
(Bild: Fahroni/Shutterstock.com)
Russland stoppt alle Diesel-Exporte, fast 60 Prozent der Raffineriekapazität stehen still. Auch an deutschen Zapfsäulen klettert dadurch der Preis.
Wenn in Omsk eine Raffinerie brennt, wird es an der Zapfsäule in Hessen teurer. Was erst einmal wie eine gewagte These klingt, beschreibt die aktuelle Lage auf den globalen Energiemärkten allerdings ziemlich präzise.
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Die Ukraine hat ihre Angriffe auf Raffinerien in Russland in den vergangenen Monaten deutlich ausgeweitet. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht in ihrem jüngsten Marktbericht von massiven, dokumentierten Angriffen auf russische Raffinerien.
Allein im Juni 2026 zählte die IEA mindestens zehn Treffer. Fast jede große Anlage im Westen Russlands sei inzwischen getroffen worden, viele davon mehrfach.
Lange hatte Moskau versucht, die Situation zu übertünchen. Doch am 8. Juli zog der Kreml die Notbremse: Vizepremier Alexander Novak verkündete in einer Regierungssitzung, die im Fernsehen übertragen wurde, ein vollständiges Exportverbot für Diesel, zunächst befristet bis Ende Juli. Ein Exportverbot für Diesel hatte der Kreml schon einmal 2023 verhängt.
Russland werde jetzt auch damit beginnen, Kraftstoff zu importieren, erklärte Novak weiter. Es sei „klar, dass die aktuelle Situation an den Tankstellen in der Bevölkerung Besorgnis auslöst“.
Dieses Eingeständnis ist für Beobachter durchaus bemerkenswert. Schließlich verschleiert Moskau die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs gegen die Ukraine seit 2022 systematisch. Selbst Statistiken, aus denen man die Folgen ablesen könnte, wurden eingestellt.
Das verleitet auch zu Spekulationen bei westlichen Geheimdiensten. Laut Axios vermuten sie zudem, dass auch die Zahlen, die noch veröffentlicht werden, geschönt sind. Ein Exportverbot für den weltweit größten Diesel-Lieferanten lässt sich allerdings schlecht verbergen.
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60 Prozent der Raffineriekapazität außer Betrieb
Die Analysten von S&P Global Energy CERA beziffern das Ausmaß der Schäden in einer detaillierten Auswertung: Ende Juni lagen demnach mehr als 2,5 Millionen Barrel pro Tag an Raffineriekapazität still – über ein Drittel der Gesamtkapazität von 6,9 Millionen Barrel.
In der Woche bis zum 10. Juli stieg der Wert sogar auf über 4 Millionen Barrel pro Tag. Das entspricht fast 60 Prozent.
Zwischen dem 1. März und dem 10. Juli nahm die Ukraine Anlagen mit einer Nennkapazität von insgesamt 5,6 Millionen Barrel pro Tag ins Visier. Mindestens zwölf Raffinerien wurden mehr als zweimal attackiert.
Besonders kritisch war der Treffer in der Raffinerie in Omsk am 6. Juli – nicht nur deshalb, weil sie mit rund 440.000 Barrel pro Tag die größte Raffinerie des Landes ist. Sie ist auch die, die von allen anvisierten Anlagen am weitesten von der Ukraine entfernt liegt.
Die Moskauer Raffinerie Kapotnja, die über ein Drittel des Kraftstoffbedarfs der Hauptstadtregion deckt, fiel nach dem dritten Treffer seit März komplett aus. Die Reparaturen ziehen sich hin, denn westliche Sanktionen blockieren den Nachschub an Katalysatoren, Steuerungssystemen und Spezialpumpen.
Die Folgen im russischen Alltag sind drastisch: Von Moskau bis Sibirien stehen Autofahrer stundenlang an leeren Zapfsäulen, Tankstellen rationieren den Verkauf, in manchen Regionen verlangen unabhängige Anbieter 50 Prozent über dem normalen Preisniveau.
Die Krise trifft längst auch Landwirtschaft, Logistik und öffentlichen Nahverkehr – und befeuert paradoxerweise die Nachfrage nach chinesischen Elektroautos.
Der ARA-Markt unter Druck
Die knapper werdenden Raffineriekapazitäten in Russland treffen Europa auf Umwegen, schließlich importiert die Europäische Union schon seit 2023 kein Diesel, Benzin, Bitumen oder andere Raffinerieprodukte aus Russland.
Der Mechanismus funktioniert so: Russlands bisherige Hauptabnehmer – die Türkei, Brasilien, Ägypten und mehrere afrikanische Staaten – müssen sich anderweitig versorgen. Viele wenden sich an die USA, deren Destillatexporte in der ersten Juliwoche mit 1,7 Millionen Barrel pro Tag einen saisonalen Rekordwert erreichten.
Die US-Lagerbestände sanken gleichzeitig um fast 5 Millionen Barrel auf rund 103,6 Millionen Barrel – etwa 7 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt.
Diese globale Umverteilung verknappt das Angebot am für Deutschland entscheidenden Handelsplatz Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen (ARA). Der physische ARA-Diesel-Crack kletterte am 13. Juli auf 70,3 Dollar pro Barrel, den höchsten Stand seit dem 23. März.
Im Mittelmeerraum lag der Platts-Referenzpreis bei 1149,25 Dollar pro Tonne – 34,50 Dollar über dem nordwesteuropäischen Niveau.
Europa importiert im Normalfall zusätzlich zur eigenen Produktion fast 1 Million Barrel Diesel pro Tag. Das knappere Angebot auf den Weltmärkten lässt natürlich die Preise steigen.
Verschlimmert wird die Situation aber noch durch den Krieg gegen den Iran, schließlich kamen bislang 27 Prozent der europäischen Importe aus dem Nahen Osten. Diese Mengen fehlen seit der faktischen Blockade der Straße von Hormus ebenfalls.
Doppelter Preistreiber: Hormus und Raffinerie-Krise
Der Iran-Krieg und die ukrainische Drohnenkampagne wirken als doppelter Preistreiber, allerdings auf unterschiedlichen Ebenen.
Die teilweise Sperrung der Straße von Hormus – Transitroute für rund ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs – drückt den Rohölbasispreis nach oben. Nach dem Bruch des Waffenstillstands am 7. und 8. Juli stieg Nordsee-Rohöl von rund 68 auf 77 Dollar pro Barrel.
Die russischen Raffinerieausfälle hingegen treiben gezielt die Preise für fertige Kraftstoffe: Diesel-Futures an der New Yorker Börse NYMEX sprangen am 8. Juli um 11,6 Prozent auf 154,71 Dollar pro Barrel – der größte Tageszuwachs seit März 2022.
Tom Kloza, Chef-Energieberater bei Gulf Oil, brachte es demnach auf den Punkt:
„Diesel ist das einzige Produkt, das jeder im Auge behalten muss. Die Lage war schon vor dem russischen Verbot angespannt, und jetzt haben wir eine sehr, sehr starke Konstellation für den mittleren Bereich des Ölpreises.“
Die Carnegie-Stiftung wies im April in einer Analyse allerdings auf ein Paradox hin: Trotz sinkender Exportmengen stiegen Russlands Öleinnahmen, weil der Preisanstieg die Verluste mehr als kompensierte. Die wöchentlichen Erlöse verdoppelten sich demnach gegenüber dem Februarniveau nahezu.
Ein nachhaltiger Schaden entsteht für Russland erst dann, so die Carnegie-Stiftung, wenn die Angriffe Russland zwingen, die Förderung dauerhaft zu drosseln.
Über 2 Euro pro Liter in Deutschland
Deutsche Autofahrer spüren die Verwerfungen an den Energiemärkten längst. Nach Daten des ADAC vom 16. Juli liegen die Kraftstoffpreise in allen Bundesländern deutlich über der Marke von 2 Euro pro Liter.
Super E10 kostete an dem Tag im günstigsten Bundesland, dem Saarland, 2,052 Euro, in Sachsen als teuerstem Land 2,097 Euro. Diesel liegt zwischen 2,080 Euro in Berlin und 2,126 Euro in Hessen.
Der ADAC hält das Niveau für „zu hoch“ und verweist darauf, dass der Rohölpreis die Aufschläge nicht vollständig rechtfertigt. Die Spanne zwischen teuerstem und günstigstem Bundesland fällt mit 4,5 bis 4,6 Cent eher gering aus, was ein Indiz dafür sein könnte, dass der Preisdruck vom Weltmarkt kommt und nicht von lokalen Faktoren.
Ob in absehbarer Zeit Entwarnung gegeben werden kann, hängt von zwei Unbekannten ab: Gelingt eine Deeskalation im Iran-Konflikt, könnten sich die Rohölmärkte entspannen. Die IEA rechnet für das Jahresende mit einem Angebotsüberschuss – sofern der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus wieder in Gang kommt.
Die Raffineriekrise in Russland dürfte dagegen länger anhalten. Solange westliche Sanktionen den Zugang zu Ersatzteilen blockieren und die Ukraine ihre Drohnenangriffe fortsetzen kann, bleibt Diesel weltweit knapp.