Im April 2026 hat nach Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ ein Rechtsstreit um das Umgangsrecht für die Tochter begonnen. Zuvor war der Säugling in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) untersucht worden. Ein behandelnder Arzt äußerte den Verdacht, das Kind leide an den Folgen eines Schütteltraumas. Die Eltern widersprachen. Es folgten laut der Staatsanwaltschaft Hannover gegenseitige Strafanzeigen von beiden Seiten.

Die Tochter wurde nach mehrwöchiger Behandlung von ihren Eltern getrennt und in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade in Obhut genommen. Ein Familiengericht in Neustadt am Rübenberge ordnete Ende April an, dass Mutter und Kind wieder zusammengeführt werden. Mutter und Kind waren seit dem 26. Mai gemeinsam in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade untergebracht. Bei der Einrichtung handelt es sich um ein Mutter-Kind-Zentrum. Dort können werdende Mütter und junge Frauen mit Kind für begrenzte Zeit in voll- oder teilzeitbetreuten Wohngruppen leben.

In der Woche ab dem 22. Juni soll der 45-Jährige NDR Recherchen zufolge die Tatwaffe und Munition für 4.000 Euro auf dem Berliner Kurfürstendamm gekauft haben.

Drei Tage vor der Tat, also am 26. Juni, wandte sich eine 65-Jährige mit einem Schreiben an den NDR und weitere Medienhäuser. Die Frau bezeichnet sich selbst als Patentante des Kindes und soll am Tattag den 45-Jährigen zu dem Termin in der Jugendhilfeeinrichtung und im Anschluss das Fluchtauto gefahren haben. In dem Schreiben sprach die 65-Jährige mit Blick auf den Aufenthalt im Krankenhaus von „Widersprüchen, Ungereimtheiten und unzulänglichen Dokumentationen des medizinischen Personals“. Demnach habe das Kind die Verletzungen nicht durch Schütteln erlitten, sondern durch einen „unbeabsichtigten (…) kräftigen Zusammenstoß“ zwischen Stirn des Vaters und Kopf der Tochter im Bett, wo der Säugling mit den Eltern geschlafen habe.

Die Gewalttat in Stade ereignete sich schließlich am 29. Juni: Der 45-jährige Vater soll in der Jugendhilfeeinrichtung sechs Menschen erschossen haben. Er hatte einen Termin in der Jugendhilfeeinrichtung, um über sein Umgangsrecht mit der Tochter zu sprechen. Nach der mutmaßlichen Tat flüchtete der 45-Jährige in einem Auto. Am Steuer: die 65-jährige Frau. Noch am selben Tag wurde der 45-Jährige festgenommen.

Am 30. Juni erließ das Amtsgericht Stade einen Haftbefehl gegen den 45-Jährigen. Die Prüfung des Haftbefehlsantrags habe „entsprechende Zeit“ benötigt, weil das Verfahren wegen der Opferanzahl, Einsatzlage und Aufklärung der Abläufe und Hintergründe sehr umfangreich sei, hatte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft dem NDR Niedersachsen gesagt. Die Mutter und die 65-Jährige saßen nach der Tat in Polizeigewahrsam. Gegen sie erfolgten aber keine Haftbefehlsanträge. Es bestand laut Staatsanwaltschaft zu der Zeit kein dringender Tatverdacht.

Am Abend des 30. Juni fand in der St.-Wilhadi Kirche in Stade eine Andacht statt. Dabei hielt Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) eine Ansprache. „Das Böse darf niemals siegen“, sagte Lies. Einen Tag nach der Tat, am 01. Juli, wurde in der Marktkirche Hannover ebenfalls der Verstorbenen gedacht. Unter den sechs Getöteten waren drei Mitarbeitende der Region Hannover. Am 03. Juli wurde in Stade die für diesen Tag geplante Kulturveranstaltung „Lange Nacht“ zu einem „Abend der Begegnung“ und Andacht. Einen Tag später, am 04. Juli, fand eine interreligiöse Andacht in Garbsen (Region Hannover) statt. Die Teilnehmenden konnten sich in ein Kondolenzbuch eintragen und eine Kerze anzünden.

Am 02. Juli legte der SPD-Politiker Deniz Kurku im Fall Stade familiäre Verbindung offen. Bei der 65-Jährigen handle es sich um seine Schwiegermutter, hieß es in einer Stellungnahme des Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe

Die Stadt Hannover und die Stadt Lehrte (Region Hannover) zogen nach der Tat in Stade Konsequenzen. Am 06. Juli wurden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für Mitarbeitende im Jugendamt der Stadt Hannover vorgestellt. Am 15. Juli verkündete auch die Stadt Lehrte, dass Besucher des Jugendamtes künftig einen Termin brauchen.

Am Morgen des 21. Juli wurde der mutmaßliche Täter tot in seiner Zelle in der JVA Bremervörde gefunden. Ein Notarzt habe den Tod durch Strangulierung festgestellt, teilte das niedersächsische Justizministerium mit. Nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse handelt es sich um einen Suizid. Nach dem Tod des 45-Jährigen wird das Verfahren gegen den Mann eingestellt. Die Ermittlungen gegen die Fahrerin des Fluchtwagens und die Mutter gehen laut Staatsanwaltschaft zwar formal weiter. Es werde aber alles eingestellt, wenn sich herausstelle, dass der Mann der alleinige Täter war und keine Straftaten Dritter vorliegen, betonte die Staatsanwaltschaft.

Spurensicherung in Stade. Hier sind tödliche Schüsse in einer Jugendeinrichtung gefallen. Sechs Menschen starben.

Ein Mann soll sechs Menschen in einer Mutter-Kind-Einrichtung getötet haben. Der Fall ist komplex – hier finden Sie eine Einordnung.

Der Blick in einen Haftraum in der Justiz-Vollzugsanstalt (JVA) Bremervörde. (Archivbild)

Hinweise auf Fremdverschulden liegen offenbar nicht vor. Der 45-Jährige befand sich in der JVA Bremervörde in Untersuchungshaft.

Blumen und Kerzen liegen und stehen vor dem Gebäude einer Jugendeinrichtung.

Vor der Gewalttat in Stade war die Tochter des Verdächtigen laut NDR Recherchen im Krankenhaus. Ärzte vermuteten ein Schütteltrauma.

Person tippt auf ein Smartphone

Das soll Mitarbeitende und Besucher besser schützen. Der Bereich „Frühe Hilfen“ sowie Notfälle sind davon ausgenommen.

Am Tatort haben Anwohnerinnen und Anwohner Blumen niedergelegt.

Nach der Gewalttat werden nach und nach weitere Informationen zum mutmaßlichen Täter und Hintergründen bekannt. Ein Überblick.