Bielefeld. Die Beschäftigten und Verantwortlichen des Sozialdienstleisters Bethel sind entsetzt. Mit ihrer Kampagne „Siehst Du mich?“ haben sie im vergangenen Jahr die Stimme erhoben für Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen. Zum Beispiel für Daniel, einen jungen Mann mit Down-Syndrom. Es sei gelungen, mit großer Resonanz eine Reihe von Videos in Sozialen Medien auszuspielen und damit „Sichtbarkeit zu schaffen“.
42 Millionen Zugriffe wurden gezählt, eigentlich ein großer Erfolg, wie der seit Februar 2026 amtierende neue Bethel-Vorstandschef Bartolt Haase und sein Stellvertreter und Finanzchef Christoph Nolting finden. Doch erschreckend seien viele negative Kommentare gewesen: „Die verbalen Angriffe auf Menschen mit Behinderungen haben ein Maß erreicht, das uns in dieser Härte neu ist“, stellt Pastor Haase fest.
„Wir sehen eine gesellschaftliche Veränderung, eine Änderung der Tonlage und Sprache“, sagt Haase erschrocken, der als Nachfolger von Pastor Ulrich Pohl an der Spitze der von Bodelschwinghschen Stiftungen steht. Gehässigkeiten würden inzwischen unverblümt geäußert, ergänzt Christoph Nolting. Die beiden Sozialmanager diagnostizieren eine „neue Qualität der Menschenverachtung“. Mitmenschen wie Daniel würden „nicht nur in ihrer Würde und Menschlichkeit verletzt und entwertet“, ihnen werde bisweilen gar das Lebensrecht abgesprochen. Menschen wie ihn müsse man ja dank der Möglichkeiten der Pränataldiagnostik nicht mehr zur Welt bringen, heiße es da zum Beispiel.
Interview: „Die gesellschaftliche Stimmung verändert sich“
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Widerstand aus der Online-Community
Und es sei noch Schlimmeres zu lesen, was die Bethel-Vorstände nicht zitiert haben möchten. „Natürlich löschen wir Kommentare wie diese und sperren die User“, so Haase. Sehr positiv sei es hingegen, „dass aus unserer Online-Community heraus Gegenrede und Widerstand entstehen“.
Er sei sicher, dass eine große Mehrheit in Deutschland anders denke als die Verfasser der Hasskommentare. Doch in Bethel gelte es nun, „noch selbstbewusster und offensiver für unsere Überzeugungen einzutreten“. Und es sei wichtig, sich jeden Tag für Teilhabe und Menschenwürde einzusetzen – „Dinge, die wir vor ein paar Jahren noch für selbstverständlich hielten“.
Wertefundament gerät ins Wanken
Haase und Nolting zeigen sich besorgt über das ins Wanken geratende Wertefundament. Und sie sehen auch Parallelen zu den Veränderungen im politischen Spektrum und zu den wachsenden Sorgen vieler Menschen um ihr persönliches Auskommen.
Länderinitiative: Kampf gegen Hass und Fake-News im Netz
Eine direkte Verbindung zu den laufenden Sparplänen der Bundesregierung ziehen sie nicht, aber das Thema brennt in Bethel ebenfalls auf den Nägeln. Da sei einerseits die stetig steigende Zahl von Menschen mit Behinderungen in Deutschland, inzwischen hätten 7,9 Millionen eine Schwerbehinderung. Zu spüren sei vor allem die starke Zunahme psychischer Erkrankungen, durch die auch immer mehr Betroffene aus dem ersten Arbeitsmarkt fielen. Es wird eine weiter anhaltende Tendenz befürchtet: „Da rollt eine Welle auf uns zu.“
Die Zahlen des Sozialunternehmens sind weiter gewachsen
Gleichzeitig werde derzeit von Bund, Ländern und Kommunen über Kürzungen im Sozialen in Höhe von mindestens 8,6 Milliarden Euro verhandelt. Das betreffe vor allem die Eingliederungshilfe und die Kinder- und Jugendhilfe. In der Behindertenhilfe stehe etwa die Finanzierung der Fahrtkosten zu den Werkstätten auf dem Spiel – bisher organisiert Bethel einen eigenen Busverkehr für Menschen mit Behinderungen. Künftig sollen die Betroffenen mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren. „Ein Großteil bliebe dann Zuhause, weil der Nahverkehr nicht barrierefrei ist“, befürchtet der Vorstandschef. „Es entsteht der Eindruck, dass soziale Errungenschaften der vergangenen Jahre wieder zurückgedreht werden sollen“, warnen Haase und Nolting.
Neuer Vorstandschef: Bartolt Haase ist in Bethel Nachfolger von Ulrich Pohl
Dabei steht Bethel als Konzern bisher noch solide da, wie die Vorstände versichern. So seien die Gesamterträge 2025 um 3,7 Prozent auf rekordhohe 2,05 Milliarden Euro gestiegen. Das Jahresergebnis sei von 11,25 auf 13,8 Millionen Euro gewachsen. Und auch die Zahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wuchs um 4,1 Prozent auf nun fast 25.900 Beschäftigte. Mit knapp 13.200 Beschäftigten allein in Bielefeld gilt Bethel als größter Arbeitgeber der Stadt.