Ein besonderes Veranstaltungsformat findet bereits seit fünf Jahren am letzten Schultag vor der Zeugnisausgabe am Berufskolleg Werther Brücke statt: Dann gibt es einen Projekttag, an dem eine Living Library mit „lebenden Büchern“ in die Schule kommt.
Authentischer, als Texte zum Thema „Diskriminierung“ zu lesen, ist es für die Jugendlichen, mit Menschen zu sprechen, die von erlebter Ausgrenzung im Alltag berichten. Projektleiterin und Lehrerin Johanna Stürmer hatte elf „lebendige Bücher“ eingeladen, die in kleinen Gruppen Fragen der Schülerinnen und Schüler, die zuvor im Unterricht erarbeitet worden waren, beantworteten und aus ihrem oft schwierigen Alltag berichteten. Jugendliche aus vier Kfz- und zwei Sanitär-Heizungs-Klassen stellten sich in Kleingruppen den humorvollen, ergreifenden, aber auch empörenden Berichten, erhielten im Rahmen des demokratiefördernden Projekts einen anderen Blick auf einen Teil der Gesellschaft.
Über Betroffenheit zum Umdenken im Berufsleben
„Bloß keine Behinderten einstelle – da kommt ja nichts bei raus!“, solche Äußerungen höre man mitunter seitens der Unternehmen, erläutert Johanna Stürmer. Die Betroffenheit ihrer Schülerinnen und Schüler, so hofft sie, führe später in den Unternehmen zum Umdenken.
Viel Empathie war zu spüren, als Edin nach der Unterstützung der Krankenkasse fragte, wenn es um Hilfen zur Alltagsbewältigung von Jenna ging, die an einer Nervenerkrankung leidet, die ihr die Fortbewegung im Alltag teilweise unmöglich macht. Allein ihr Rollstuhl habe 8000 Euro gekostet, ohne Räder allerdings. Die hätten noch einmal mit 11 000 Euro zu Buche geschlagen. „Das muss ich mir zusammensparen, dafür kaufe ich mir keine Klamotten“, schilderte sie ihre Weise, selbst für ein Mehr an Lebensqualität zu sorgen. „Wir zahlen immer drauf!“, erklärte sie mit Nachdruck und machte diesen Umstand am Führerschein und Kauf eines Autos konkret: Der Führerschein sei noch teurer als bei Menschen ohne Behinderung, die Führerscheinprüfung müsse selbst organisiert, der Umbau eines Autos aus eigener Tasche finanziert werden. Aber ihr Fazit, ihre hohen Kosten betreffend, lautete auch: „Das alles gibt mir viel Freiheit, und ich habe das Gefühl, nicht so sehr behindert zu sein.“
Weil auch eine Schülerin ähnliche Erfahrungen bei einem Familienmitglied gemacht hatte, entwickelte sich in der kleinen, besonnenen Gruppe ein richtiger Erfahrungsaustausch.
In einer anderen Gruppe ging es humorvoll zu. Erika ist sehbehindert, hatte für ihre Gesprächspartnerinnen und -partner schwarze Brillen mitgebracht, damit sie die Orientierungslosigkeit selbst erleben konnten. „Ich kenne den Düsseldorfer Bahnhof sehr genau!“, verblüffte sie die Jugendlichen. Ohne Hilfe von Menschen, die mit ihr neue Wege und Orte erkundeten, sei sie aber im Alltag oft verloren.
Erstaunlich fand die Gruppe, dass sie bereits nach wenigen Metern einer Busfahrt an der Kurvenführung erkenne, ob sie in die richtige Linie eingestiegen sei.