Warum bist du so lange in Kyjiw geblieben, Michael? Du bist doch nur für zwei Wochen hierhergekommen.

Ich mache immer den Witz, dass jeder, der nach Kyjiw kommt und zwei Wochen hier verbringt, nie wieder weg will. Es ist wirklich eine wunderbare Stadt. Die Menschen sind unglaublich – wegen ihrer, wie heißt dieses schicke Wort noch, Resilienz.

Erst gestern wurde ein Gebäude getroffen, ganz in der Nähe. Podil hatten sie vorher nie angegriffen, das ist etwa hundert Meter von hier entfernt, wo wir jetzt sitzen. In einem Umkreis von ungefähr einem Häuserblock gibt es Wohnungen und Gebäude ohne Fenster, überall liegt Glas. Und trotzdem – das war gestern, Sonntag, der letzte Luftalarm endete gegen acht Uhr morgens. Ich war gegen Mittag dort, und da waren mindestens hundert Leute. Überall standen Zelte und große Maschinen, und die Menschen räumten einfach das Glas von den Gehwegen. Die Cafés, deren Fenster komplett zerstört waren, machten trotzdem Cappuccino für die Leute. Deshalb bin ich hier geblieben.

Jeder, den ich kenne, arbeitet zwölf Stunden am Tag. Das ist die normale Schicht. In diesem Café, in diesem Hotel – zwölf Stunden. Man arbeitet von acht bis acht. Danach muss man noch aufräumen. Und dann muss man vor halb elf in die Metro kommen, weil die Ausgangssperre um Mitternacht beginnt.

Und irgendwo dazwischen schaffen es all diese Menschen auch noch, DJ zu sein oder Dichter oder Modedesigner. Wirklich jeder, der das hier liest, muss nach Kyjiw kommen. Ihr müsst das erleben, dann werdet ihr verstehen. Dann müsst ihr nicht einmal mehr an Menschenrechte oder all diese anderen Dinge glauben. Ihr wollt einfach nur irgendein Stock nehmen und an die Front gehen, denn diese Menschen haben das verdient.

Ich möchte glauben und hoffen, dass wir genauso wären, wenn – Gott bewahre – Kanada jemals angegriffen würde. Dass wir uns genauso zusammenschließen würden. Dass wir genauso durchhalten würden.

Ich kann es wirklich nicht richtig beschreiben. Aber jede einzelne Person, die ich kennengelernt habe – und ich mag Menschen, ich lerne gern Menschen kennen –, ob Ausländer oder Ukrainer, ist sich in einem Punkt einig: Wir werden diesen Krieg gewinnen. Er wird vorbei sein. Wir werden wieder aufbauen. Vielleicht werden wir sogar besser sein als vorher.

Ich wusste vorher überhaupt nicht, was mich hier erwarten würde. Dachte ich, man würde hier nur Borschtsch und Kartoffeln bekommen? Nein. Ich habe hier einige der besten Mahlzeiten meines Lebens gegessen. Es gibt Musik und Clubs und den besten Techno-Club der Welt. Zwei meiner Freunde, die Resident-DJs im Berghain in Berlin waren, sind nach Kyjiw gezogen und zwei andere kommen alle sechs Wochen. Sie sagen, dass dieser Techno-Club K41 der beste reine Techno-Club der Welt ist.

Das hier ist Europa. Die Franzosen müssen sagen: „Verdammt, sie greifen Paris an.“ Die Deutschen müssen sagen: „Nein, verdammt, sie greifen Berlin an.“ Die Tschechen müssen sagen: „Nein, sie greifen Prag an“. Denn genau das ist es.