
AUDIO: Debatte um Leihmutterschaft und Legalisierung in Deutschland (4 Min)
Debatte
Stand: 21.07.2026 17:42 Uhr
CDU-Politiker Jens Spahn und sein Mann haben durch eine Leihmutter in den USA ein Kind bekommen. Damit umgingen die beiden ein in Deutschland geltendes Verbot, das Spahn als CDU-Politiker mitgetragen hat. Die Vorsitzende des Bundesverbands Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Inés Brock-Harder, warnt nun vor psychischen Folgen und sieht Kinderrechte missachtet – etwa beim Recht auf Herkunft und Bindung.

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MDR AKTUELL: Können Sie die Diskussion rund um Leihmutterschaft und die Art, wie sie geführt wird, verstehen?
Dr. Inés Brock-Harder: Die Diskussion ist sicherlich gut und wichtig. Entscheidend ist aber, in welche Richtung sie geht. Wir sollten nicht anfangen, das deutsche Recht auszuhebeln.
Was ist Leihmutterschaft?
Bei einer Leihmutterschaft trägt eine Frau ein Kind für andere Menschen aus. Nach der Geburt soll das Kind bei den sogenannten Wunscheltern aufwachsen. Medizinisch gibt es verschiedene Formen: Bei der traditionellen Leihmutterschaft stammt die Eizelle von der austragenden Frau selbst. Sie ist damit auch die genetische Mutter des Kindes. Bei der gestationellen Leihmutterschaft wird der austragenden Frau ein zuvor außerhalb des Körpers erzeugter Embryo eingesetzt. Sie trägt das Kind aus, ist aber nicht die genetische Mutter.
In Deutschland stützt sich das Verbot der Leihmutterschaft unter anderem auf das Embryonenschutzgesetz. Ist das aus Ihrer Sicht als Psychologin – nicht als Juristin – nachvollziehbar?
Ja. Letztlich ist Leihmutterschaft aus meiner Sicht eine Missachtung von Kinderrechten: des Rechts auf Kenntnis der eigenen Abstammung und des Rechts auf Bindung zu der Mutter, die das Kind austrägt. All das wird missachtet und kann mittelfristig zu psychologischen Verwirrungen führen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Kindern gemacht, die von einer Leihmutter geboren und anschließend von ihr getrennt wurden?
Oft wird das gar nicht offen kommuniziert, weil Leihmutterschaft in Deutschland nach wie vor verboten ist – auch wenn sie im Ausland in Anspruch genommen wurde. Dadurch entsteht häufig ein Familiengeheimnis, und das Kind erfährt nichts über seine Herkunft. Das Wissen um die eigene Abstammung ist aber zentral für die Identitätsentwicklung.
Welche Formen von Leihmutterschaft gibt es?
Bei der altruistischen Leihmutterschaft erhält die Leihmutter keine Vergütung dafür, dass sie das Kind austrägt. In vielen Ländern dürfen ihr aber bestimmte Kosten erstattet werden, etwa medizinische Ausgaben, Fahrtkosten oder Verdienstausfall.
Bei der kommerziellen Leihmutterschaft bekommt die Leihmutter zusätzlich eine finanzielle Vergütung. Kritikerinnen und Kritiker sehen darin ein besonderes Risiko für Ausbeutung, vor allem wenn Frauen aus finanzieller Not handeln.
Die Bindung zwischen Mutter und Kind beginnt bereits während der Schwangerschaft – die sogenannte pränatale Bindung. Was passiert nach der Geburt, wenn diese Bindung plötzlich abbricht?
Während der Schwangerschaft entsteht häufig eine Bindungskühle, weil die austragende Mutter versucht, keine enge Beziehung zu dem Kind aufzubauen und nicht mit ihm zu kommunizieren. Das Kind spürt diese Distanz. Nach der Geburt kommt dann das Trennungstrauma hinzu: Der vertraute Ort, die Stimme, der Geruch – all das, was das Kind nach der Geburt erwartet, ist plötzlich nicht mehr da. Dieses Trennungstrauma trägt das Kind nach meiner Auffassung ein Leben lang mit sich.
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Queere Eltern – Der lange Weg zum Kind (29 Min)
Viele Wunscheltern geben ihren Kindern besonders viel Liebe. Kann das die fehlende Bindung zur austragenden Mutter ausgleichen?
Menschen haben viele Möglichkeiten, Traumata zu bewältigen. Ich möchte überhaupt nicht infrage stellen, dass liebevolle Eltern ihre Kinder heilsam begleiten können. Entscheidend ist aber, dass das Kind um seine Herkunft weiß, dass offen darüber gesprochen wird und keine Familienverstrickungen entstehen. Gerade bei der sogenannten altruistischen Leihmutterschaft besteht die Gefahr, dass diese Grundsätze ausgehöhlt werden. Das haben wir in anderen Ländern bereits gesehen.
Wo ist Leihmutterschaft erlaubt?
In Deutschland sind die ärztliche Durchführung einer Leihmutterschaft sowie die Vermittlung von Leihmutterschaften strafbar. Die Wunscheltern selbst machen sich nach Angaben des Auswärtigen Amts nicht strafbar. Die Rechtslage im Ausland ist sehr unterschiedlich. Altruistische Modelle sind zum Beispiel in Großbritannien, Kanada und Griechenland unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Kommerzielle Leihmutterschaft ist unter anderem in einigen US-Bundesstaaten wie Kalifornien sowie in Ländern wie der Ukraine und Georgien möglich. Je nach Land gelten aber unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen und Einschränkungen, etwa zu Familienstand, Staatsangehörigkeit oder Elternschaft.
Sie haben gesagt, Kinder hätten ein Recht darauf, ihre biologische Herkunft zu kennen. Anonyme Samenspenden sind seit 2018 nicht mehr erlaubt. Warum ist dieses Wissen so wichtig?
Herkunftssicherheit trägt wesentlich zur Identitätsentwicklung bei. Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“ und „Wo liegen meine Wurzeln?“ gehören dazu. Auch Ähnlichkeiten im Aussehen oder in den Eigenschaften spielen eine Rolle. Menschen möchten sich in ihrer familiären Herkunft verorten können. Für diese Kinder ist das erschwert.
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Mutter unter Vertrag (75 Min)
Wie häufig möchten Kinder ihre Herkunft später aufklären? Wie ist das psychologisch zu bewerten?
Dazu gibt es leider noch sehr wenig Forschung, weil das Thema ein großes Dunkelfeld ist. Oft wird es erst sichtbar, wenn Kinder psychische Auffälligkeiten entwickeln. Dann fragen wir in der Anamnese nach ihrer Vorgeschichte und beziehen diese Erkenntnisse in die Behandlung ein.
Das Interview führte Stefan Rank.