Berlin experimentiert mit ungewöhnlichen Bauformen. Doch die heutige Architektur unterscheidet sich von den spektakulären Gesten der 1990er Jahre. Acht aktuelle Neubauten zeigen, wie Formensprache, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Aufträge zusammenwachsen.
Gemeinschaftsschule Adlershof
Lion-Feuchtwanger-Strasse 61
Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark
Bundesamt für Strahlenschutz
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
In den letzten Jahrzehnten hat sich die architektonische Formensprache in Berlin grundlegend gewandelt. Die spektakulären Gesten der 1990er Jahre wurden überdacht, und die Architektur folgte einem neuen Motto: Form follows Function. Sie wurde pragmatischer und bodenständiger. Doch Berlin experimentiert weiter, allerdings in einem anderen Ausmaß als in der Vergangenheit.
Denn die aktuellen Neubauten sind nicht Selbstzweck. Sie verbinden sich mit räumlichen Funktionen, Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Aufträgen. Wellenfassaden werden zu Kommunikationsräumen und Y-Formen ermöglichen flexible Grundrisse. Die folgenden acht Projekte dokumentieren diese neue Haltung: Architektur braucht nicht zwischen Experiment und Pragmatismus zu wählen. Beides verstärkt sich gegenseitig.
Schulcampus der Gemeinschaftsschule Adlershof: Compartments als Schullandschaft
Runde Öffnungen bringen Licht in die tiefer liegenden Bereiche der Schule in Adlershof. / © Foto: HOWOGE / Benjamin Pritzkuleit
Der Schulneubau in Adlershof folgt dem Prinzip der „gebauten Landschaft“. Statt klassischer Flurschule setzen die Architekten von AFF auf zwölf separate Schulhäuser. Diese sind wie Pavillons in einer Landschaft verteilt. Die zwei bis drei Geschosse hohen Compartments wechseln sich mit Freibereichen ab. Dadurch entsteht eine organische, aufgelockerte Komposition.
Ein mächtiger Sockelbau trägt die gemeinschaftlichen Funktionen. Darauf erhebt sich ein zu bespielendes Plateau. Eine Brückenkonstruktion mit runden Öffnungen durchzieht das Gelände. Sie schafft Sichtbeziehungen und natürliche Belichtung. Freitreppen verbinden die Compartments mit dem Schulhof. Die Fragmentierung wird so zur gestalterischen Strategie.
Zugang des Deutschen Technikmuseums in Kreuzberg: Brückenstruktur mit ausgebreiteten Armen
So soll das neue Eingangsgebäude des Deutschen Technikmuseums aussehen. / © Visualisierung: querkraft architekten zt GmbH
Das neue Eingangsgebäude des Deutschen Technikmuseums folgt einer ungewöhnlichen Komposition aus drei Armen, die wie eine einladende Geste wirken sollen. Zwei parallele Arme bilden eine raumhaltige Brücke und verbinden den kaiserzeitlichen Altbau mit dem Museumshaupthaus, während ein dritter Arm die rückwärtigen Bestandsgebäude integriert. Die Architektur von querkraft architekten nutzt diese Struktur somit als räumliche Geste der Vermittlung.
Auch die Materialität unterstützt diesen Eindruck: Stahl und großflächiges Glas lassen das Gebäude transparent und leicht wirken. Im Inneren entsteht ein großzügiges Foyer mit freistehenden Treppenelementen, und ein öffentlich zugänglicher Dachpark öffnet das Museum zur Stadt.
Wohnbau an der Lion-Feuchtwanger-Strasse in Kaulsdorf: Serielle Fertigung und Wellenfassade
Die Wellenfassade des Wohnkomplexes „Lion Feuchtwanger 61“ mit gestaffelten Laubengängen und filigranen Edelstahlgittern wurde für den DAM Preis 2027 nominiert. Das Projekt von FAR frohn&rojas sorgte in der Vergangenheit für rege Diskussionen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Der Wohnkomplex „Lion Feuchtwanger 61“ in der Großwohnsiedlung Kaulsdorf-Nord demonstriert eine radikale Konsequenz bei der seriellen Fertigung. Aus rund 1.900 Betonfertigteilen auf einem 1,25-Meter-Raster entstand ein Skelettbau mit 124 Wohnungen in zwei sechsgeschossigen Riegeln. Der Abstand zwischen ihnen entspricht dabei exakt der Breite einer Berliner Gründerzeit-Straße und setzt damit eine bewusste städtebauliche Referenz.
Die Formensprache spaltet sich jedoch in zwei Gesichter: Während sich die Anlage zur Straße mit einer ruhigen, rasterhaften Fassade zeigt, entfaltet sich zum Innenhof eine skulpturale Wellenbewegung. Logenartige Ausweitungen der Laubengänge liegen vor jeder Wohnung, und filigrane Edelstahlgitter verstärken die Dynamik. Weil die sichtbare Konstruktion aus Ingenieur-Beton ihre Fugen offen zeigt, wird zudem ablesbar, wie das Gebäude entstanden ist.
Neubau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks im Prenzlauer Berg: Inklusion als räumliche Gestalt
Die Visualisierung zeigt die geplante Außenansicht des Jahnsportpark Neubaus mit umlaufender Fassade, Beleuchtung und öffentlichem Platz vor dem Stadion. / © Visualisierung: O+M Architekten GmbH
Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark wird gegenwärtig umgestaltet. Er folgt einer neuen räumlichen Leitidee. Das Große Stadion wird von innen wie von außen als Oval erlebbar, denn diese geometrische Form steht für Offenheit: Die Ellipse ermöglicht uneingeschränkte Sichtlinien und eine barrierefreie Zirkulation.
Über das alte Stahlbeton-Skelett spannt sich ein neues Holzdach, das eine zusätzliche räumliche Schicht schafft. Begrünte Terrassen vertiefen die Ablesbarkeit des Ortes, während die Bestandsfassade als identitätsstiftendes Element erhalten bleibt. Die Architektur nutzt Geometrie somit als räumliche Aussage.
Hotelneubau in Friedrichshain: Verwinkelte Holzfassade an der Spree
Die Villa Viva am Holzmarkt in Berlin ist ein innovativer Hotel-Neubau am Spreeufer mit sozialem Konzept und öffentlicher Nutzung. / © Foto: Pätzold Architekten
Am Spreeufer folgt der Hotelneubau „Villa Vida“ einer Leitmetapher: der Weintraube mit ihren vielen Beeren an verzweigten Rispen. Diese Idee prägt die gesamte räumliche Komposition, denn die versetzt angeordneten Baukörper und die horizontale Gliederung der Holzfassade verleihen dem achtgeschossigen Gebäude ein dynamisches, unkonventionelles Aussehen.
Große Fensterflächen durchbrechen die Holzstruktur und betonen Transparenz, während das Material Holz eine warme, organische Ausstrahlung schafft. Durch die Versetzungen wirkt das Gebäude zudem aus jedem Blickwinkel anders.
Jüdisches Gemeindezentrum am Fraenkelufer: Positiv-Negativ-Struktur aus Ziegelstein
Das Jüdische Kultur- und Gemeindezentrum am Fraenkelufer in Kreuzberg, entsteht auf dem Gelände der zerstörten Synagoge. / © Visualisierung: Staab Architekten
Auf dem Gelände der 1938 zerstörten Synagoge am Fraenkelufer entsteht bis 2029 ein Jüdisches Kultur- und Gemeindezentrum nach Entwürfen von Staab Architekten. Das Zentrum folgt einer besonderen Kompositionsstrategie. Statt den Blockrand durch Lückenschluss zu schließen, werden die Abstände zu den Nachbargebäuden bewusst als Freiräume gestaltet, wodurch eine „Positiv-Negativ-Struktur“ entsteht.
Das Ensemble besteht aus drei unterschiedlich dimensionierten Ziegelbaukörpern: Ein fünfgeschossiger Gemeindesaal mit geschwungenem Dachabschluss und Rundfenstern markiert die Adresse, ein niedriger Empfangsbau lädt niedrigschwellig ein, und Kita sowie Zusatzräume bilden die dritte Komponente. Eine einheitliche Ziegelfassade verbindet die Körper, während innen Kappendecken und ein Zollinger-Dachtragwerk den Raum prägen. Ziegel wird hier also zum Material der Kontinuität.
Verwaltungsneubau Karlshorst: Y-Form zur Erhaltung des Baumbestands
Am Standort Berlin-Karlshorst wurde ein Neubau für das Bundesamt für Strahlenschutz fertiggestellt und übergeben. / © Foto: BImA
In Karlshorst wurde 2026 ein neuer Verwaltungsneubau des Bundesamts für Strahlenschutz fertiggestellt, der ein baufälliges Hochhaus aus den 1970er-Jahren ersetzt. Der Neubau hat einem Y-förmigen Grundriss, der sich aus funktionalen Anforderungen und dem Kontext des Ortes ergab. Die formale Raffinesse liegt dabei in den konvex ausgebildeten Fassaden, denn sie ermöglichten den vollständigen Erhalt des wertvollen Baumbestandes.
Zugleich verleiht die stromlinienförmige Fassade dem Gebäude Dynamik. Im Zentrum sorgt ein großzügiges Atrium für Belichtung bis in die tieferen Bereiche, während die unterschiedlich tiefgestaffelten Flügel einen rhythmischen Fassadeneindruck erzeugen. Die Y-Form wird so zur räumlichen Strategie der Flexibilität.
Neubau des „Ocean Berlin“ in Lichtenberg: Moderne Skulptur am Wasser
So soll das „Ocean Berlin“ in Lichtenberg aussehen, wenn es fertig ist. / © Foto: Ozean Berlin (CWB) GmbH
An der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg entsteht aktuell das Großaquarium „Ocean Berlin“ mit integriertem Hotel, das sich als moderne, vom Guggenheim Museum inspirierte Skulptur darstellt. Das Projekt mit einem Investitionsvolumen von etwa 90 Millionen Euro umfasst ein Hauptbecken mit 7,5 Millionen Litern Wasser, verschiedene Themenbereiche mit unterschiedlich großen Becken, ein 360-Grad-Kuppelkino und ein Hotel mit 169 Doppelzimmern.
Der Neubau präsentiert sich als geschlossene Skulptur, deren klare Kubatur das Umfeld bereits jetzt prägt. Die Geschlossenheit des Baukörpers unterstreicht dabei die Funktion, denn die Tierwelt im Inneren benötigt kontrollierte Lichtverhältnisse und damit eine schützende Hülle. Das monumentale Volumen erzeugt zugleich eine starke räumliche Präsenz am Wasser.
Quellen: BauNetz, DBZ Deutsche BauZeitschrift, AFF, HOWOGE, O+M Architekten, Staab Architekten, hks Architekten, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung







