Bielefeld/Versmold/Halle. Was tun, wenn man einen Menschen getötet hat? Vor dieser Frage stehen Krimifans in der Regel nur hypothetisch. Doch Baran M. (alle Namen geändert) aus Halle hat dieses Problem im Herbst 2011 ganz real. Mit einer Pistole tötet er einen seiner ältesten Freunde – per Kopfschuss. Der 36-jährige Mann aus Halle will die Leiche verschwinden lassen. Ein Kumpel weigert sich, ihm zu helfen. Also kauft sich der Täter kurzerhand eine Tiefkühltruhe.
Seine Notlösung scheint zu funktionieren. Zwei Wochen vergehen und niemand in dem Mehrfamilienhaus an der Kleinen Howe im Bielefelder Osten bemerkt, dass in einem der Kellerräume neuerdings eine Tiefkühltruhe mit höchst brisantem Inhalt steht. Erfahrene Mordermittler wissen, dass die Chance, den Täter schnell zu schnappen, mit jedem weiteren Tag sinkt. Doch am 13. Oktober 2011 taucht plötzlich das SEK vor M. an der Oststraße auf. Die schwer bewaffneten Festnahme-Experten der Polizei überwältigen den 36-Jährigen und führen ihn ab. Nur wenige Stunden später gesteht M. die Tat – jedoch ohne Details preiszugeben.
Um diesen ungewöhnlichen Fall dreht sich die neueste Folge von „OstwestFälle“, dem True-Crime-Podcast der Neuen Westfälischen. Moderatorin Birgitt Gottwald spricht mit dem Bielefelder NW-Redakteur Jens Reichenbach über die grausame Tat, die offenbar nicht seltene Idee, Mordopfer in einer Tiefkühltruhe zu lagern, und über eine spannende Wendung im späteren Prozess.
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OstwestFälle
Wöchentlich spannende Einblicke in True Crime Fälle aus OWL.
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Leiche in der Tiefkühltruhe: Der Fall im Überblick
- Ein Streit um Schulden unter Freunden eskaliert und endet für Emir A. mit einem Schuss in den Hinterkopf.
- Täter Baran M. vertuscht die Tat mit dem Kauf einer Tiefkühltruhe, in der er die Leiche verschwinden lässt.
- Ein anonymer Hinweis führt die Ermittler im Herbst 2011 zum Täter. Das SEK nimmt ihn am 13. Oktober fest.
- Die Kripo findet die tiefgekühlte Leiche später im Keller der Freundin in Bielefeld – neben der Tatwaffe.
- Das Urteil: Totschlag im minderschweren Fall. Der Täter wird zu sieben Jahren Haft verurteilt.
Mehr zum Fall: Sieben Jahre Haft für Schuss in den Hinterkopf
Einen Schuss hört niemand im Haus. Auch scheint niemand Emir A. (32) aus Versmold zu vermissen. Wie kommen die SEK-Polizisten also auf die Spur des Täters? Es ist ein banaler anonymer Hinweis, der bei der Kripo eingeht. „So setzt man sich auf die Fersen eines Mannes, ohne zu wissen, was und wie er es getan hat“, erklärt Reichenbach im Podcast. Nach intensiven Ermittlungen und Überwachungsmaßnahmen bereiten die Ermittler schließlich den Zugriff vor – obwohl von der Leiche weiterhin jede Spur fehlt.
Auch die Festnahme und das Geständnis ändern nichts daran. So rücken die Mordermittler im Umfeld von Baran M. aus und durchsuchen auch die Wohnung seiner Freundin an der Kleinen Howe. In der Kellerparzelle wird der Spürhund der Kripo fündig. Hinter der Stahltür findet die Polizei in einer 1,50 Meter langen Tiefkühltruhe einen gefrorenen männlichen Leichnam, dessen Kopf in einer Tüte steckt – daneben eine Pistole.
Tiefkühltruhe stellt Ermittler vor Herausforderungen
„Als ich am Einsatzort ankam, habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, was das für komplexe Probleme für die Kripo nach sich zieht“, berichtet der NW-Redakteur. Erstens ist der Leichnam vollständig tiefgefroren und lässt sich nicht ohne Schäden möglicher Spuren entnehmen. Zweitens ist die Tiefkühltruhe in dem engen Keller nur schwer zu bewegen. Die komplette Truhe wird daher abtransportiert. Drei Tage dauert es, bis der Körper aufgetaut ist und obduziert werden kann.
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Hinter dieser Stahltür in einem Bielefelder Mehrfamilienhaus stand die bei Ebay erworbene Tiefkühltruhe mit Leiche und Mordwaffe.
| © Sarah Jonek
Die Rechtsmedizin bestätigt die bereits bestehende Vermutung: Es handelt sich um den 32-jährigen Emir A. aus Versmold. Er starb infolge eines Kopfschusses an Herz-Kreislauf-Versagen. Das Projektil steckt noch im Schädel. Die Pistole wird als Tatwaffe identifiziert. Später datiert das Gericht den Todeszeitpunkt auf den 30. September 2011, etwa zwei Wochen vor dem Fund. Baran M. landet wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Doch wer hat ihn eigentlich verpfiffen?
Freund taucht unter und sorgt indirekt für Festnahme
Baran M. fährt nach der Tat zu einem Bekannten in Rheda-Wiedenbrück. Er soll ihm helfen, die Leiche verschwinden zu lassen. Doch der sagt M. nicht nur ab, sondern taucht sofort in der Türkei unter. Von dort aus soll er Bekannten aus OWL sein Erlebnis mit dem 36-Jährigen offenbart haben. Über diesen Umweg gelangt ein anonymer Hinweis an die Bielefelder Polizei.
Im späteren Gerichtsverfahren stellt sich heraus, dass sich der Iraner Baran M. und der Türke Emir A. schon seit 1993 kannten, früher enge Freunde waren – „fast eine Kinderfreundschaft“, so Reichenbach. Beide gelten als polizeibekannt, sind wegen Schlägereien und Drogengeschäften bereits aufgefallen. Zuletzt sind sie immer wieder gemeinsam in einem Haller Restaurant aufgetaucht.
Nach einem schweren Autounfall ändert sich jedoch laut Baran M. das Wesen von A. Seitdem sei der Versmolder sehr aufbrausend, impulsiv und aggressiv, gilt als unberechenbar und gerät mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt, wird sogar wegen versuchten Totschlags an einer Prostituierten zur Bewährungsstrafe verurteilt. In den letzten Monaten ist die Freundschaft zusätzlich durch einen Streit schwer belastet. Es geht um Schulden.
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20.000 Euro Schulden, Drohungen und Gewalt
Baran M. leiht sich 2003 bei A. 14.000 Euro. Gegen die Absprache zahlt er das Geld aber nicht nach sechs Wochen zurück. Emir A. fordert inzwischen 20.000 Euro inklusive Zinsen in Höhe von 6.000 Euro. Bis 2011 konnte M. nur die Hälfte der Summe zurückzahlen.
Der Täter macht in seinem ausführlichen Geständnis vor Gericht deutlich, dass A. die Schulden seines Freundes zum Anlass nahm, ihn jederzeit als Fahrer einzufordern. Er hat ihn geschlagen und gedemütigt, berichtet der Angeklagte. Als Emir A. selbst in Geldnot gerät, eskaliert der Druck. Zuletzt hat M. regelrecht Angst vor dem körperlich deutlich überlegenen Mann.
Aus diesem Grund besorgt er sich die Schusswaffe. Um die Schulden abzuzahlen, bietet Baran M. Drogen an. Die beiden treffen sich in der Kellerparzelle der Freundin. Dort kommt es zum Streit. Emir A. rastet aus, schlägt und tritt Baran M. – so weit seine Schilderungen.
Streit unter „Freunden“ eskaliert tödlich
In diesem Moment zückt Baran M. seine Pistole, schießt aber noch nicht, möchte den wütenden Freund damit nur aus dem Keller vertreiben. Erst geht der Versmolder zur Tür, kehrt jedoch wieder um und bedroht M. und seine Familie. Diese Bedrohungen bringen nach Ansicht des Gerichts „das Fass zum Überlaufen“. Baran M. schießt Emir A. einmal in den Hinterkopf. Der 32-Jährige ist sofort tot.
Nachdem sein Kumpel jede Hilfe beim Beseitigen des Leichnams verweigert, befindet Baran M. sich in einer unangenehmen Situation. Also kauft er bei Ebay eine Tiefkühltruhe in Löhne-Gohfeld. Mit dem Pferdeanhänger eines Bekannten holt er die Truhe ab, schafft sie in die Kellerparzelle und lässt den Toten in dem Tiefkühlgerät verschwinden.
Und doch ist das Vorgehen nicht neu. In OWL sind mehrere Fälle bekannt, in denen Opfer monate- oder jahrelang in Truhen lagerten. „Ich erinnere an den Fall, wo ein Menschenhändler in Spenge eine Prostituierte in einer Tiefkühltruhe lagerte“, sagt der Blaulicht-Reporter. Die Täter stoppen damit den Verwesungsprozess. Die Leiche verschwindet dadurch aber nicht.
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Baran M. wurde 2012 wegen Mordes angeklagt, aber nur zu sieben Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Seine Verteidiger Peter Wüller (l.) und Detlev Binder sahen keine Anhaltspunkte für Mordmerkmale.
| © Archivfoto: Wolfgang Rudolf
Mord aus Heimtücke oder Affekt?
Zum Prozessbeginn am 11. April 2012 geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass M. seinem Freund in diesem Keller eine Falle gestellt hat – um mit einem Schuss seine Schulden loszuwerden. Deshalb lautet die Anklage zunächst Mord aus Heimtücke und Habgier. Nach dem umfassenden Geständnis des Angeklagten ließ sich die Hypothese jedoch nicht beweisen.
Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Bielefeld rückt aufgrund der Vorgeschichte von Bedrohungen und Misshandlungen vom Mordvorwurf ab. Emir A. sei zum Tatzeitpunkt weder wehr- noch arglos gewesen. Er hatte die Waffe ja zuvor gesehen. Baran M. wird im Mai 2012 zu sieben Jahren Haft wegen Totschlags in einem minderschweren Fall verurteilt.
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