Die Stadt lobt er in höchsten Tönen. Ihre Überschaubarkeit – der Mann ist gebürtiger Berliner -, ihre zweitausendjährige Geschichte, die Nähe zum Ammersee, wo sein geliebtes Paddelboot liegt. „Ich bin so froh, dass ich nach Augsburg gegangen bin.“ Das zielt in erster Linie auf seinen Wechsel ans Augsburger Theater im Jahr 2017, als er mit dem Intendanten André Bücker von Dessau an das hiesige Haus wechselte, welches kurze Zeit später zum Staatstheater erhoben wurde. Das ihm damals so erschienene „Abenteuer Augsburg“ hat sich für Gerald Fiedler als Entscheidung entpuppt, zu der er sich selbst beglückwünscht.

Was Gerald Fiedler zum Schluss noch gereizt hat

Jetzt aber ist Schluss. Zwar nicht mit Augsburg, wo er wohnen bleibt, wohl aber mit dem Mitgliedsstatus im Schauspiel-Ensemble: Zum Ende dieser Spielzeit tritt Fiedler in den Ruhestand. Willst du zum Abschied noch was Besonderes machen?, hat man ihn am Haus gefragt. Rasch schälte sich heraus, was ihn tatsächlich noch reizen würde: den Lear spielen. Shakespeares komplette Königstragödie ist es zwar nicht, mit der er Abschied nimmt, wohl aber trägt das zweimalige Fiedler-Solo den Titel „Und heute Abend König Lear“.

„Lear“, sagt der Schauspieler beim Treffen im Café, „ist auch so einer, der in Ruhestand geht.“ Understatement im leichten Schnodderton schwingt bei Fiedler immer mit – als ob Lear nicht zu den komplexesten Gestalten Shakespeares gehörte! Eine Figur, der man erst in reiferen Jahren sich nähert, eine der ganz großen Herausforderungen der Schauspielkunst. Fiedler hat den greisen König, der seine gute Tochter verbannt, von den beiden anderen, missratenen Töchtern jedoch selbst verstoßen wird, nie gespielt, kennt die Tragödie aber gut, zweimal schon war er auf der Bühne Gloucester, der mit Lear ein vergleichbares Schicksal teilt. „Und heute Abend König Lear“, von Fiedler selbst konzipiert, erzählt denn auch mit viel Humor und viel Musik von einem Schauspieler, der Lear spielen will, aber durch verschiedene Gegebenheiten daran gehindert wird, eine Geschichte, in die viel auch aus seiner eigenen Laufbahn miteingeflossen ist. Ob es dem Schauspieler am Ende gelingt, Lear auf die Bühne zu bringen, soll erst die Aufführung zutage bringen.

Als Gerald Fiedler einmal seinen Text vergaß

Schaffen oder nicht schaffen: Wenn er noch einmal die Rollen seiner Theaterlaufbahn Revue passieren lässt, gibt es da eine, an der er gescheitert ist? Fiedler blickt in den Raum, überlegt lange. „Nö“, sagt er, „richtig gescheitert kann ich von keiner Rolle sagen.“ Das Gespräch dreht sich schon um Anderes, da kommt er nochmal mit einem „Aaah!“ zurück. Gerhart Hauptmann, „Der Biberpelz“, in den Anfangsjahren in Frankfurt an der Oder. Er musste einspringen als Dr. Fleischer, eine Reihe ungünstiger Faktoren verwirrten ihn, „auf einmal war der Text weg“. Die Souffleuse tat ihr Möglichstes, Fiedler aber war buchstäblich von der Rolle, musste improvisieren, erst nach langen, bangen Minuten kam ihm der Text wieder in den Sinn. „Damals bin ich wirklich gescheitert.“

Gegenfrage, wo fand er sich selbst auf der Bühne richtig gut? Wieder überlegt er. Salieri, sagt er dann, Mozarts Kontrahent im Stück „Amadeus“, eine Inszenierung am Dessauer Theater. Salieri, wie er – und damit beschreibt Fiedler sich, den Salieri-Darsteller – Mozart für sein Können bewundert, aber aus genau diesem Grund gegen ihn intrigiert: „Da war ich, glaub’ ich, richtig gut.“

Karriere mit anfänglichen Umwegen

Der Weg zur Bühne war anfangs holprig. Im DDR-Schulsystem ist der Berufswunsch Schauspieler nicht gerade das, was Förderung nach sich ziehen würde, also versucht sich Fiedler zunächst als Elektronikfacharbeiter. Doch im volkseigenen Betrieb gibt es ein Arbeitertheater, Stück für Stück tastet Fiedler sich heran an die Schauspielmaterie, bis er an der Ernst-Busch-Hochschule die Aufnahmeprüfung besteht. Hernach läuft es erst mal einige Jahre rund mit der Karriere, Frankfurt/Oder, Weimar. Am Schillertheater in Berlin aber erlebt er Grüppchenbildung und unklare Leitungsverhältnisse. Nach Schließung des Hauses 1993 arbeitet er frei, übernimmt Regiearbeiten, wechselt wieder in ein Ensemble, erst Magdeburg, danach Dessau, von wo aus es dann zur letzten Station, nach Augsburg geht. Hier hat er Marken auf der Bühne gesetzt, als Caliban im „Sturm“ etwa oder als alter Peer Gynt.

Jetzt in ein paar Tagen „volle Pulle Ruhestand“, darauf, sagt Fiedler, „habe ich keine Lust“. Und so wird man ihn, auch in der kommenden Spielzeit sehen, in Übernahmen wie „Der Sohn“ oder „Mord im Orientexpress“, dann jedoch als Gest am Staatstheater. „Und sollten die“, schnoddert er noch einmal herzhaft direkt, „für ein neues Stück mal einen alten Sack brauchen, mache ich das gern.“

Und heute Abend König Lear“ läuft am 23. und 24. Juli jeweils um 19.30 Uhr in der Brechtbühne. Karten: staatstheater-augsburg.de.