Die Heckinghauser Straße gleicht vor allem im Hochsommer einer Asphaltwüste. Anonym, wie Sebastian Pafundi sagen würde. „In Buenos Aires habe ich meinen Nachbarn im Hochhaus nicht gekannt.“ Vor 35 Jahren zog der Argentinier nach Wuppertal und verliebte sich in seine zweite Heimat. Dass sich heute vor dem „Hier & Da“ eine fröhliche Menschentraube versammelt und mit bunten Fahnengirlanden Urlaubsstimmung verbreitet, ist auch sein Verdienst. Das Café, das er mit der Gesa Stiftung als Träger hier betreibt, feiert heute zehnjähriges Bestehen.
Beim Betreten empfängt die Besucher der Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Beatrice aus Nigeria sitzt mit einer Kollegin vor einem Tisch mit kleinen bunten Tassen – jeder darf zugreifen. „Am Morgen geht es mit dem Frühstück los“, erzählt sie ganz sachlich. Zur Auswahl stehen Spiegelei, Rührei oder Käse-Omelett. Mittags wechselt die Speisekarte täglich und am Nachmittag gibt es Waffeln. Die Arbeit in der Küche macht ihr viel Spaß, sagt Beatrice, die zuvor sieben Jahre als Köchin in einem Privathaushalt gearbeitet hatte. Nach fünf Jahren bei „Hier & Da“ endet ihre Zeit im Projekt, aber sie hat schon einen neuen Job gefunden.
Doch so viel Glück haben nicht alle, weiß der Café-Leiter. „Auch wenn die Teilnehmer einen Job haben wollen, heißt das noch nicht, dass die Gesellschaft ihnen einen Job geben will.“ Sebastian Pafundi bezeichnet sich selbst als Quereinsteiger in der Sozialarbeit. Seiner IHK-Prüfung als Restaurantfachmann gingen dagegen viele Jahre in Wuppertaler Restaurant-Küchen voraus. Als Chef von „Hier & Da“ eröffnet er im Auftrag des Jobcenters nun anderen Menschen den Einstieg in die Gastronomie.
Beim Projekt „Brückenschlag“ erwerben sie erste Berufserfahrungen und übernehmen Verantwortung. In der privaten Wirtschaft haben es seine Mitarbeiter schwer, gibt er zu, denn es kostet Zeit und Geduld, wenn man Menschen wieder den Glauben an sich selbst zurückgeben möchte. „Früher gab es in jeder Firma immer einen Job für Leute, die nicht viel konnten“, sagt Pafundi. Diese Jobs fallen jetzt vermehrt weg und es gäbe immer weniger Arbeitgeber, die sich eben diese Zeit und Geduld leisten können und wollen. Aber: „Hier passieren kleine Wunder“, sagt Pafundi, wenn sich schon nach einer Woche die Körperhaltung verändert. Egal, ob bei Zugewanderten mit geringen Deutschkenntnissen, Frauen, die sich ihr ganzes Leben um ihre Familie zu Hause gekümmert hatten, Menschen mit Suchterkrankungen oder Langzeitarbeitslosen mit viel zu vielen Lücken im Lebenslauf. „Hier darf man Fehler machen – die beste Möglichkeit zu lernen, ist durch Fehler“, betont Pafundi, „und wir sind für alle da.“ Das Budget für zerschlagenes Geschirr oder angebrannte Schnitzel kommt schon zusammen, hier wird niemand dafür abgestraft, wenn mal was schief geht.
Aber Kontrolle ist essenziell: Für jeweils sechs Monate schließt „Hier & Da“ immer den Vertrag mit dem Jobcenter und erstattet anschließend Bericht über die Fortschritte des Mitarbeiters, damit die Maßnahme verlängert werden kann. Die Verdienstmöglichkeiten sind mit maximal 240 Euro im Monat bei sechsstündigen Tagesschichten nicht üppig, aber dafür wird der Betrag nicht von den Leistungen abgezogen.
Die Gäste, die heute da sind, kennen sich schon seit Jahren und kommen oft am langen Fenstertisch zusammen. „Das ist ein gewöhnlicher Treffpunkt“, sagt ein älterer Herr mit einer Gewissheit, die keine Fragen offenlässt. Und die Preise sind unschlagbar: Zwischen 2,50 Euro und 6,50 Euro kostet eine Mahlzeit mit Salat. Am beliebtesten seien zwar Schnitzel und Leberkäse, verrät Pafundi, an Tagen mit Gemüsegerichten oder Pasta kämen spürbar weniger Besucher. Aber auch ein ruhigerer Tag sei ab und zu ok. Der Chef sei einer der Gründe, warum sie hier sehr gerne gearbeitet haben, sagen zwei frühere Teilnehmerinnen, Gulbahar aus dem Irak und Yamina aus Marokko. Aber für am wichtigsten halten sie den Respekt, den sie hier erfahren haben und weswegen sie bis heute gerne zu Besuch kommen. Jeder Mensch hat Potenzial, findet Pafundi, und es gibt keine Alternative dazu, es weiterhin zu fördern.