Die Visitenkarte der europäischen Hauptstadt flimmert dieser Tage in der Sommerhitze. Sie besteht aus einer runden, überdimensionierten Betonfläche, auf der Passanten vergeblich nach Schatten oder Bänken suchen. Dieser Ort im Herzen des EU-Viertels – der Schuman-Kreisverkehr – ist von einem Prestigeprojekt zu einem Sinnbild des Scheiterns geworden. Dabei wird kaum ein Platz so häufig fotografiert, gefilmt und live in die Welt übertragen wie jener zwischen dem Sitz der EU-Kommission, dem Ratsgebäude und dem Europäischen Auswärtigen Dienst.
Hier treffen sich Staats- und Regierungschefs zu Gipfeln. Korrespondenten schalten vor dem monströsen Berlaymont. Touristen ziehen über die Betonboulevards durchs Viertel, das gesäumt ist von stählernen Bürokomplexen und Verwaltungsburgen. Tausende Beamte strömen täglich aus der Metro. Benannt nach dem EU-Gründervater Robert Schuman, ist der Kreisverkehr so etwas wie das politische Zentrum Europas. Als „Visitenkarte“ für Brüssel bezeichnete ihn Pascal Smet, der frühere Brüsseler Minister für Mobilität und Stadtentwicklung.
Ein Platz zum Weglaufen statt zum Verweilen
Er war es, der einst die Sanierung des symbolträchtigen Platzes mit einem anfänglichen Gesamtbudget von rund 30 Millionen Euro angestoßen hatte. „Der einzige Grund, hier sein zu wollen, ist, mit seiner Freundin Schluss zu machen und dann so schnell wie möglich wegzurennen“, ließ er sich von Brüsseler Medien zitieren. Treffender lässt sich kaum beschreiben, welchen Ruf der Platz inzwischen genießt. Dabei sollte aus einem lärmenden Verkehrsknoten ein europäischer Stadtplatz werden – ein Ort, an dem sich Menschen gerne aufhalten, statt nur vorbeizueilen.
Das Siegerkonzept des Brüsseler Architekturbüros Brut und des dänischen Büros Cobe sah eine großzügige Fußgängerzone vor, gekrönt von einem kreisförmigen Stahlbaldachin mit begrüntem Dach. Die Konstruktion, angelehnt an den Plenarsaal des EU-Parlaments, sollte Schatten spenden, vor Regen schützen und dem Platz eine unverwechselbare Identität verleihen. Eine europäische Agora, wenn man so will: offen, urban und einladend. Geblieben ist davon erstaunlich wenig. Denn irgendwann ging der Stadt das Geld aus.
Beton, keine Bäume, keine Sitzgelegenheiten
Nach drei Jahren Bauzeit, jahrelangen Sperrungen, Chaos, Lärm und Kosten in zweistelliger Millionenhöhe präsentiert sich Schuman heute als riesige, helle Betonfläche. Bäume gibt es keine, Sitzgelegenheiten ebenso wenig. Am Rand schaufeln an diesem Freitag noch einige Bagger Schotter weg. Während einer Hitzewelle Ende Juni heizte sich der Platz so stark auf, dass er in den sozialen Netzwerken als „Europas größte Bratpfanne“ verspottet wurde.
Besonders vernichtend fällt das Urteil ausgerechnet von jenem Mann aus, der den Platz entworfen hat. „Am Ende haben wir tatsächlich den Platz bekommen, den niemand wollte“, sagte Francis De Wolf, federführender Architekt des Projekts, gegenüber Medien. Werde dieser Zustand dauerhaft, sei dies „das schlechteste mögliche Ergebnis“. Der zentrale Baldachin, dessen Bau nach Angaben der Architekten lediglich rund fünf Millionen Euro gekostet hätte, fiel politischen Querelen und explodierenden Baukosten zum Opfer. Übrig blieb gewissermaßen die Bühne, nur ohne Kulisse.
Das belgische Muster: viele Akteure, aber keiner fühlt sich verantwortlich
Hinter dem Desaster steckt das komplizierte politische System des belgischen Staatswesens und der Hauptstadt, in dem sich Zuständigkeiten auf Bund, Region, Stadt, Beliris, die föderale Infrastrukturgesellschaft, sowie europäische Institutionen verteilen. Zahlreiche Akteure waren an dem Projekt beteiligt, kaum einer fühlte sich am Ende verantwortlich. Als die Baukosten stiegen, fehlten plötzlich zwölf Millionen Euro. Zwar hatte das Projekt bereits 17,4 Millionen Euro aus dem europäischen Corona-Wiederaufbaufonds erhalten, doch für die Fertigstellung reichten die Mittel nicht mehr. Die Brüsseler Regionalregierung bat sogar die EU-Kommission um zusätzliches Geld, doch Premierminister Bart De Wever lehnte den Vorstoß als demütigende Bettelei ab. Am Ende entschied man sich für die belgischste aller Lösungen: Man baute irgendwie fertig.
Heute schieben sich die Beteiligten gegenseitig die Schuld zu. Es ist ein typisch belgisches Muster: Verantwortung wird so lange verteilt, bis sie niemand mehr trägt. Smets Nachfolgerin Elke Van den Brandt etwa verweist auf explodierende Baupreise infolge der Corona-Pandemie und Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie auf die politische Blockade in der Region. Beliris wiederum betont, lediglich politische Entscheidungen umgesetzt zu haben. Immerhin bei einer Sache herrscht Einigkeit: Das Ergebnis ist misslungen. Eine Vision ist zum ungeliebten Kompromiss verkommen.
Ein Platz nicht für heiße Sommertage gemacht
Hinter den Kulissen verweisen EU-Beamte zudem auf die Ironie der Geschichte hin. Während die EU groß darin ist, Strategien gegen Hitzeinseln in Städten zu verabschieden und klimaresiliente Stadtplanung sowie nachhaltige öffentliche Räume zu fordern, entstand direkt vor ihrer Tür ein Platz, der an heißen Sommertagen schlichtweg nicht zu benutzen ist. Mitte Juli einigte sich die Brüsseler Regierung nun auf einen „Überdachungsplan“, um mehr Grün auf dem Kreisverkehr anzulegen. Dieser solle einfacher und kostengünstiger sein als die ursprünglich vorgesehene Stahlüberdachung, deren Idee endgültig begraben ist. Wann die Änderungen umgesetzt werden sollen, ist aber offen. Allzu viele Möglichkeiten gibt es ohnehin nicht. Große Bäume etwa können wegen der Tunnel unter dem Kreisverkehr nicht mehr nachträglich gepflanzt werden.
Europa wollte seiner Hauptstadt einen Treffpunkt schaffen und ein Aushängeschild schenken, das Offenheit, Modernität und Selbstbewusstsein ausstrahlt. Herausgekommen ist der „hässlichste Platz“, den Architekten bedauern, Politiker verspotten und Passanten meiden.