
Lange galt militärische Zurückhaltung in Europa als Selbstverständlichkeit. Inzwischen dominieren Aufrüstung und Abschreckung den gesellschaftlichen Austausch.
Als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion zerbrach, schien für Europa ein goldenes Zeitalter anzufangen. Die bipolare Welt des Kalten Krieges war überwunden, die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den beiden Machtblöcken schien zeitlebens gebannt.
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In den 1990er-Jahren entstand die Vorstellung, dass Europa ewig in einer Ära des Friedens leben könnte. Verteidigungshaushalte wurden reduziert, Streitkräfte verkleinert und Aufmerksamkeit auf wirtschaftliche Integration, Globalisierung und gesellschaftlichen Wohlstand gelenkt.
Die Friedensdividende versprach, die finanziellen Ressourcen freizusetzen, die zuvor in Abschreckung und Aufrüstung investiert worden waren. Sicherheit schien keine militärische, sondern vor allem eine wirtschaftliche und politische Causa geworden zu sein. Mehr als dreißig Jahre danach wirkt diese Auffassung obsolet.
Die Rückkehr der Geschichte
Spätestens der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 markiert eine aufwühlende Zäsur. Krieg ist nach Europa zurückgekehrt und mit ihm kritische Angelegenheiten, die als überwunden galten: Wie lässt sich Sicherheit gewährleisten? Welche Rolle spielen Abschreckung und militärische Stärke? Und wie abhängig darf Europa von den Sicherheitsgarantien der USA sein?
Doch der Ukraine-Krieg ist weniger der Beginn einer schockierenden Ära als ihr sichtbarer Höhepunkt. Bereits die Annexion der Krim 2014, wachsende geopolitische Spannungen zwischen den USA und China sowie die Erosion internationaler Rüstungskontrollabkommen deuteten darauf hin, dass die vermeintliche feste Nachkriegsordnung brüchiger geworden war.
Die Geschichte ist nicht zurückgekehrt – sie war nie verschwunden. Europa hat lediglich (zu) lange geglaubt, sie hinter sich gelassen zu haben.
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Von der Friedens- zur Sicherheitsdividende
Das kollektive Vokabular hat sich in verblüffender Geschwindigkeit verändert. Bellizistische Begriffe wie Aufrüstung, Wehrfähigkeit und strategische Autonomie, die noch vor ein paar Jahren kontrovers diskutiert wurden, zählen nun zum routinierten politischen Tagesgeschäft.
Die Europäische Union investiert viele Milliarden Euro in Verteidigungsprojekte, Nato-Staaten erhöhen ihre Militärausgaben, und Deutschland hat mit dem Sondervermögen für die Bundeswehr einen rigorosen Kurswechsel eingeleitet. Bis 2029 möchte die deutsche Bundesregierung die Verteidigungsausgaben auf 153 Milliarden Euro erhöhen.
Zugleich gewinnt die Idee über einen europäischen Nuklearschirm enorm an Gewicht. Die Unsicherheit über die Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien – insbesondere vor dem Hintergrund den Entwicklungen in den USA – führt dazu, dass Frankreichs Nuklearstreitkräfte als Hauptglied einer europäischen Sicherheitsarchitektur verhandelt werden.
Die Friedensdividende ist einer Sicherheitsdividende gewichen: Sicherheit wird erneut als Voraussetzung für politische und wirtschaftliche Robustheit verstanden.
Eine neue Sicherheitsordnung entsteht
Europa befindet sich gegenwärtig in einer Periode strategischer Neuorientierung. Die Annahme, wirtschaftliche Verflechtung werde zu Beständigkeit führen, ist erheblich erschüttert worden. Russlands Angriffskrieg hat gezeigt, dass wirtschaftliche Beziehungen militärische Konflikte nicht zwangsläufig verhindern.
Somit gilt das Prinzip „Wandel durch Handel“ in den internationalen Beziehungen als veraltet bzw. überholt. Gleichzeitig macht die Konkurrenz zwischen den USA und China unmissverständlich deutlich, dass geopolitische Macht auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Sprengkraft verloren hat.
Hinzu kommt, dass moderne Sicherheitspolitik längst über klassische Militärpunkte hinausgeht. Cyberangriffe, hybride Kriegsführung, Desinformation und die Kontrolle kritischer Infrastruktur erweitern den Begriff der Sicherheit exorbitant.
Die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines im September 2022 sowie abermalige Warnungen vor Sabotageakten gegen Unterseekabel und Energieinfrastrukturen betonen, wie verwundbar hochvernetzte Gesellschaften geworden sind.
Die neue europäische Sicherheitsstruktur entsteht nicht allein auf den Schlachtfeldern der Ukraine, sondern in Rechenzentren, Satellitennetzen und digitalen Infrastrukturen.
Die Rückkehr der Abschreckung
Besonders bemerkenswert ist die Renaissance eines Wortes, das als Relikt des Kalten Krieges galt: Abschreckung. Jahrzehntelang wurde die europäische Sicherheitsarchitektur maßgeblich durch amerikanische Garantien getragen. Mittlerweile wird wieder unverblümt über militärische Stärke, nukleare Schutzschirme und glaubwürdige Abschreckung disputiert.
Beim deutsch-französischen Ministerrat im Juli 2026 auf Schloss Augustusburg in Brühl kündigten Bundeskanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron an, die Kooperation in Verteidigungsfragen auszubauen. Erstmals sollen deutsche Streitkräfte an einer französischen Nuklearübung teilnehmen. Ein Schritt, der früher nicht auszudenken gewesen wäre.
Das ist sowohl Ausdruck veränderter geopolitischer Realitäten als auch einer substanziellen Kursänderung. Sicherheit wird nicht mehr als Dauerzustand verstanden. Vielmehr als eine Dynamik, die aktiv hergestellt und verteidigt werden muss.
Die europäische Politik befindet sich im Zwiespalt: Zum einen wächst die Einsicht, dass militärische Fähigkeiten notwendig bleiben. Andererseits besteht die Gefahr, dass Aufrüstung und Abschreckung selbst zum Paradigma werden.
Das Ende der Illusionen
Die wahrscheinlich größte Transformation liegt im Ende einer europäischen Selbstverständlichkeit: der Annahme, Frieden sei der Normalzustand.
Die Generation nach dem Kalten Krieg ist mit der Anschauung aufgewachsen, dass zwischenstaatliche Kriege in Europa der Vergangenheit angehören. Diese Gewissheit ist gescheitert. Eine unkalkulierbare Sicherheitsordnung wird Europa in den kommenden Jahren prägen.
Unklar bleibt jedoch, ob sie zu größerer Stabilität führt oder die Rückkehr alter rivalisierender Muster markiert.
Leben nach der Friedensdividende
Die Friedensdividende war Symbol einer historischen Hoffnung: dass wirtschaftliche Verflechtung, internationale Institutionen und diplomatische Kooperation Militärmacht ersetzen könnten. Diese Hoffnung hat sich gänzlich zerschlagen.
Europa steht vor dem Richtungswechsel, Sicherheit neu zu definieren. Die Frage ist keinesfalls, ob die Friedensdividende endet – sie ist bereits beendet. Entscheidend ist, welche Ordnung an ihre Stelle tritt.
Fest steht: Der Sicherheitsplan der vergangenen drei Jahrzehnte trägt nicht mehr. Europa tritt in eine brenzliche Phase ein und muss erst noch lernen, was das bedeutet.