines Lebens in Kiew. Aufgrund des in Russland und somit auch auf der annektierten Krim größtenteils gleichgeschalteten Informationsraums bekommen sie nur am Rande mit, wenn etwa die ukrainische Hauptstadt groß beschossen wurde. Wenn meine Mutter mir dann nach einer schlaflosen Nacht eine Nachricht schickt, in der sie mir einen „halbwegs normalen und sicheren Tag“ wünscht, kommt das bei mir komisch rüber. Denn der Tag wird, nachdem rund 100 Raketen und 700 Drohnen auf Kiew geflogen sind, nicht mehr normal. Schuld ist meine Mutter daran jedoch mit Sicherheit nicht.

Zu allem Überfluss hat Russland im letzten Halbjahr noch enorme Anstrengungen unternommen, alle gängigen Messenger, die nicht unter Kontrolle des russischen Geheimdienstes stehen, zu sperren oder zumindest zu verlangsamen. So mussten meine Ü60-Eltern lernen, wie man VPN-Verschlüsselungs-Dienste nutzt, um überhaupt noch mit mir kommunizieren zu können. Dennoch haben wir häufig für ein oder zwei Tage gar keinen Kontakt, denn Russland stört VPN-Anbieter ebenfalls massiv und auch der Strom sowie das Internet fallen regelmäßig aus.

Warum ukrainische Angriffe auf die Krim keine Überraschung sind

Meine Kontakte auf der Krim beschränken sich jedoch bei weitem nicht nur auf meine Eltern. Sonderlich angenehm sind diese Kontakte aber nicht, denn viele Menschen haben die Krim spätestens mit der im Herbst 2022 verkündeten russischen Teilmobilisierung verlassen.

Als Journalist bin ich trotzdem auf die verbliebenen Kontakte angewiesen, wenn ich mir ein halbwegs realistisches Bild von der Lage vor Ort machen will. Was mich bei ihnen stört, sind oft noch nicht einmal die Sympathien für Wladimir Putin oder den russischen Angriffskrieg, die sie teils zynisch formulieren und die für mich inakzeptabel sind: Der Krieg gegen die Ukraine sei zwar eine schlechte Idee gewesen, doch wir stecken schon mittendrin und würden noch schlechter dastehen, wenn wir ihn verlieren würden. Ich habe große Zweifel daran, dass das so wäre. Aber eine bestimmte Logik steckt trotzdem in dieser Argumentation.

Blick auf die Kertsch-Brücke zur Krim im August 2025.

Was mich dagegen wundert, ist vielmehr, wie viele Menschen überrascht davon sind, dass es so weit gekommen ist. Man sollte sich in meinen Augen nichts vormachen: Militärisch ist es unrealistisch, dass die Ukraine angesichts einer derart festgefahrenen Frontlinie in der aktuellen Phase des Krieges die Krim zurückerobern kann.

Dass Kiew aber, wenn es über die technologischen Möglichkeiten verfügen würde, die logistischen Schwächen Russlands auf der Halbinsel erfolgreich ausspielen würde, war die ganze Zeit zu erwarten. Um das zu verstehen, muss man sich nur die Schwierigkeiten etwa mit Strom- und Wasserversorgung selbst in der Zeit zwischen 2014 und 2022 vor Augen halten, als es noch gar keine aktiven Kampfhandlungen gab. Selbst die Eröffnung der sogenannten Krim-Brücke über die Straße von Kertsch zum russischen Festland 2017 hat die offensichtlichen Probleme nicht gelöst, zumal die Brücke nun vereinzelt zum Ziel ukrainischer Angriffe wird.

Angriffe als Folgen der Krim-Annexion 2014

Die technologische Entwicklung in diesem Krieg gleicht einem Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem beide Seiten jeweils mal ein wenig die Nase vorn haben, mal etwas hinterherhinken. Und so wird, wie schon so oft in diesem Krieg, Russland sehr wohl irgendwann eine militärische Antwort auf die derzeit erfolgreichen Angriffe mit ukrainischen Mittelstreckendrohnen finden. Die strategischen Probleme Russlands auf der Krim bleiben jedoch bestehen, das hat schon die Zeit nach der Krim-Annexion 2014 gezeigt.

Empfinde ich Schadenfreude bei erfolgreichen Angriffen der Ukraine auf die Krim? Ja. Aber ich wünsche niemandem auf der Krim etwas Schlechtes, ausgenommen dem russischen Militärpersonal, das dort nichts verloren hat. Ich wünsche mir aber, dass mehr Menschen den einfachsten Zusammenhang verstehen würden, der zur aktuellen Krise geführt hat: Nämlich Wladimir Putins Entscheidung, im März 2014 einen Teil eines souveränen Staates, den auch Russland anerkannt hatte, zu besetzen und zu annektieren.

Video:
Die Krim – Russlands Mallorca | Im Sommer 2021 (15 Min)

MDR (usc)