Eine orientalische, silber Kanne auf einem silbernen Tablett, davor ein Teller mit Gebäck, dahinter ein Teeglas

AUDIO: Gemeinschaft gibt Halt: Iraner treffen sich in Hamburger Kirchengemeinde (5 Min)

Stand: 17.07.2026 06:00 Uhr

Aus politischen, familiären oder beruflichen Gründen verließen sie ihre Heimat und kamen nach Deutschland: Die iranische Diaspora hierzulande gehört zu den größten Europas. Was bedeutet es für diese Menschen, hier zu leben und die Geschehnisse im Iran zu verfolgen?

von Bita Schafi-Neya

Mit rund 300.000 Menschen ist die iranische Diaspora in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern eine besonders große. Das zeigen aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes.

Iran – für viele in Deutschland ist das vor allem ein Land voller politischer Schlagzeilen: Demonstrationen, Repressionen, Konflikte. Hinter diesen Nachrichten stehen jedoch Millionen von Menschen mit ihren eigenen Geschichten. Viele von ihnen leben heute in Deutschland. Welche Erinnerungen, Hoffnungen und Sorgen tragen Menschen mit sich, die zwischen zwei Welten leben?

Zusammentreffen in Hamburg-Schnelsen

Bei einem iranischen Abend in Hamburg sind Menschen unterschiedlicher Generationen zusammengekommen, um über Kultur, Geschichte, Alltag und die aktuelle Situation im Iran zu sprechen.

Persischer Tee dampft in den Gläsern, es duftet nach Safran und Rosenwasser, Menschen kommen ins Gespräch. An diesem Abend im Christopherushaus der evangelischen Kirchengemeinde im Hamburger Stadtteil Schnelsen geht es um Erinnerungen, um Heimat.

Iran-Krieg macht Kontakt zur Familie schwierig

Doch in den Gesprächen über Essen, Musik und Kindheitserinnerungen schwingt stets die Sorge um die Menschen mit, die im Iran geblieben sind, erzählt Saman.

Drei iranische Musikerinnen sitzen zusammen mit iranischer Tracht und Instrumenten

In Hamburg-Schnelsen können sich Iranerinnen und Iraner austauschen und erleben ein Stück Zuhause.

Er ist vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen: „Leider macht dieses Regime momentan alles kaputt. Und dann immer Krieg und Druck unter den Menschen. Das ist nicht gut“, so Saman. „Meine ganze Familie ist im Iran und jeden Tag telefonieren wir, rufen uns an, haben einen Videocall. Aber vor zwei Monaten hatten wir keine Internetverbindung im Iran wegen des Kriegs. Das war richtig schwierig. Ich konnte nicht einfach so Kontakt haben und dann vermisse ich meine Familie.“

Frau steht neben einem Gemälde

„NDR Kultur – Das Journal“ spricht mit der Künstlerin Termeh Yaghoubi und dem Choreographen Babak Radmehr.

Wenn Freunde unerreichbar werden oder sterben

Solche Erfahrungen verbinden die Menschen der iranischen Diaspora. Viele von ihnen sind inzwischen gut integriert. Sie arbeiten als Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler oder Unternehmer. Gleichzeitig engagieren sich zahlreiche Iranerinnen und Iraner politisch – besonders seit den landesweiten Protesten nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im September 2022. Auch in Deutschland gingen damals Zehntausende auf die Straße.

Doch politisches Engagement hat oft einen hohen Preis. Viele erleben aus der Ferne, wie Freunde verfolgt, verhaftet oder getötet werden, betont Sara: „Ich war besonders traurig, weil ein paar meiner Freunde und mein Kollege getötet wurden. Ich war sehr traurig und am Sonntag bin ich in die Kirche gekommen und habe dann mit dem Pastor und der Pastorin darüber gesprochen, und dann auch mit Leuten, die in die Kirche gekommen sind. Das hilft.“

Soroush Esmaeili, Personal Trainer, Deutsch-Iranerin Sheida Nobakht, Ali Bordbar, Medizinstudent

Viele Iraner und Iranerinnen im Norden blicken mit Sorge auf die Lage im Nahen Osten. Die Hoffnung auf einen Regime-Wechsel haben sie beinahe aufgegeben.

Ein Stück Zuhause für Zugewanderte

Während im Hintergrund persische Musik erklingt, füllen Helfer noch einmal die Teegläser. Auf den Tischen stehen Datteln, Gebäck und Obst. Die Besucher erzählen sich Geschichten von früher. Für einen Moment rückt die Politik in den Hintergrund. Gerade solche Abende geben viel Halt. Kirchengemeinden, Kulturvereine und private Initiativen werden zu Treffpunkten, an denen Freundschaften wachsen und Netzwerke entstehen.

Pastorin Annkatrin Kolbe erlebt das seit Jahren: „Viele waren in der Erstaufnahmeeinrichtung bei uns im Gemeindegebiet. Manche kommen auch, weil Freunde hier sind und sagen: Oh, Mensch, komm mal mit“, erzählt sie. „Viele bleiben, auch über die Jahre, wenn sie längst in andere Stadtteile umgezogen sind. Sie fühlen sich dann hier heimisch.“

Sie könnten dann etwa aus Rahlstedt nicht mehr jeden Sonntag kommen, aber seien doch sehr verbunden, so die Pastorin. „Es ist schon besonders, diese Verbundenheit in der Kirchengemeinde. Und viele sind auch sehr integriert“, fügt Kolbe hinzu.

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Nach dem Angriff auf das Regime im Iran und den Tod von Chamenei haben sich rund 50 Iraner in Rostock getroffen.

Kirchengemeinde mehr als ein Ort für Gottesdienste

Nach Angaben der Hamburger Innenbehörde leben in der Hansestadt rund 31.500 iranische und iranischstämmige Menschen. Für einige von ihnen ist die Kirchengemeinde in Schnelsen weit mehr als ein Ort für Gottesdienste geworden.

Sie ist Treffpunkt, Anlaufstelle und ein Stück Zuhause, sagt Pastorin Annkatrin Kolbe: „Ich glaube, dafür ist es total wichtig, dass man sich auch vernetzt. Und hier in der Kirchengemeinde hat es sich so ergeben, dass sich hier eine iranische Gruppe gebildet hat“, berichtet sie. „Das hat mit den großen Flüchtlings- und Zuwanderungsbewegungen 2015 ganz stark angefangen – auch davor schon und seitdem natürlich auch immer wieder.“

Der Wunsch nach Frieden im Iran verbindet

Die Gläser sind inzwischen leer, die Musik ist leiser geworden. Einige bleiben noch stehen, verabschieden sich herzlich und verabreden sich für das nächste Treffen.

Am Ende verbinde alle nur ein Wunsch, betont Sara: „Freiheit für die iranischen Leute. Sie wollen nur in Ruhe, mit gutem Kontakt, mit freundlichem Kontakt, mit anderen Ländern leben. Wir wollen keinen Krieg mit Israel, mit den USA. Mit allen Ländern wollen wir freundlich sprechen, freundlich leben und Kontakt haben.“

Mann mit Smartphone in der Hand. Auf dem Smartphone sind Kommentare zu sehen.

Beim Thema Iran werden Social-Media-Posts mit Fake-Kommentaren geflutet. 11KM über den Versuch, mithilfe von Bot-Netzwerken die öffentliche Debatte zu beeinflussen.

Medizinstudent Ali Bordbar sitzt an einem Tisch in einem Park.

Viele Iraner und Iranerinnen blicken mit Sorge auf das Ende der Waffenruhe. Sie sind gegen Verhandlungen mit dem Regime.