Das Deutsche Riga-Komitee beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. versteht sich als Städtebündnis für das Erinnern und Gedenken an die Deportation von Jüdinnen und Juden, insbesondere nach Riga. Dem im Jahr 2000 gegründeten Riga-Komitee gehören inzwischen 80 Städte an. Die Landeshauptstadt Hannover gehört zu den Gründungsstädten.

Auftakt der Gedenkreise war eine Begrüßung der Delegationen durch die Stadt Riga im Rathaus. Oberbürgermeister Viesturs Kleinbergs, Stadtratsmitglied Edgars Ikstens und Laura Efeja, Leiterin der Tourismusinformation, standen für Fragen und Diskussionen bereit. In der lettischen Erinnerungskultur spielt neben der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus die jahrzehntelange sowjetische Besatzung eine große Rolle. Auch die gegenwärtige Bedrohung durch Russland ist dort viel näher und prägt die Perspektive.

Bürgermeister Thomas Hermann und Dr. Jens Binner am Gedenkstein für Hannover im Wald von Bikernieki

© Gints Ivuškāns

Bürgermeister Thomas Hermann und Dr. Jens Binner am Gedenkstein für Hannover im Wald von Bikernieki

An den Gedenkorten Rumbula und Bahnhof Šķirotava gab es kurze Gedenkzeremonien. Im Wald von Rumbula befinden sich die Massengräber von über 20.000 erschossenen lettischen Jüdinnen und Juden. Durch diese Mordaktion sollte im Ghetto von Riga Platz für die eintreffenden Transporte mit Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich geschaffen werden. Der Bahnhof Šķirotava war Endpunkt vieler Deportationen. Der Bahnhof ist aber auch mit der sowjetischen Besatzung verbunden. Er war Ausgangspunkt vieler Züge, mit denen Lett*innen in den sowjetischen GULag gebracht wurden.

Am ehemaligen KZ Jungfernhof begegnete die Delegation einer Gruppe von Nachfahren von Häftlingen des Konzentrationslagers, die aus Schweden, den USA und weiteren Ländern angereist waren. Diese Gruppe war auch Gast beim abendlichen Empfang in der Kleinen Gilde in der Altstadt von Riga, der von der österreichischen und der deutschen Botschaft gemeinsam ausgerichtet wurde.

An der Gedenkstätte im Wald von Bikernieki hat das Riga-Komitee eine Gedenkveranstaltung durchgeführt, bei der unter anderem Dr. Gundula Bavendamm, Mitglied im Bundesvorstand des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., und Ilya Lensky, Direktor des Museums der Juden in Lettland, gesprochen haben. Bikernieki war ein zentraler Ort des Massenmordes an Jüdinnen und Juden aus ganz Europa. Aber auch sowjetische Kriegsgefangene wurden hier erschossen. In 55 Massengräbern liegen hier die Überreste von ca. 40.000 Ermordeten.

Marģers Vestermanis, 100jähriger Holocaustüberlebender aus Riga

© Gints Ivuškāns

Marģers Vestermanis, 100jähriger Holocaustüberlebender aus Riga

Anschließend nahm die Delegation an der offiziellen Gedenkveranstaltung zum lettischen Holocaust-Gedenktag an der Ruine der Großen Choral-Synagoge teil. Neben der Ansprache des lettischen Ministerpräsidenten Andris Kulbergs erhielten hier besonders die bewegenden Worte des 100-jährigen Holocaustüberlebenden Marģers Vestermanis große Aufmerksamkeit. Er mahnte, die Erinnerung an die Verbrechen nicht verblassen zu lassen. Sein unablässiger Kampf für Demokratie und Freiheit ist seine zentrale Lehre aus den damaligen Geschehnissen.

An der Gedenk- und Erinnerungsreise des Riga-Komitees haben über 40 Delegierte aus ganz Deutschland teilgenommen. Im gegenseitigen Erfahrungsaustausch wurde deutlich, dass die Beschäftigung mit den Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur gerade in Zeiten zunehmender Demokratiegefährdung eine herausragende Bedeutung für Gegenwart und Zukunft einer freien Gesellschaft hat. Bei einem Symposium Ende September 2026 in Nürnberg wollen die Mitgliedsstädte des Riga-Komitees darüber diskutieren, wie sie dazu weiterhin zeitgemäße Beiträge leisten können.