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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
als das Sowjetreich einst in seinen letzten Atemzügen lag, war ein neuer Volkssport geboren: das Schlange stehen. Man stand für alles Schlange. Für Milch, für Mehl, ja manchmal sogar für Wasser. Auch ich stand – damals kaum ein Dreikäsehoch – in diesen Schlangen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter meine kleine Schwester und mich mitten in der Nacht aus den Betten holte, um fünf Blocks durch den kniehohen Schnee zu stapfen. Am Ende standen wir in einer Schlange. Für Butter. 200 Gramm pro Person. Mit zwei Kleinkindern im Schlepptau bekam meine Mutter 600 Gramm Butter ausgehändigt. Wenn es denn nach fünf Stunden Wartezeit überhaupt noch etwas gab.
Diese eisigen Nächte sind in meinem Fall nur eine dunkle Erinnerung. Doch Millionen von Menschen teilen sie mit mir. Und in den vergangenen 26 Jahren hat Wladimir Putin alles dafür getan, um diese Erinnerungen in Russland wachzuhalten. Ein Albtraum, den er mit ein paar wenigen Worten wieder zum Leben erwecken kann. „Schrecklich, hungrig, kalt und hoffnungslos“ seien die 90er-Jahre gewesen – bis er Russland aus diesen dunklen Zeiten geführt habe, so sein Mantra.
Doch nach einem Vierteljahrhundert unter Putin steht Russland nun erneut Schlange. Noch nicht für Butter. Aber für Benzin. Genauso wie zu Beginn der 1990er-Jahre. Stoßstange an Stoßstange, Kilometer um Kilometer stauen sich die Autokolonnen auf den russischen Trassen. Ob im fernen Osten oder im tiefsten Süden. Der Kampf an den Zapfsäulen herrscht im gesamten Land. Mancherorts stehen die Menschen mehrere Tage lang an, um an Sprit zu kommen – in einem Land, das vor nicht allzu langer Zeit als die Tankstelle dieser Welt galt.
Das Ausmaß der Kraftstoffkrise in Russland ist sogar aus dem All zu sehen. In der Nähe der Stadt Tschita dokumentierten Satelliten Anfang Juli eine Autoschlange mit einer Länge von 4,5 Kilometern. Werden es mal weniger, sprechen die Menschen inzwischen von einem guten Tag.
„Eine vier Kilometer lange Warteschlange gilt bei uns schon als klein“, erzählen Einheimische. Manche Fahrer stellen Campingstühle auf. Andere schlafen auf dem Fahrersitz. Doch wer verschläft, dass es weitergeht, darf nicht auf die Rücksicht anderer Leidensgenossen hoffen. Die Nerven liegen blank. Aus Zwistigkeiten werden schnell wüste Wortgefechte. Aus Wortgefechten werden Prügeleien. An vielen Tankstellen stehen inzwischen Polizeistreifen und Rettungswagen bereit.
Die Not schafft ihre eigenen Regeln. In Transbaikalien, einer Region im Osten Russlands an der Grenze zur Mongolei, werden Plätze in Warteschlangen inzwischen verkauft. Wer vorn in der Schlange warten möchte, zahlt zwischen 7.000 und 10.000 Rubel (80 bis 110 Euro). In Krasnokamensk legte sich ein junger Mann im Internet eine Polizeiuniform zu, um ohne Anstehen tanken zu können. Gegen ihn wurde ein Verfahren wegen des unrechtmäßigen Tragens einer Uniform eingeleitet.
Was nach einer absurden Anekdote klingt, erzählt viel über die Lage in Russland. Es ist längst nicht mehr das Geld, das darüber entscheidet, wer Benzin bekommt. Sondern Beziehungen, Status oder die Bereitschaft, Regeln zu brechen. Manche versuchen es mit gefälschten Dokumenten. Andere zapfen nachts Benzin aus geparkten Autos ab.
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Noch versucht der Staat, die Lage unter Kontrolle zu halten. Doch selbst Gouverneure sprechen inzwischen offen von einer Krise. Und erstmals stellen viele Russen eine Frage, die in einem Land mit riesigen Erdölvorkommen noch vor wenigen Wochen absurd geklungen hätte: Wie kann Russland das Benzin ausgehen? Das Land verfügt über die achtgrößten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Und doch verbringen die Menschen in Sibirien inzwischen drei Tage in einer Warteschlange, um 15 Liter Benzin zu bekommen. Mein Kollege Martin Küper hat vor Kurzem aufgedröselt, wie es in Russland so weit kommen konnte.
Im Kreml-TV erfährt man davon nichts. Dort zeigt man keine kilometerlangen Warteschlangen oder Tankstellen, an denen die Polizei einschreiten muss. Dort ist von einem Angriff auf Russland die Rede. „Es ist völlig offensichtlich, dass der Gegner unserer Wirtschaft schaden will“, erklärt Putin. Vor allem versuche er, Unruhe in der Gesellschaft zu stiften. „Wir verstehen alle, dass ihm das nicht gelingen wird.“
Während sich die Krise verschärft, versucht der russische Oberbefehlshaber, ihr eine andere Bedeutung zu geben. Die Bevölkerung soll den Benzinmangel nicht als Staatsversagen, sondern als Bewährungsprobe für die Nation verstehen. Die Kremlpropaganda greift diese Botschaft auf und richtet ihre Botschaften entsprechend aus. Margarita Simonjan, die Chefin des Fernsehsenders RT, erinnerte an die 1990er-Jahre. Damals sei die Lage doch deutlich schlimmer gewesen, erklärte sie. Lebensmittel habe es nur gegen Bezugsscheine gegeben. Sie selbst habe Wasser mit Eimern holen müssen. Doch: „Wir haben das überstanden – und wir werden auch das jetzt überstehen“, versprach Simonjan.
Ja, auch ich erinnere mich an diese Zeiten. Doch die Frage ist, wer sie überstanden hat. Die Sowjetunion jedenfalls nicht. Wo Benzin fehlt, mangelt es schnell an allem anderen. Die russischen Landwirte schlagen längst Alarm. Sie können ihre Ernte nicht einfahren. Auch ihre Maschinen brauchen Sprit.
Statt Lösungen anzubieten, versucht der Kreml erneut, eine Geschichte des Durchhaltens zu erzählen. Entbehrungen seien Teil eines größeren Kampfes, lautet die Botschaft. Wer verzichte, diene dem Land. Wer Geduld habe, werde am Ende belohnt. Doch Geduld ist ein Rohstoff, der schneller zur Neige gehen kann als Benzin.
In einem Land, das auf einem der größten Erdölvorkommen der Welt sitzt, ist ausgerechnet Benzin zum knappsten Gut des Alltags geworden. Vielleicht erzählt kaum etwas eindringlicher vom Zustand Russlands im fünften Jahr des Krieges. Der Albtraum, den Putin so lange beschworen hat, hat ihn eingeholt.
Trump spricht von Verschwörung
Ist das der nächste Angriff auf die Grundfesten der amerikanischen Demokratie? Gut dreieinhalb Monate vor den US-Kongresswahlen hat Präsident Donald Trump auf Änderungen im Wahlsystem gedrängt. In einer Rede an die Nation sprach er in der Nacht zu Freitag von einer großen Gefahr, der Amerika durch angebliche Manipulation aus China ausgesetzt sei. Die Verschwörungserzählung verband Trump mit der Forderung, den „Save America Act“ endlich durch den Kongress zu bringen.

