
AUDIO: Interview mit Patientenschützer: Serientätern wird es leicht gemacht (4 Min)
Stand: 18.07.2026 09:43 Uhr
Ein Arzt der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) steht unter Mordverdacht. Es geht um drei Todesfälle – zwei der Patienten soll er mit Medikamentenüberdosen getötet haben. Seit Freitag wird der Fall vor dem Landgericht Hannover verhandelt.
Zum Auftakt hat der Angeklagte die Vorwürfe zurückgewiesen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Eugen Brysch ist Vorsitzender der „Deutschen Stiftung Patientenschutz“ und äußert sich zu dem Fall im Interview mit NDR Niedersachsen.
Herr Brysch, wenn da wirklich etwas dran ist an dem Fall, dann klingt das ja wie in einem Horrorfilm. Sind wir als Patienten den Ärzten so ausgeliefert?

Eugen Brysch ist Vorsitzender der „Deutschen Stiftung Patientenschutz“.
Eugen Brysch: Also, zunächst die Diskussion: War es Leidenslinderung und zwar mit Einverständnis der Patientin oder des Patienten oder war das eigenmächtiges Handeln? Das muss jetzt das Gericht klären. Natürlich ist man als Patient immer in einem Vertrauensverhältnis mit der Medizin, aber grundsätzlich bleiben das Einzelfälle – leider in den letzten Jahren gehäufte Einzelfälle.
Gibt es denn irgendwelche Sicherheitsmechanismen in Kliniken, dass so etwas nicht passieren kann?
Wir haben ja gerade in Niedersachsen eine lange Diskussion gehabt, auch schon bezüglich Patiententötungen. Und da gibt es jetzt Mechanismen, die eigentlich notwendig und richtig sind und die in diesem Fall wohl auch gegriffen haben: Es gibt Whistleblower-Systeme, wo Auffälligkeiten wahrgenommen werden von Kolleginnen und Kollegen. Es gibt dazu auch stärker die Kontrolle darüber, welches Medikament wann gegeben wird und in welchem Zusammenhang. Da könnten wir noch nachschärfen. Und natürlich ist der entscheidende Punkt: Welche Maßnahmen werden ergriffen und wie sieht der Wille des Patienten aus? Und da wird es auch notwendig sein, dass die Palliativgesellschaften, die es in Deutschland ja gibt, dieses Thema anpacken. Es muss geklärt werden, sodass wir auch den Staatsanwaltschaften früh genug die Möglichkeit geben zu sagen: Ist das eine Tötung oder eine palliative Sedierung, die dann zum Tod hin begleitet? Das wäre mit dem Gesetz in Einklang.

Die Pflegerin hatte einem Patienten versehentlich ein Medikament gegeben, gegen das er allergisch war und verstarb.
Brauchen wir denn noch strengere Kontrollen oder so eine Art Meldesystem? Sie haben ja schon gesagt, dass es Whistleblower-Mechanismen gibt und dass das Personal intern solche Dinge und Vermutungen ansprechen kann: Fordern Sie noch mehr?
Brysch: Eins ist klar: Ob es sich hier um einen Mörder handelt, das wissen wir nicht. Aber was wir wissen, ist: Dass wir das seit über 20 Jahren in Deutschland beobachten, dass die Pflege und die Medizin es Serientätern außerordentlich leicht macht. Weil jeden Tag – sie sind gerade mit Patientinnen beschäftigt, die schwerstkrank sind, die auch leidensbelastet sind – also jeden Tag erwartet man den Tod und dann glaubt man, das hat alles seine Richtigkeit. Aber da geht es darum, eine Kultur des Hinschauens zu etablieren. Nämlich zu glauben, bei uns in unserer Einrichtung kann das nicht geschehen, ist schon der größte Fehler.
Was raten Sie denn Menschen, die sich jetzt vielleicht Sorgen machen und denken: Wie kann ich denn erkennen, dass ich gut und sicher behandelt werde?
Brysch: Zunächst ist klar: Dem Angehörigen wird es nicht auffallen. Deswegen müssen wir ein Team stärken. Deswegen müssen wir die digitale Überwachung der Medikamente stärken. Wir müssen die Ausgabe stärken. Wir brauchen ein Whistleblower-System. Wir brauchen darüber hinaus auch Schwerpunktstaatsanwaltschaften in Deutschland. Also, es gibt noch einiges nachzuarbeiten. Wir müssen lernen, mit solchen Serientätern umzugehen und sie möglichst früh zu identifizieren.
Das Interview führte Carsten Thiele.
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