Das Bundeskriminalamt hat eine neue Statistik zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen veröffentlicht. Die Zahlen sind allgemein gestiegen, NRW ist trauriger Spitzenreiter mit einer Fallzahl von 4544 – wobei die Dunkelziffer noch deutlich höher liegen dürfte. Auch in Wuppertal steigen die Fallzahlen seit zehn Jahren kontinuierlich an. Wurden 2016 noch 65 Fälle erfasst, waren es im vergangenen Jahr 136.
Ein Sprecher der Polizei führt den Anstieg auf ein „erhöhtes Anzeigeverhalten“ zurück, das wiederum auf verstärkte mediale Berichterstattung aber vor allem auf die Aufklärungsmaßnahmen zurückzuführen sei. „Dies trägt zu einer Sensibilisierung der Bevölkerung für dieses Deliktsfeld bei“, erklärt er. Vermehrt habe man es zudem mit vielen Fällen des digitalen Missbrauchs, zu tun.
Mehrere Beratungsstellen
haben sich zusammengeschlossen
Auch die Polizei selbst bietet Beratung und Kontakt zu Hilfsorganisationen für Opfer von Sexualdelikten. Außerdem erhalten sie Verhaltenshinweise zum Selbstschutz. Daneben bietet die Polizei Präventionsangebot auf verschiedenen Ebenen und für diverse Zielgruppen an.
In Wuppertal gibt es zudem ein Verbundprojekt: Mehrere Beratungsstellen haben sich zusammengeschlossen und bilden nun gemeinsam die Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Ansprechpartner und Beratung gibt es bei der Stadt, der Caritas sowie bei der Diakonie.
Diese Fachstellen bieten nicht nur Beratung für Kinder, aber auch Eltern, in Einzelgesprächen im Rahmen eines anonymen Angebots mit Schweigepflicht an, sondern zudem Präventionsangebote in Kindertagesstätten und Schulen sowie für Fachkräfte. „Mir ist es wichtig, dass Kinder auch ohne das Wissen ihrer Eltern kommen dürfen“, sagt Vanessa Graudszus, die bei der Caritas in der Fachstelle tätig ist. Seit 2023 gibt es das Angebot in dieser Form, seither steigen die Zahlen. 2025 waren 75 Familien in der Beratung, ein Jahr davor 42 Prozent weniger. „Das liegt auch daran, dass unser Angebot bekannter wird“, so Graudszus. Tim Wassalowski von der Beratungsstelle der Diakonie stimmt ihr dabei zu und ergänzt: „Vermehrt kommen auch Lehrkräfte und Erzieher auf uns zu und holen sich bei uns Hilfe von Außen. Man öffnet sich da mehr und allgemein hat sich das Thema Kinderschutz gewandelt.“ Auch bei ihm steigen die Fallzahlen.
Nicht allen Gesprächen geht ein konkreter Missbrauchsfall voraus. „Es gibt auch Familien, bei denen nur der Verdacht oder die Befürchtung besteht. In solchen Fällen ist es ebenso wichtig, darüber zu sprechen und zu helfen, Prävention, wie wir sie auch für Schulen und Kitas anbieten, kann schließlich vor Schlimmerem schützen“, erklärt Graudszus.
Befragungen kosten die
Betroffenen sehr viel Kraft
Sollte es dennoch zu sexualisierter Gewalt gekommen sein, habe der Schutz der Betroffenen höchste Priorität. „Es ist besonders wichtig, dass der oder die Betroffene bei allen Entscheidungen einbezogen wird“, sagt Graudszus. Sie informiert und berät, etwa zur Anzeigenstellung, was danach passiert und welche Möglichkeiten es gibt. Die eigentliche Entscheidung, was nun weiter folgt, liege aber immer bei den Betroffenen. „Befragungen, mögliche Prozesse – das alles kostet sehr viel Kraft und reißt nicht nur Wunden auf, sondern kann in Teilen auch ins Leere laufen. Wir stehen den Betroffenen dabei aber durchgehend bei und begleiten sie.“
Wichtig ist es sowohl Graudszus als auch Wessalowski, dass die Betroffenen durch die Beratung auch stabilisiert und gestärkt werden. Auch ihre Bezugspersonen können hier Unterstützung bekommen, beispielsweise was den Umgang mit den Kindern betrifft.
Eine besondere Schwierigkeit sei dabei, dass Täter ihre Opfer mit allen Mitteln versuchen zum Schweigen zu bringen. Deshalb rät Graudszus vor allem, genau hinzusehen, besonders wenn Kinder sich plötzlich eklatant im Verhalten ändern. „Spezielle Symptome gibt es in solchen Fällen natürlich nicht, aber wer Veränderungen merkt und in die Kommunikation geht oder sich bei uns oder anderen Fachstellen beraten lässt, geht zumindest auf Nummer sicher.“
Nachdem in der Vergangenheit Fälle von sexuellem Missbrauch im Kirchenkontext aufgetreten war, hat sich der evangelische Kirchenkreis in Wuppertal nach eigenen Angaben in den letzten Jahren für das Thema sexualisierte Gewalt stark sensibilisiert. „Wir haben Schutzkonzepte und einen Interventionsplan erstellt, verlangen erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse und führen regelmäßig Präventionsschulungen durch“, erklärt die Sprecherin Sabine Damaschke. Wichtig seien hier auch innerhalb der eigenen Einrichtungen die „Sensibilisierung, Sprachfähigkeit und konkrete Handlungsmaßnahmen im Verdachtsfall“ zu stärken, Vertrauenspersonen seien zudem jederzeit ansprechbar.
Der Kirchenkreis hat sich systematisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt und Tausende Akten gesichtet, um Fällen sexualisierter Gewalt nachzugehen und diese aufzuarbeiten. Laut Damaschke werden die dabei gefundenen Akten von „externen Staatsanwälten auf ihre juristische Relevanz hin überprüft“. Dies dauere aber noch an, auch weil häufig weitere Recherchen dafür notwendig sind.