Neuer Trend

Stand: 23.07.2026 05:00 Uhr

Alleinsein, obwohl man von Menschen umgeben ist: Dieses Phänomen ist nicht nur auf das Leben in der Großstadt beschränkt. Aber dort startet gerade ein neuer Trend: Spazierclubs, die Menschen unverbindlich zusammenbringen wollen. Auch in Leipzig organisieren sich meist junge Leute, um zusammen durch die Straßen der Stadt zu laufen.

von Claudia Gutjahr-Almaguer, MDR AKTUELL

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Es ist ein sonniger Nachmittag auf der Karl-Heine-Straße in Leipzig. Etwa 150 vor allem junge Menschen und ein schokoladenbrauner Labrador haben sich versammelt, um gemeinsam spazieren zu gehen – beim sogenannten Leipziger Spazierclub.

Verabredet haben sie sich virtuell über Instagram, aber sie treffen sich im echten Leben zum Spazieren und Reden. Ob in Berlin, Braunschweig oder jetzt in Leipzig: Das Interesse ist groß. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus dem gesamten Stadtgebiet und teilweise aus anderen Städten wie Halle oder Zwickau.

Julia (li.) und Pese sind die Organisatoren des Leipziger Spazierclubs

Die Organisatoren: Julia und Pese

Veranstalter in Leipzig sind der Foto- und Videograf Pese und die 25-jährige Psychologiestudentin und Content- Creatorin Julia. Sie sagt, dass jetzt in der fünften Runde immer mehr Leute dazukämen: „Mich freut vor allem, wie viele Leute wiederkommen, wieviel Leute erzählen, dass sie aus dem Spazierclub heraus eine Freundesgruppe gefunden haben, dass sie zum Essen gehen und auf Partys, und das erfüllt das Herz und ist genau das, was der Gedanke hinter dem Spazierclub war.“

Für die Stadt Leipzig sind 150 bis 200 Menschen, die durch das Stadtgebiet ziehen, kein Problem. Der städtische Fußverkehrsverantwortliche, Friedemann Goerl, sagt, er freue sich, dass dieser Trend aus der Zivilgesellschaft heraus kommt. Das schaffe keine Verwaltung, das könne man nicht von oben forcieren.

Woher kommt diese – im sprichwörtlichen Sinne – Bewegung, die scheinbar aus dem Nichts entstanden ist? Christian Pentzold, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Leipzig, sagt, dass das Alleinsein eine Rolle spielt. Dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zufolge gibt in der Gruppe der 20- bis 30-Jährigen jeder Fünfte an, einsam zu sein. „Diese Spazierclubs sind eine Gelegenheit, mit anderen Leuten etwas zusammen zu machen, sprich die Suche nach einer unverbindlichen Gemeinschaft, ist sicher genauso Teil wie das Entkommen der eigenen vier Wände“, erklärt Pentzold

Aber ist es wirklich ein Trend? Das Wort ist ja teilweise negativ belegt als etwas Kurzlebiges, das schnell wieder im Sande verläuft. Geht es den Teilnehmern um Treffen, die unverbindlich bleiben oder die Flucht vor der Einsamkeit, die Experten zufolge vor allem bei jungen Menschen immer mehr zunimmt?

Christian Pentzold von der Universität Leipzig sagt: „Ich wäre vorsichtig, für eine ganze Generation eine Aussage zu treffen. Aber für die Leute, die dort mitlaufen, ist es doch ein Zeichen dafür, sich aktiv zu bewegen und Gemeinschaft zu suchen. Das spricht gegen den Trend der Vereinzelung, sondern dass da ein großer Wille und auch eine Freude und eine Lust dran da ist, sich mit anderen Leuten wirklich zu treffen und was gemeinsam zu machen.“

Nicht nur für junge Leute gedacht

Das Angebot richtet sich den Veranstaltern zufolge aber nicht nur an junge Menschen. Eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Voraussetzung ist nur, dass man ein Smartphone besitzt und sich in den sozialen Medien über den Spazierclub informieren kann. Das hält auch Menschen jenseits ihrer Zwanziger nicht davon ab, teilzunehmen. Eine Spaziergängerin sagt: „Ich bin nun mal etwas älter, nicht mehr die Jugend an sich, und ich muss trotzdem sagen, das ist vollkommen egal, wie alt man ist. Die Chemie stimmt und das ist das Wichtigste.“

Und das scheint tatsächlich für viele zu stimmen. Teilnehmer berichten davon, dass sie teilweise erst nach zwölf Stunden wieder nach Hause kamen, weil sich aus den Gesprächen noch ein Cafébesuch oder ein gemeinsames Essen ergeben hatte.

Wie schnell verpufft der Trend?

Die Frage ist nun: Bleibt es ein kurzlebiger Trend, der zwar für die Menschen einen positiven Effekt hat, oder könnte sich das Angebot verstetigen und längerfristig Menschen helfen? Professor Pentzold sieht dabei die Stellschraube im individuellen Engagement und sagt: „Wie in allen Strukturen, wo es um Freiwilligenbeteiligung geht, brauchen Sie Ermöglichende, auf Englisch facilitators, die eine Grundstruktur aufbauen. Und es braucht schon ein paar Ressourcen, mindestens dass eine Person sagt: Ich lade ein.“

Und wenn das nicht mehr stattfindet und alles komplett unverbindlich bleibt, dann besteht Pentzold zufolge die Gefahr, dass sich die Gemeinschaft einfach wieder auflöst, weil es keine Routinen gibt. Pese und Julia vom Spazierclub in Leipzig jedenfalls haben ihr Ziel, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen, schon mal erfüllt.