Alexander Dobrindt kommt mitunter etwas zu spät zu Terminen. Aber mitunter bleibt er dann auch etwas länger als angekündigt, um wirklich jede politische Frage zu beantworten, die ihm gestellt wird. Wenn es um Politik geht, ist der 56-Jährige auch nachts nach einem langen Klausurtag hellwach. So geschehen zu Jahresbeginn in Seeon. Das Wort „Vollblutpolitiker“ klingt zwar abgedroschen, aber zur Charakterisierung von Dobrindt passt es nun mal, da würden selbst seine politischen Gegner nicht widersprechen.
Ein Novum in der Geschichte von CDU und CSU
Seit ein paar Tagen ist der CSU-Politiker als möglicher neuer Unionsfraktionsvorsitzender im Gespräch. Das ist ein Novum – und sagt einiges über Dobrindt selbst und die aktuellen Verhältnisse in Berlin. Der Oberbayer, der in den vergangenen 24 Jahren recht unterschiedliche Ämter übernommen hat, hat es als Bundesinnenminister endlich geschafft, im Ranking der beliebtesten Politiker auf einen Platz im oberen Mittelfeld zu kommen. Das spricht auf jeden Fall für ihn, aber nicht unbedingt für die anderen.
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Der Name Dobrindt steht für die umstrittene Maut
In seiner Zeit als Bundesverkehrsminister von 2013 bis 2017 wäre ihm ein solcher Erfolg wohl nicht einmal innerhalb Bayerns geglückt. Sein Name stand – neben Andreas Scheuer – lange Zeit für den Mautmurks, den die CSU durchdrücken wollte. Doch das focht Dobrindt nicht an. Er hielt es offensichtlich für seine persönliche Pflicht, dieses umstrittene Projekt entgegen aller Warnungen voranzutreiben – koste es, was es wolle. Ebenso wie er es für seine Pflicht hielt, als CSU-Generalsekretär von 2009 bis 2013 kräftig gegen alle auszuteilen, die kein C im Parteinamen haben.
Die Migrationswende kommt besser an
Als Bundesinnenminister hat er sich unter anderem die Migrationswende zur Pflichtaufgabe gemacht. Das kommt immerhin bei einer Mehrheit der Bevölkerung besser an als die Maut. Doch selbst wenn das nicht so wäre, ist davon auszugehen, dass sich der CSU-Politiker davon nicht beirren ließe. Offensichtlich arbeitet er das ab, was von ihm verlangt wird. Mit Wohlwollen betrachtet ist ihm das jeweilige Amt wichtiger als seine persönliche Anerkennung. Doch welcher Mensch steckt in diesem politischen Chamäleon, das anscheinend in jeder Rolle aufgeht?
Der Bundesinnenminister ist Soziologe
Das ist über ihn bekannt: Alexander Dobrindt vertritt als CSU-Bundestagsabgeordneter den Wahlkreis Weilheim. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Sein Privatleben hält er weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Studiert hat er Soziologie, er ist also kein Jurist, was aber in seinem Fall – anders als bei seinem CSU-Vorgänger Horst Seehofer im Bundesinnenministerium – bislang nicht beanstandet wurde. Das führt direkt zur politischen Seite von Dobrindt.
Der CSU-Politiker gilt als Aktenfresser
Im Kabinett des Bundeskanzlers Friedrich Merz gilt er als vergleichsweise erfolgreich. Das hat einen Grund, der weniger trivial ist, als es klingt. Alexander Dobrindt versteht das politische Handwerk aus dem Effeff. Die Fachleute in seinem Haus, von denen es bekanntlich ausreichend viele gibt, setzt er so ein, dass er davon profitiert. Abgesehen davon gilt er als fleißiger Aktenfresser, wie es so schön heißt, der sich selbst bis in die Details einarbeitet. Wäre er dann nicht tatsächlich der perfekte neue Unionsfraktionschef – CSU, CDU hin oder her? Immerhin war er ja auch schon einige Jahre lang CSU-Landesgruppenvorsitzender und wäre folglich mit der neuen Rolle vertraut.
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Dobrindt will keine falschen Spuren legen
Dobrindt selbst sagt zu solchen Spekulationen: wenig. Die Entscheidungen würden jetzt vorbereitet, antwortete er am Dienstag in Berlin auf die Frage, ob er für den Unionsfraktionsvorsitz bereitstünde. Alles, was er an Hinweise „in irgendeine Richtung“ geben würde, würde nur falsche Spuren ermöglichen. „Das will ich nicht, sondern wir warten ab, was die Beratungen der Parteivorsitzenden ergeben“, so der Bundesinnenminister.
Das spricht gegen ihn als Fraktionsvorsitzenden
Bei Lichte betrachtet erscheint es allerdings nicht wahrscheinlich, dass der CSU-Politiker zum Nachfolger von Jens Spahn wird. Dafür spricht einfach zu vieles dagegen. Einer der triftigsten Gründe: Thorsten Frei. Dem Chef des Kanzleramts wird nachgesagt, dort nie wirklich ganz angekommen und für eine Rückkehr in die Bundestagsfraktion offen zu sein. Anders als Dobrindt ist Frei Christdemokrat, was wiederum die CDU-Landesverbände etwa in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern bei Laune halten dürfte.
Die berühmte Handynummer der früheren Linken-Chefin
Zudem ist es kein Nachteil, wenn ein Vorsitzender die Fraktion nicht nur führt, sondern auch auf der Beziehungsebene die Abgeordneten erreicht. Kurzum: Unter der Reichstagskuppel menschelt es mehr als in einem straff organisierten Ministerium. Auch das spricht eher für Frei, der zudem gerne die Öffentlichkeit sucht. Wobei Dobrindt im politischen Betrieb durchaus als pragmatischer Netzwerker gilt. Berühmtestes Beispiel dafür: Als die Koalition den ersten Wahlgang von Bundeskanzler Friedrich Merz an die Wand fuhr, konnte Dobrindt mit der Handynummer der früheren Linken-Chefin Janine Wissler aushelfen, um einen zweiten Wahlgang zu organisieren.
Ein Ämtertausch wäre auch möglich
Wenn Dobrindt nicht neuer Fraktionschef wird, muss das allerdings nicht heißen, dass er Bundesinnenminister bleibt. Vieles hängt derzeit davon ab, wie groß die angedeutete Personalrochade in Berlin ausfallen wird. In Anbetracht der schlechten Umfragewerte für die Bundesregierung und auch für Friedrich Merz scheint einiges denkbar. Mögliche Optionen: Frei wird Fraktionsvorsitzender, Dobrindt wechselt ins Kanzleramt, im Bundesinnenministerium wird ein Job frei. Oder ein Ämtertausch von Frei und Dobrindt, damit die Organisation des Kanzleramts besser läuft – und Merz mehr glänzen kann. Dann braucht es noch eine Person X für die Fraktionsspitze. Aber die wird sich bis zur Sondersitzung der Fraktion am kommenden Mittwoch schon finden.